„Rwanda Bookmobile“

Unsere Nachbarin Shannon ist Amerikanerin, und ebenso wie wir ist sie seit 3 Jahren in Rwanda. Als Textildesignerin mit Spezialisierung auf Stickerei wollte sie hier vermutlich eher in die Modebranche einsteigen. Doch der Markt ist mit zahlreichen lokalen Näherinnen, etlichen traditionellen Massschneidereien und wenigen hochwertigen Textilboutiquen vermutlich gesättigt.

Doch Shannon sprüht vor Engagement und Kreativität, lässt sich von nix abschrecken und hat grenzenlos viele Ideen, so dass mir bei meinem Besuch bei „Rwanda Bookmobile“ und ihren Erzählungen ganz schwindelig wurde.

„Rwanda Bookmobile“ ist eine NGO, die Shannon 2019 gegründet hat. Gemeinsam mit ihrem Partner und 3 lokalen Angestellten schult sie ehrenamtliche Vorleser*innen, die auf 500 gespendeten Fahrrädern durch die ländlichen Gegenden Rwandas fahren. In ihren Fahrradtaschen haben sie Kinderbücher, aus denen auf dem Dorfplatz, auf dem Schulhof, auf dem Fussballfeld, auf Farmen aber auch in privaten Innenhöfen vorgelesen wird. Besonders beliebt sind diese Aktionen in der Ferienzeit, da die Kinder fast 3 Monate zu Hause sind und keinerlei Anregungen bekommen. Oft vergessen sie das Gelernt oder sie kehren am Ende der Ferienzeit gar nicht mehr in die Schule zurück.

Doch es wird nicht nur vorgelesen. Shannon hat „Papa Yambi“ ins Leben gerufen, der mit einem Jeep durch Rwanda fährt und den Kindern aus seinem Leben berichtet. Dabei greift er viele Bildungsthemen spielerisch auf. So sind Ernährung, Umwelt, Teamgeist, Gender, Menschenrechte etc. Teil des selbst gestellten kindgerechten Bildungsauftrages.

Shannon hat mit ihrem überaus kreativen Team auch eine Kinder-Radio-Sendung initiiert, die regelmäßig am Wochenende ausgestrahlt wird. Dort werden Kurzgeschichten von „Papa Yambi“ erzählt und auch wieder Bücher vorgelesen. Das Beste an allem ist, einige Geschichten werden ab und an von blinden Kindern gelesen. Shannon unterstützt insbesondere Kinder mit Behinderungen. Einerseits fördert sie mit ihrer NGO das Lesen und motiviert zum Erlernen der Braille-Schrift und andererseits bringt sie die Fähigkeiten blinder Kinder durch das Vorlesen in die Öffentlichkeit. Genial! Ich war bei meinem Besuch bei ihr so sehr begeistert, dass ich am Liebsten gleich meinen Job hätte kündigen und bei ihr mitarbeiten wollen. Doch ich bin ein „Sicherheitsmensch“ und wenig spontan in großen und weitreichenden Entscheidungen.

Shannon war mit ihrem Team auch im Rwandischen Flüchtlingscamp Mahama, in dem 60.000 burundische Flüchtlinge leben, die Hälfte davon Kinder. Es war ein Wunder, dass sie das Camp mit ihrem Team überhaupt hatte betreten dürfen! Normalerweise braucht man eine Genehmigung, unzählige Papiere und wahnsinnig viel Geduld beim Warten auf die schriftliche Einreisebestätigung. Aber sie hat es irgendwie doch auch so geschafft.

Mit dem Bookmobile besucht sie auch regelmäßig Schulen und kirchliche Einrichtungen, in denen Kinder mit und ohne Behinderungen beschult werden. „Papa Yambi“ hat den Kleinen mit seinen Geschichten, den bunten Stofftieren und einem mobilen „Spielekoffer“ so unendlich viel Freude gebracht, dass man es kaum in Worte fassen kann. So berichtete mir Shannon nach ihren Besuchen. Das Besondere an den Lesungen ist außerdem, dass jede mit kleinen Bewegungs- und Yoga-Übungen verbundene wird. So hat nicht nur der Geist sondern auch der Körper etwas von diesen wunderbaren theatralischen Aufführungen.

Für eine Bibliothek in Kigali hat „Rwanda Bookmobile“ 100 Kinderbücher in Braille gespendet. Die Geschichten sind alle von ehrenamtlich tätigen Studentinnen und den Hauptangestellten geschrieben, danach gedruckt und liebevoll mit bunten Kitenge-Stoffschleifen gebunden worden. Die Freude bei den Kindern darüber war riesengroß.

„Hands on!“ ist das Motto von Shannon und ihrem Partner Dane. Sie warten nicht auf Genehmigungen, auf staatliche Verordnungen oder auf Gesetze-die die Inklusion von Schulkindern regeln. Shannon packt aktiv und mit ganz viel Liebe, Hingebung, Kreativität und Tatendrang an. Sie verändert und bereichert die Kindheit vieler Jungen und Mädchen hier in Rwanda. Ein (mein) Vorbild!

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