Export Indien

Wir planen unser Visa Interview 17. Januar 2018

Wir haben nicht damit gerechnet, dass es irgendwelche Schwierigkeiten mit dem indischen Visum geben würde – aber es scheint, dass heutzutage niemand einen Fremden so leicht in’s Land lässt, um zu arbeiten. Auf jeden Fall haben wir eine Einladung erhalten an die indische Botschaft für ein Interview. Hoffentlich gibt es nicht wirklich Probleme.

Discussing the visa interview 22. Januar 2018

Getting the visa seemed to me not that problematic as it turned out to be.

We applied for an employment/intern visa as this was the recommended approach for us – we got some good invitations from the NGO we wanted to work for.

For end of January we received an invitation to the Indian embassy – which ended up – in short words – humiliating. We were treated like trash begging to work in India for no money (btw. after letting us wait for 45 minutes even we had an appointment – then interviewing at the corridor) . Here some of the crazy arguments the officer from the Indian embassy told to us:

  • Why don’t you rather go to Somalia for help?
  • This is a very small organisation – there is no sense for you to go there.
  • Don’t you think, India has enough IT experts to do all the work you are planning to do?
  • The description in the invitation is far too simple – it should be much more detailed with proper plan what exactly to do.
  • But even though you would describe more – aargh – this would not help either as you are over qualified for the job.
  • You are such a high qualified expert – why do you waste your time out there in the rural area?
  • We would be rather very happy to provide to you a multi entry tourist visa to visit all your friends.

We took the last advice and thought about it – the first idea obviously was „F… off! If you don’t want us there, we find good other places.“.  But after sleeping over – we gave it a chance and this is how we gonna start.

Just going there as tourists – visit the friends – visit some NGOs – but no official work. It’s gonna be fine anyway. We are excited about this and preparing for the flights now.

And here the invitations we had – for me they looked good:

Das Dorf erwartet uns 11. Februar 2018

Heute haben wir ein paar Bilder von der Dorfschule bekommen. Das sieht schon alles ziemlich gut aus. Sie warten auf uns – und wir sind schon ziemlich aufgeregt. Hoffentlich können wir auch die Erwartungen erfüllen.

Abschiedsparty 17. Februar 2018

Mit unseren Freunden haben wir vor dem Sabbatical eine Abschiedsparty gemacht. Wieder mit viel Musik und afrikanischem Essen dank Lamin.

Abschied nehmen 27. Februar 2018

In den letzten Tagen habe ich mich schrittweise und auf sehr unterschiedliche Art und Weise von Freunden, Familie und Arbeitskollegen verabschiedet. Eigentlich hatte ich gar nicht mit so vielen Abschiedsemotionen sowohl von mir als auch von anderen gerechnet. Schließlich kommen wir ja in nur einem halben Jahr wieder, und was ist schon ein halbes Jahr? Im Alltag ist das oft nicht viel… aber als Auszeit dann doch richtig lange!
Zum Abschied habe ich so viel bekommen: herzliche Grüße, gute Wünsche, selbst gestaltete Karten mit tollen Gedanken. Ich war überwältigt von so viel Anteilnahme für meine kleine Auszeit. Es gab auch etliche Abschiedskaffees. Gott sei Dank habe ich die alle gut vertragen… na ja zum Ausgleich gibt’s die nächsten Monate Indischen Tee!
Es war auch richtig schön, gemeinsam zum Abschied zu kochen, Essen zu gehen oder einfach was Leckeres zum Essen einzukaufen und Zeit miteinander zu haben.
Zwei Abschiedsgeschenke werde ich richtig auf Reisen mitnehmen: einen Glücks- bzw. Segensstein, den mein Mann und ich von einer lieben Kollegin bekommen haben. Der passt wirklich noch gut in unser Reisegepäck. Und mein eigenes kleines Reisemonster wird mich begleiten. Ein Kollege hat es mit anderen Kreativen extra für mich entstehen lassen.
Ich bin unterdessen schon etwas aufgeregt, in zwei Tagen geht es los. Die letzten Vorbereitungen beim Packen laufen. Zum ersten Mal weiß ich nicht so genau, was mich erwartet und wie die Reise verlaufen wird. Aber, was hat mir eine liebe Kollegin zum Abschied geschrieben: „Wer von Anfang an genau weiß, wohin sein Weg führt, wird es nie weit bringen.“ (Napoleon)
Ich danke euch allen für die schönen Abschiede… wir sehen uns dann in 6 Monaten wieder.

LG Sonja

1. März 2018

Endlich geht’s los. Die Sachen sind gepackt und fertig verstaut, auf dem Rücken und wir sind unterwegs.

Ankunft in Mumbai 4. März 2018

Freitag früh 5:17 Uhr sind wir in Mumbai auf dem Flughafen angekommen, Dank der Ankunftszeit waren die Temperaturen erträglich, nur 30 Grad. Dann brauchten wir noch 1 Std. mit dem Taxi bis zum Haus unserer Freunde in Neu Mumbai.
Drei Dinge nimmt man schon in wenigen Stunden wahr: die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, das wunderbare vielfältige Essen aber auch den Schmutz und die Armut überall.
Zum Ausruhen sind wir in den ersten zwei Tagen noch nicht gekommen. Uns wurde in kurzer Zeit ein Update des gesamten Lebens unserer Gastgeber vermittelt, eine Einführung in indische Traditionen gegeben und einige Sehenswürdigkeiten im Schnelldurchlauf gezeigt. Selbstverständlich fehlte gutes selbstgemachte Essen und ausreichende Getränke nicht.

Unterdessen sind wir heute in PUNE angekommen. Morgen geht es von hier aus nach Alegaon ( Dorfgemeinschaft mit Schule) in der Nähe von Sangola (die nächste Stadt, 10 km entfernt). Auch hier in PUNE sind unsere Gastgeber phantastisch, es ist kaum auszuhalten, was wir alles geboten bekommt. In nur wenigen Stunden kennt man die ganze Familie (fremde Leute), bekommt man ein Motorrad zum Herumreisen, ich werde indisch eingekleidet damit das Abendessen auch perfekt ist und schön ist, wir besuchen zum Nachtgebet einen der schönsten, vergoldeten Tempel und nehmen an einer Feiertagszeremonie teil. Und wieder ein toller Tag vorbei.

Erste Kontakte 6. März 2018

In Pune treffen wir Sagar und seine Familie. Gemeinsam mit Sagars Vater Baba ist er Hauptinitiator der Schule. Diese entstand ansatzweise vor 10 Jahren und wurde schrittweise erweitert. Wir besprechen in traditionellem Outfit, was die Anforderungen an uns sind. Es wird schnell klar, dass es ein rieges Projekt ist und wir viele Freiheiten bekommen, um zu strukturieren, die Lehrer zu vernetzen, Angehörigenarbeit zu etablieren, Öffentlichkeitsarbeit zu initiieren, Spendenakquisition durch den Aufbau einer Web-Site zu betreiben und natürlich mit unserer Anwesenheit für die Schule zu werben. Also kein Gedanke an ausruhen, oder doch?

Unsere Gastgeber 7. März 2018

Nach einer quälend langen Autofahrt von 5 Stunden über Straßen, die diese Bezeichnung gar nicht verdienen, sind wir gestern Abend in Alegaon angekommen. Irgendwo im Nirgendwo! Wir sollen/wollen die nächsten 5 Monate in einem Farmhaus bleiben, in dem eine Familie mit 7 Personen lebt. Mit ihnen leben zwei Hunde, eine Katze, ein Dutzend Ziegen, 9 Kühe, 2 Ochsen und etliche Hühner. Das Farmland besteht aus einer kleinen Granatapfelplantage, Maisfeldern und einigen Mangobäumen.
Für uns wurde extra ein separates kleines Haus (eigentlich ist es nur ein Zimmer) freigeräumt. Waschraum und Toilette sind in gemeinschaftlicher Nutzung im Nebengebäude und immerhin gefliest sowie mit europäischem WC ausgestattet, also nicht nur ein Loch im Boden. Beides wurde auch extra für uns gebaut und wenige Tage vor unserer Ankunft fertiggestellt. Bis dahin sind alle zur Toilette aufs Feld gegangen (aus Gewohnheit machen Sie das wohl auch noch einige Zeit). Elektrizität ist vorhanden, jedoch mit einigen 5 Minütigen Ausfällen am Tag. Internet gibt es auch, jedoch ebenfalls mit häufigen Unterbrechungen.

Und das sind unsere Gastgeber: drei Brüder, von denen einer-mit 72 Jahren der Älteste- die Schule vor 10 Jahren gegründet hat. Auch heute noch geht das gesamte Geld seiner Pension in die Schule und er lebt bescheiden auf der kleinen Farm.

Heute früh war dann auch unser erster „Arbeitstag“. Wir haben uns mit 6 von 12 Lehrern und dem Schulleiter getroffen und erste Themen besprochen, die angegangen werden sollten. Dabei haben wir dann auch gleich feststellen müssen, dass das gesamte Unterfangen ein recht großes Projekt wird oder werden könnte aufgrund der vielen Themen. Na ja, erstmal drüber schlafen und dann schauen wir morgen mal.

Was uns richtig zu schaffen macht, ist die Hitze. Man kann eigentlich effektiv nur 7-11 Uhr und 16-19 Uhr was machen, zwischenzeitlich sind 37 Grad! Ab 18:30 Uhr ist es dunkel… und ich meine dunkel, da kein Licht aus anderen Fenstern scheint, keine Strassenbeleuchtung den staubigen Weg erhellt, ist es nicht nur dunkel, sondern finster. Aber man sieht einen traumhaften Sternenhimmel, man hört Geräusche, die man nicht kennt und man riecht Dinge, die man nicht zuordnen kann. Natur und Landleben auf einfachste und puristische Art und Weise. Toll zum Ausspannen! Bin gespannt, ob ich das in ein paar Tagen auch noch so sehe oder nur heute, da alles neu und ungewohnt, aufregend ist.

7. März 2018

Nun sind wir eine Woche in Indien und Magen und Darm sind (noch) in Ordnung. Während wir in Mumbai noch relativ milde Gerichte bekommen haben, nimmt die Schärfe jetzt von Tag zu Tag zu. Unser Besucherbonus scheint aufgebraucht, wir sind in die Familie aufgenommen und bekommen „keine extra Wurst gebraten“ und das im wahrsten Sinne. Die Schwiegertochter bekocht alle und muss daher früh als Erste aufstehen (4:30), da die Männer aufs Feld und zu den Tieren müssen. Sofern es dann der unterschiedliche Arbeitsalltag in der Landwirtschaft und in der Schule zulässt, essen wir gemeinsam mit der Familie. Morgens gibt es Grieß oder Reis mit gerösteten Erdnüssen, Koriander und zahlreichen anderen Gewürzen.

Wasser gibt es zu den Mahlzeiten offiziell nicht. Wir brauchen das jedoch, schon wegen der zu erwartenden Hitze. Ansonsten wird immer nur ca. eine halbe Stunde vor dem Essen getrunken, da bekommen alle gesüßten Schwarztee mit Milch.
Mittagessen entfällt für uns aufgrund der Hitze. Wir bekommen ohnehin keinen Bissen runter und trinken literweise Wasser. Zu Hause schaffe ich es oft nicht einmal, einen Liter zu trinken aber hier kann es nicht genug sein!
Das Abendessen wird für jeden auf einem kleinen runden Tablett mit einem etwas höherem Rand serviert. Darauf stehen zwei bis drei winzige Schüsseln, in denen sich eine Sauce, gedünstetes Gemüse oder ein Curry befinden. Alles unterschiedlich scharf. Außerdem sind auf dem Tablett Chapati (Fladenbrot) und verschiedene kleine, ebenfalls sehr unterschiedlich scharfe Gewürzhäufchen angerichtet. Alles wird irgendwie mit den Inhalten der kleinen Schüsseln „vermanscht“. Man hat darauf zu achten, nur und ausschließlich die rechte Hand zu benutzen. Ich schaffe das bisher nicht und muss nach einem Löffel fragen. Das trägt oft zur Belustigung aller bei. Thomas isst fast wie ein Einheimischer und bekommt daher auch schneller immer wieder Nachschlag. Ich versuche das „Fingerfood“, nutze jedoch irgendwann immer den Löffel.
Die Lebensmittel für die Mahlzeiten kommen alle aus Eigenanbau und sind absolut biologisch. Was nicht auf natürliche Art und Weise wächst, gibt es nicht. Somit ist die Vielfalt auf dem Land, im Gegensatz zu Mumbai, doch sehr eingeschränkt. Aber alles ist immer richtig lecker und nicht nur salzig sondern phantastisch gewürzt. Auch hier bleibt abzuwarten, wie ich das in einigen Wochen oder gar Monaten einschätze.

Um unsere Gastfamilie zu unterstützen, waren wir am Spätnachmittag mit dem Motorrad auf einem lokalen Lebensmittelmarkt ca. 30 Minuten von unserem Farmhaus entfernt. Der Geruch auf dem Markt… unbeschreiblich! Fisch und Fleisch auf engstem Raum bei Temperaturen von immer noch 30 Grad.
Wir wollten Hühnchenfleisch kaufen, da sich das die Familie nicht leisten kann. Sofort bekamen wir ein lebendes Huhn angeboten aber was sollten wir damit auf dem Motorrad. Also wurde fix ein herumhängendes, ausgenommenes blutiges Huhn in kleine Einzelteile zerhackt und in eine Plastiktüte gestopft. Ich bin nur nicht zusammengebrochen, da ich durch meinen Schnupfen starkes Eukalyptusöl unter der Nase hatte, das war meine Rettung!
Außerdem wollten wir auch noch Obst, Gemüse und Wasser kaufen. Alles haben wir bekommen und um den Preis gefeilscht, wie die Profis. Zum Schluss hatten wir von allem und so viel, dass der Rücktransport mit 10 Liter Wasserflaschen und einem vollen Rucksack auf dem Rücken eine kleine Herausforderung war.
Bin gespannt, wie weitere Einkäufe ablaufen und ob ich mich auch daran gewöhnen werde.

Internationaler Frauentag in Indien 8. März 2018

Jeder Schultag beginnt 8:30 und endet 12:50 Uhr. Unsere Arbeitszeit!
Es ist kaum zu glauben, heute am 8. März wird hier der Internationalen Frauentag richtig und ganz offiziell gefeiert. Alle Mädchen wurden gestern bereits aufgefordert, in festlichem Sari zur Schule zu kommen. So durfte auch ich nicht europäisch angezogen erscheinen. Gott sei Dank hatte ich bereits in Pune von unserer dortigen Gastfamilie traditionelle Sachen mitbekommen, die nun gleich zum Einsatz kamen.
Als Frau und noch dazu als Europäerin, war ich die Hauptperson der Zeremonie. Was ich natürlich nicht wusste und auch in dem anstehenden Umfang bzw. mit dieser Wichtigkeit nicht geahnt hatte. Thomas bekam zwar auch extra einen orangefarbenen Turban verpasst aber mir wurde die Ehre zuteil, die Zeremonie abzuhalten unter verbaler Anleitung des Schulstifters (Baba). In größter Hitze das Richtige tun und das Falsche unterlassen vor den Augen von 200 Schülern und 12 Lehrern und noch etlichen Schulhelfern sowie Neugierigen das war eine Herausforderung. Unzählige Male wurden wir fotografiert. Ich musste ständig wegen des grellen Sonnenlichtes (ohne Sonnenbrille) blinzeln und daher dauerte das Fotografieren noch länger. Bereits nach den ersten Fotos war ich fix und alle.
Danach referierten 5 Schülerinnen aus der 7. Klasse in englisch kurz zu jedem Frauenbild wichtige Lebensdaten zur Person. Anschließend sollte auch ich spontan ein paar Worte zur Wichtigkeit dieses Tages und zu den neuen Errungenschaften für Frauen sagen. Gar kein Problem! Das mache ich doch in englisch jeden Tag… mir wurde noch heißer! Aber einige allgemeine Sätze habe ich dann doch geschafft! Somit war das Thema Frauenrechte bzw. die Rolle der Frau gleich am dritten Tag abgehandelt und eine an mich gestellte Anforderung erreicht.

10:30 Uhr sind wir von Baba ins Dorf zum Tempel begleitet worden. Uns wurde ein Motorrad zur Verfügung gestellt, damit wir ein wenig Fahrtwind bekommen. Der Weg ins Dorf ist nicht weit, wäre zu Fuß von der Schule auch möglich gewesen aber wie gesagt, bei diesen enormen Temperaturen, bewegt sich eigentlich niemand. Also absolvierten wir erneut in größter Hitze das gewünschte Mittagsgebet und das ganze Dorf war zufrieden und hatte uns nun auch einmal life gesehen und nicht nur von uns gehört.

Das reichte jedoch an Ereignissen noch nicht aus. Gerade heute wurde auch noch das 100-jährige Bestehen des örtlichen Kreditinstitutes (Dorfbank) gefeiert. Also ging es 12 Uhr erneut ins Dorf zur nächsten Zeremonie. Auch hier war ich kurz Teil der Zeremonie und es folgten gefühlte 100 Fotos. Jeder aus dem Dorf musste, wollte und sollte mit uns aufs Bild. Mein Lächeln wurde verkrampfter, die Schweißtropfen rannen den Rücken runter und die Performance hörte schier nicht auf. Zum krönenden Abschluss wurde uns und allen anderen Teilnehmenden ein Becher Tee gereicht und es gab etwas Brot, kleine gründe Pepperoni und einen frittierten Kartoffelball (den indischen Namen dafür habe ich schon wieder vergessen). Alle waren nun gespannt, was wir mit den Pepperoni machen würden. Thomas hatte damit gar kein Problem und ich knabberte Mikro- nein Nanostückchen und freute mich, dass mir nicht die Tränen in die Augen schossen. Gut für Magen und Darm, dachte ich…und nur weg damit!

Wie selbstverständlich werden wir in alles einbezogen. Das ist manchmal anstrengend, da die Kommunikation in englisch nur mit wenigen Personen möglich ist. Hindi sprechen wir nur ein paar wichtige Sätze bzw. Worte und Marathi (separate Sprache in Mittelindien) gar nicht.
Es war ein toller Tag mit vielen Eindrücken. Jetzt freue ich mich aber auf den Nachmittag: entspannt im Schatten vor dem Haus sitzen und NICHTS machen, nur Wasser trinken und darauf warten, dass das leckere Abendessen fertig ist. Fein!

Lektion gelernt 9. März 2018

Unterdessen haben wir vier Unterrichtstage miterlebt und morgen, Samstag ist auch noch ein Schultag. Das System kennen Thomas und ich teilweise auch noch aus unserer Schulzeit.
Am ersten Tag waren wir erstaunt, ja teilweise schockiert, was hier Unterricht bedeutet. Nach vier Tagen haben wir unsere Lektion jedoch gelernt! Die Bedingungen unter denen die Lehrer ihren Unterricht gestalten und die Schüler lernen müssen, sind um ein vielfältiges härter, als man es sich nur ansatzweise vorstellen kann. Alle Klassen bzw. Jahrgänge-angefangen von der Kita bis zur 8. Klasse-sind mit 10 bis 16 Schülern in kleinen, überdachten halbwandigen Räumen untergebracht. Wunderbar denkt man, dann kann in der Hitze ja etwas Luft zirkulieren. Stimmt! Allerdings ist der Geräuschpegel dadurch auch gigantisch. Man hat an jedem Klassenraum immer mind. 2 angrenzende Räume, in denen lautstark andere Unterrichtseinheiten abgehalten werden. Liest in der 7. Klasse z. B. gerade jeder Schüler leise für sich einen englischen Text, singt dahinter die Kitagruppe, nebenan referieren die Schüler der 6. Klasse in Marathi und auf dem Hof toben die Kids der Lehrerinnen, die (noch) nicht in die Einrichtung aufgenommen wurden. Auf dem Gang unterhält sich ein Lehrer mit dem Schulleiter in Hindi, der Hausmeister scheppert mit Wasserkübeln durch angrenzende Flure und Schulhelferinnen kehren singend den Abstellraum. Ich bin komplett überfordert! Ich höre alles und verstehe doch gar nichts!

Ausversehen hatte ich gestern in der 7. Klasse Interesse an ihrer Yoga-Stunde bekundet. Das hatte ich mir wohl nicht gut überlegt. Pünktlich 12 Uhr ging heute die Tür des Klassenzimmers auf, in dem wir gerade versuchten, dem Unterricht zu folgen. Ich wurde mit strahlendem Lächeln von einer Schülerin eingeladen, nun Yoga mitzumachen. Ich konnte auf keinen Fall ablehnen! So saß ich in der größten Mittagsglut mit 3 Schülern und 4 Schülerinnen auf einer überdachten kleinen Terrasse im Schneidersitz. Schnell wurde klar, dass meine bisherigen Yogastunden (immerhin 1 Jahr) diesen Anforderungen nicht genügen würden aber ich gab mein Bestes: dehnte, atmete und Omm´te, was auch immer möglich war. Zur Freude aller versteht sich und mit Fotoaufnahme durch den Schulleiter. Klassenbeste war ich natürlich nicht!

Thomas und ich sind jedoch nicht nur in der Schule präsent. Diese erste Woche war zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Kontakte knüpfen. In Indien läuft alles sehr hierarchisch. Ohne bestimmte Personen geht einfach gar nichts. Man muss immer bedenken, den Schulstifter zu fragen, danach erfolgt noch die Abstimmung mit dem Schulleiter, im besten Fall auch noch mit dem Schuladministrator und selbstverständlich mit dem Lehrer. Gott sei Dank, kennt Thomas das System schon. Ich hätte sicherlich zahlreiche Fettnäpfchen erwischt.

Unsere Aufgabe ist es, die Schule finanziell sicherer zu stellen ( neue Web-Site für spendende Unterstützer), die Unterrichtseinheiten zu verbessern und die Sichtbarkeit der Schule in der einheimischen aber auch in der internationalen Öffentlichkeit zu erhöhen. Eine RIESEN Aufgabe. Aber ich reise ja mit meinem persönlichen Profi-Projektmanager und gemeinsam haben wir unter Beachtung aller Hierarchien eine Plan gemacht, der nun noch Struktur bekommen soll. Dazu veranstalten wir morgen mit den 12 Lehrern, dem Schulleiter und dem Schuladministrator einen mehrstündigen Workshop. Wir wollen versuchen, aus der Lehrerschaft für die Zielerreichung tragfähige Ideen zu generieren. Nur dann werden diese auch praktisch im Alltag umgesetzt. Es gibt nur ein Problem…das ist ein typisch deutsches Vorgehen, mit Struktur und Flipchart, Witheboard, Kartenmaterial, Brainstorming…na ja mit den ganzen Moderationsmodulen. Wir haben keine Ahnung, ob das hier „wirkt“ also ob das System der offenen Meinungsäußerung und der selbstkritischen Reflexion möglich ist. Sicher ist, dass der Workshop morgen richtig schwer für uns wird. Alle Lehrer sind total motiviert und freuen sich, mit uns was zu machen. Ha, noch wissen Sie ja nicht, was morgen auf sie zukommt. Viele haben heute nach der Schule gemeinsam mit uns den Raum für morgen vorbereitet. Die Gesichter hättet ihr sehen müssen… Pinnwand? Großflächiges Papier? Flipchart? Textmarker? Beamer? Letzteres haben wir, alles andere ist total improvisiert. Erstaunlich, was man alles anders als ursprünglich gedacht nutzen kann. Ich muss an mein Väterchen denken: „ …erst brauchen wir eine vernünftige Ausrüstung und dann fangen wir an…“ So funktioniert hier gar nichts! Ausstattung? Kann doch alles irgendwie verwendet werden und was wir nicht haben, können wir auch nicht nutzen, also Improvisation ist hier das A und O!

Ich bin sehr gespannt auf den Workshop und ob es uns gelingt, die doch etwas träge Masse zu aktivieren. Auf keinen Fall wollen wir als die besserwissenden Europäer daherkommen und jahrelange gute Aufbauarbeit kritisieren. Und trotzdem müssen bestimmte Dinge angesprochen werden, die die Routine der Lehrerschaft unterbrechen werden. Das ist unser Auftrag, dafür wurden wir eingeladen. Morgen geht es also richtig los. Bitte alle Daumen drücken!

10. März 2018

Der Tag begann heute mit einer erneuten Zeremonie. Der serpanch (Dorfvorsteher) von Alegaon hatte extra zu unserer Begrüßung dazu eingeladen. Allerdings waren nur männliche Vertreter unserer Gastfamilie Babar gebeten worden zu kommen. Demnach war Thomas diesmal die Hauptperson und musste Teile der Zeremonie übernehmen. Wir bekamen beide den uns schon bekannten orangefarbenen Turban und durften als besondere Ehre das Innere des Tempels betreten und dort beten. Das Heiligtum wird normalerweise nur von Tempelverantwortlichen betreten. Selbstverständlich musste Thomas eine kurze Rede halten, auf englisch und auf deutsch. Die Herren wollten unsere Muttersprache einfach mal hören. Dass wieder zahlreiche Fotos gemacht wurden, brauche ich eigentlich nicht erwähnen.

Auch den zweiten Teil des Tages, unseren Workshop mit den Lehrern, haben wir in 2 Stunden gut geschafft. Zwar konnten wir nicht mit unserer vorbereiteten PowerPoint Präsentation starten, da der Strom gerade dann wieder ausfiel. Damit hatten wir jedoch gerechnet und waren auch anderweitig gut vorbereitet! Der typische Plan B für deutsche Projektmanager.
Da das englische Sprachniveau der einzelnen Lehrer sehr unterschiedlich ist, musste oft in Marathi übersetzt werden. Jeder Lehrer musste je 3 positive und 3 zu verbessernde Inhalte im Schulalltag aufschreiben und diese dann vor den anderen Kollegen/innen vorstellen. So eine offene Kommunikation ist eher untypisch. Ich hatten den Eindruck, dass es für einige der Frauen noch etwas schwieriger war, vor den anderen (Männern) zu sprechen. Aber sie brachten gute Inhalte. In der Kommunikation der Männer ist mir aufgefallen, dass sie überwiegend zu uns und weniger zu den (weiblichen) Kolleginnen gesprochen haben. Auf Fragen wird sehr schnell zugestimmt, „Yes, yes…“ oder „Ha, ha…“ in der Muttersprache. Dabei wird aber der Kopf geschüttelt! Obwohl ich diese konträre Verhaltensweise kenne, bin ich immer mal wieder verunsichert und werde stutzig. Zweimal kam eine Diskussion in der Muttersprache auf zu einem Thema, welches unterschiedlich, also positiv und negativ, von den Lehrern bewertet wurde. Da mussten wir dann deutlicher strukturierend eingreifen. Ansonsten lief alles ganz prima. Strom war auch nach einer gewissen Zeit wieder vorhanden und so verlief alles zu unserer Zufriedenheit. Wir haben auch Ergebnisse erzielt. Diese müssen jedoch jetzt schrittweise in 5 Arbeitsgruppen umgesetzt werden. Das wird, aufgrund anderer Vorstellungen von Pünktlichkeit und Disziplin, eine weitere Herausforderung für alle!

11. März 2018

Heute wollten wir am Sonntag in‘s Kino nach Sangola, auch wenn wir bestimmt Probleme mit dem Verständnis gehabt hätten. Das Kino ist ewig weit außerhalb. Man fährt über eine staubige Landstraße vorbei an vereinzelt hingespuckten Wellblechhütten und noch nicht ausgewachsenen Bauwerken bis man irgendwo im Nirgendwo auf ein riesiges Multiplexkino stößt, dass Sonntags leider geschlossen ist. Wir hatten eigentlich vorgehabt, die Mittagshitze schön klimatisiert im Kino zu verbringen und standen nun in der brutzelnden hirnwegschmelzenden Hitze mitten in der Pampa. Wir haben uns dann zu Fuß ein wenig durch das staubige Gelände gewagt und stießen hinter einem Damm auf eine grüne Gemüseplantage, verbunden mit einem riesigen Bewässerungssystem. Inzwischen hat man angefangen, hier Wasser als Bodenschatz abzubauen. Wer auch immer etwas Geld zusammenkratzen kann, bohrt ein paar 200m tiefe Löcher – und wenn Strom da ist, gibt es auch Wasser.

Der Effekt ist gewaltig, wie man auf den Bildern sehen kann. Auf der einen Seite wüstes Brachland – auf der anderen Seite blühende Landschaften.

Indische Zeit 12. März 2018

Heute habe ich zum ersten Mal den Unterschied zwischen deutscher und indischer Zeit erfahren.
Wir waren 14 Uhr zu einer Tanzaufführung eingeladen worden, die im Kulturhaus von Sangola stattfinden sollte. Da wir die Sonntagsmittagshitze ruhig und entspannt im klimatisierten Bollywood-Filmkino verbringen wollten, sagte Thomas erst für 15 Uhr zu. „Das reicht für indische Zeitverhältnisse auch noch aus!“, meinte er.
Da das Kino leider gar nicht geöffnet hatte, bummelten wir über einen phantastischen Lebensmittelmarkt in der Stadt. Dort besorgten wir etwas Gemüse für die nächsten Tage, da wir schließlich weiterhin so lecker bekocht werden möchten!
Nach etlichem Hin und Her und einigen Telefonaten mit dem Veranstalter, wo wir uns mit ihm treffen sollten, kamen wir gegen 15:15 Uhr in dem Kulturhaus an. Baba, der uns zur Tanzaufführung begleiten wollte, um netterweise darauf zu achten, dass wir nicht von einer Zeremonie zur nächsten weitergereicht werden, kam zeitgleich mit uns an. Das Kulturhaus kann man für richtig große Veranstaltungen ab 200 Personen (z. B. Indische Hochzeiten) buchen. Einige Besucher waren bereits da. Moderne indische Musik dröhnte aus riesigen Lautsprechern, ein Moderator war noch beim Soundcheck und Kinder tobten die Gänge entlang. Es war ein ohrenbetäubender Lärm. Alle Besucher waren festlich gekleidet und wir wurden gleich in die erste Reihe des riesigen Saales platziert. Dort standen dunkelrote, mit Goldmuster versehene Metallbänke, die jedoch noch mit der Einkaufsschutzfolie bespannt waren. Nach wenigen Sekunden war ich durchgeschwitzt und ich befürchtete nasse Schweissflecken beim Aufstehen.
Der Veranstalter kam und erklärte uns, das Tanzevent würde in 10 Minuten beginnen und vorher könnten wir uns ja noch traditionelle „Rangoli“ anschauen, die heute während eines Wettbewerbs entstanden seien. Außerdem sollten wir am Ende der Veranstaltung gegen 18:00 Uhr den 3 besten Tanzperformances die Preise übergeben. Ich bekam schlechte Laune aber nun ging es ja erstmal zu den „ Rangoli“.

Das sind auf den Fußboden aufgebrachte Sandgemälde. Mit feinstem, farbigen Sand werden wundervolle Muster gestaltet. Diese entstehen häufig bei öffentlichen Zeremonien vor einem Tempeln. Leider sind die „Rangoli“ nicht von langer Schönheit, da sie ganz schnell vom Wind und dem üblichen Strassenstaub zerstört werden.
Bei unserem Rundgang und der Besichtigung der Sandgemälde tauchte plötzlich die lokale Presse auf und wir mussten wieder mal ein kleines Video-Interview geben. Ich war pappe satt. Niemals wird im Voraus gesagt, was man zu erwarten hat, geschweige denn wird gefragt, ob man das alles machen will. Es werden einfach Tatsachen geschaffen. Ich war stinkig!
Wir kehrten in die Halle zurück, unterdessen war es 16:20 Uhr und die Show hatte noch immer nicht begonnen. Dafür hatte sich der Saal weiter gefüllt. Jeder zweite Besucher wollte ein Foto mit uns. Meine Laune verschlechterte sich weiter. Thomas frage erneut nach, wann es denn nun endlich starten würde und bekam „… in 10 Minuten geht es los.“ zur Antwort.
Baba war mit seinen 72 Jahren auch ersichtlich erschöpft und von der zeitlichen Verzögerung und der Lautstärke im Saal angenervt. Er schlug vor, einen Tee trinken zu gehen. Wir suchten also einen kleinen Straßenstand, gleich vor dem Kulturzentrum auf und ich wurden mit frisch zubereitetem Tee wieder positiver gestimmt.
16:45 Uhr zurück im Kulturhaus und noch immer war von einem baldigen Beginn der Tanzveranstaltung nichts zu spüren. Statt dessen wurden nun erst einmal drei VIP-Chairs vor die Bühne gestellt, auf denen drei Herren (vermutlich die Jury) Platz nahmen.
Thomas war unterdessen auch frustriert und suchte zum dritten Mal den Veranstalter auf, um ihm mitzuteilen, dass wir 17 Uhr den Saal verlassen würden, sofern bis dahin die Veranstaltung noch nicht begonnen hätte. Unterdessen warteten wir 1,5 Stunden und eigentlich waren wir ursprünglich ja bereits zu 14 Uhr eingeladen worden. Ich konnte es nicht fassen. Das war mehr als indische Zeit!  Etwas enttäuscht wegen der langen und vergeblichen Wartezeit, da wir ja von der versprochenen tollen Tanzveranstaltung nichts mitbekamen, fuhren wir tatsächlich 17 Uhr mit dem Motorrad zurück zum Dorf. Alle sollten mal die „deutsche Pünktlichkeit“ oder zumindest die Konsequenzen wahrnehmen! Doch grundsätzlich wird sich natürlich nichts an der indischen Zeitvorstellung ändern. Ich muss lernen, geduldig zu sein und das Warten sinnvoll zu füllen. Sicherlich hatten wir trotz allem tolle Begegnungen und unterhaltsame Kommunikation. Dies alles anders wahrzunehmen, fällt mir schwer. Ich hänge doch sehr an zeitlichen Strukturen. Hier ist also meine Lernaufgabe in den nächsten Monaten, wie bereits erwartet.

12. März 2018

Natürlich mache ich auch Hausarbeit, z. B. habe ich schon Wäsche gewaschen. Das nimmt allerdings etwas mehr Zeit in Anspruch, da ich nicht nur auf den Startknopf der Waschmaschine drücken muss.
Die Wäsche ist durch den täglichen Staub und das regelmäßige Sitzen auf dem Fußboden sehr schmutzig und es reicht nicht aus, diese „ nur einmal kurz durch‘ s Wasser zu ziehen“, wie wir das üblicherweise mit verschwitzten Sommersachen auf Reisen machen würden.
In einem Eimer mit Speewasser wird für ca. 15 Minuten die Wäsche eingeweicht. Dann schlage und rolle ich jedes einzelne Kleidungsstück mehrfach auf einem Stein. Das Schmutzwasser daraus läuft in den total vermüllten Hintergarten ab. Danach wird die Wäsche gespült und zum Trocknen auf eine Leine gehangen. Das Trocknen geht dagegen relativ fix und in nur 20 Minuten liegen alle Sachen wieder frisch gewaschen im Schrank. Es hat also alles wie immer zwei Seiten!
Das Wäschewaschen erfolgt im Hocken, da es keine erhöhten Flächen, Becken o.ä. gibt. Bisher bereitet mir diese Position Schwierigkeiten, doch ich denke, die europäischen, büroverwöhnten Gelenke gewöhnen sich mit der Zeit noch an diese neue Möglichkeit. Bis es soweit ist, Wäsche ich vorerst täglich kleine Mengen.

12. März 2018

Gestern zum Sonntag haben Thomas und ich einen Spaziergang durch‘s Dorf gemacht. Wir haben eine Hose zum dortigen Schneider gebracht. Der saß in einem Holzverschlag mit einer Nähmaschine, die noch mit dem Fuß angetrieben werden musste und nähte ein neues türkis-kariertes Herrenhemd. Das sah nicht nur farbig sondern auch qualitativ gut aus. Gegenüber vom Schneidermeister bestellten wir ein Huhn zum Abendessen für die Familie (beim Abholen am Abend sollte es nicht mehr leben und bereits ausgenommen sein). Wir schlenderten einfach etwas herum und versuchten möglichst unauffällig, was natürlich nicht immer gelang, das Dorfleben zu beobachten.

Hier stellen zwei Frauen gerade diese dünnen asiatischen getrockneten Griessnudeln her, die es bei uns abgepackt in den Asiashops zu kaufen gibt. In Indien werden sie als Süssspeise mit Milch und Zucker gegessen.
Was alles auf dem Kopf und wie viel auf einem Motorrad transportiert werden kann, ist-wie in anderen asiatischen Ländern auch- gigantisch. Wir haben Schwierigkeiten eine Tasche zusätzlich mitzunehmen und hier wird der ganze Hausstand, die komplette fünfköpfige Familie oder enorme Futtermengen für das Vieh auf diesem traditionellen Weg bewegt. Auf dem Land sind ausschließlich die Männer motorisiert unterwegs. In den Grossstädten fahren dagegen auch Frauen Motorrad oder Mofa.

Ravi, der Sohn unserer Gastgeber, transportiert hier ausnahmsweise mal nur die Hälfte des gerade frisch geschnittenen Maises. Das bekommen dann die Kühe gleich am Abend.

Die Armut ist unbeschreiblich. Niemand kann sich in Europa vorstellen, dass Menschen so leben. Hütten mit Wellblechdächern sieht man abseits der Dorfhauptstrasse überall. Mit hängenden Decken oder Matten wird versucht, kleine Bereiche abzutrennen. Privatsphäre gibt es nicht. Die Großfamilien besteht mindestens aus 3 Generationen, und meist leben auch noch Schwägerin/ Schwager oder verwitwete bzw. noch nicht verheiratete Familienangehörige mit im Haus. Ebensowenig existieren richtige Toiletten, nach unseren Vorstellungen. Viele der älteren Farmer/innen gehen zu ihren täglichen großen und kleinen Geschäften nach wie vor auf ihre Felder. Somit wäre schonmal gedüngt. Fehlt halt nur noch die Bewässerung.
Das Leben spielt sich zu 90% draussen ab: auf der Straße, auf dem Schotterweg oder direkt auf der Treppe vor dem Haus. Die Männer sitzen auf einer überdachten großflächigen Terrasse direkt auf dem Marktplatz in unmittelbarer Nähe zum Tempel und schauen dem Treiben um sie herum zu.
Kinder kennen kein Spielzeug. Sie nutzen alles was herumliegt wie z. B. Plastikmüll, Teile kaputter Haushaltsgeräte oder was die Umgebung hergibt wie z. B. Steine, Samen und Stöcke. Oft jagen sie in Scharen einfach nur laut kreischend durchs Dorf.
Gekehrt wird mit Reisigbesen oder gebundenen Palmblättern, gekocht wird auf offenem Feuer mit Holzscheiten. Es gibt zwar überall in den Häusern kleine Gaskocherstellen, die jedoch nur vereinzelt beim Kochen des Essens verwendet werden. Heißes Wasser wird nur über offenem Feuer gemacht. Daher werde ich leider hier nicht das Kochen erlernen. Aber Anregungen bekomme ich allemal.

Landwirtschaft 13. März 2018

In „unserer neuen heimischen“ Landwirtschaft hat sich in den letzen Tagen einiges getan. Der Schwerpunkt liegt auf der Versorgung von nunmehr 10 Kühen, so dass diese möglichst viel Milch geben. Vor zwei Tagen wurde erst eine neue Kuh gekauft und am Abend auch gleich geliefert. Derzeit steht sie separat im Gehege mit zwei unterschiedlich alten Jungtieren.
Es existiert sogar eine kleine mobile Melkmaschine und 2 x täglich werden alle 10 Kühe gemolken. So kommen insgesamt 2 x 60-80 Liter zusammen, die dann an den Serpanch (Dorfvorsteher) verkauft werden. (Zum Vergleich: eine deutsche Milchkuh liefert ca. 30-40 Liter am Tag) Der Serpanch fungiert als Zwischenhändler für die Firmen in der Stadt. Unterdessen haben wir jedoch gelernt, dass die Milch der Kühe von den Einheimischen als minderwertig angesehen wird. Die Büffelmilch dagegen ist höherwertig und wird kleinen Kindern 2 x täglich gegeben, damit sie Abwehrkräfte bekommen. Am hochwertigsten ist jedoch die Milch der weißen heiligen Kühe.

Außerdem wurde ein neuer Kuhstall gebaut. Da hat die halbe Nachbarschaft mitgeholfen.

Dazu passend gab es dann auch gleich noch einen neuen Futterunterstand und so ist das „Milchkuhgeschäft“ erfolgreich erweitert worden.

Die gesamt Familie war heute mit dem Dreschen von Hirse beschäftigt. Auf dem Dach des Haupthauses lagen tagelang zum Trocknen Hirserispen. Diese wurden von den beiden Frauen, Shria und Mangal, in Säcke gestopft.

Hinter dem Haus wurde extra eine Dreschmaschine aufgebaut. Ein richtig historisches Teil. Die Männer schleppten die Säcke also zu dieser Maschine, schütteten die Rispen in den oberen Trichter und unten füllte sich dann schrittweise ein Sack mit den Hirsekörnern. Die Abfallspäne flogen in kleinen Stücken hinten aus der Maschine raus und bildeten schnell einen kleinen Berg.

Die Frauen haben meine absolute Hochachtung. Sie arbeiten am meisten und am längsten von allen, besonders die jungen Frauen. Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass „nur“ die Hausarbeit und die Kids in ihre Zuständigkeit fallen und die Versorgung der Familie sowie das Business die Männer verantworten. Heute ist mir jedoch klar geworden, dass auch die harte Arbeit in der Landwirtschaft teilweise mit von den Frauen übernommen wird. Das hatte ich so in dem Umfang nicht erwartet.

Aktionsradius 14. März 2018

Mein Schnupfen und Husten sind endlich weg. Ich merke, wie ich nun auch die enorme Hitze, unterdessen sind es schon 39 °C, besser verkrafte. Selbstverständlich muss man sich anpassen, alles langsamer und viel weniger Dinge machen, regelmäßig Pausen einlegen, viel trinken und von 14-16 Uhr einfach gar nichts machen oder am besten irgendwo drinnen mit heftig rotierendem Ventilator versuchen, diese Mittagszeit zu überstehen. Ab 19:00 Uhr wird es dann innerhalb kurzer Zeit richtig dunkel. Ohne starke Taschenlampe sind Aktivitäten draußen danach nicht mehr möglich. Somit ist das Zeitfenster für Unternehmungen auf dem Land relativ gering.

Die Helligkeit und auch die Wärme (bis zu einer gewissen Grenze) sorgen bei mir generell für gute Stimmung, ich fühle mich hier sehr wohl! Wir werden versorgt und brauchen uns um nichts zu kümmern. Selbst einen kleinen gekühlten 20 Liter Kanister mit sauberem Trinkwasser bekommen wir alle zwei Tage in unser Zimmer gestellt. Alle sind so großartig, dass mir die Anpassung an das mehr als einfache Landleben hier doch erstaunlich gut gelungen ist. Das hat jedoch 1 Woche gedauert und ich komme immer noch täglich an meine Grenzen, kann damit aber besser umgehen!
Am Abend unserer Ankunft wollte ich allerdings gleich wieder abreisen, ging natürlich nicht, da wir wussten, was für unsere Ankunft alles um- und ausgebaut worden war. Somit habe ich mich „meinem Schicksal ergeben“ und wollten dem Ganzen eine Chance geben. Besonders schwer ist für mich der Umgang mit dem so wahnsinnig anderen Verständnis von Sauberkeit und Ordnung. Das war ja zu erwarten! Diese Begriffe bekommen eine ganz neue Bedeutung!
In allen Zimmern des Farmhauses gibt es nur zwei Möbelstücke, hochbeinige Metallbetten und Metallschränke. Keine Stühle, denn gesessen wird auf dem Boden. Kein Tisch, denn das Essen kommt auf den runden Tabletts, die auch wieder auf dem Boden abgestellt werden. Man erkennt eigentlich nicht, in welchem Raum man sich gerade befindet. Ist es das Schlafzimmer der Eltern, das Gäste- oder das Kinderzimmer? Nur die Küche ist als solche erkennbar und verfügt über Regale, zum Verstauen von Dingen. Somit ist Ordnung halten einfach anders und die Dinge bzw. Sachen liegen, aus meiner Perspektive, einfach irgendwo draußen herum oder sind in die Schränke gestopft. Die Einheimischen wissen jedoch ganz genau, wo sie was haben „liegen lassen“ und von dem Platz aus nutzen Sie es erneut.
Was mir auch stark zu schaffen macht, ist der eingeschränkte Aktionsradius. In Berlin bin ich oft kilometerweit und stundenlang unterwegs, hier dagegen nur 800 Meter bis zur Schule. Anfangs war dafür sogar noch Begleitung durch Baba nötig, damit die Wachhunde der Nachbarschaften uns nicht „angreifen“. Unterdessen kennen Sie uns und wir können am Tag auch allein den kurzen Weg laufen. Im Dunkeln ist das jedoch schon wieder keine gute Idee, wie wir gestern bei einem Spaziergang herausgefunden haben.
Bis zum Dorf Alegaon ist es dann doch immerhin 1 Kilometer. Alle anderen Ortschaften können nur mit dem Motorrad erreicht werden und das muss man halt organisieren bzw. mit dem Rest der Familie abstimmen. Somit ist mein Aktionsradius enorm eingeengt.

Überall wird man aufgefordert, sich zu setzen. Wir dürfen uns auch nicht auf den Boden setzen sondern bekommen einen Plastikstuhl angeboten; in der Schule beim Gespräch mit den Lehrern, beim Abendessen in einer Gastfamilie, man sitzt natürlich auch auf dem Motorrad und im Schatten vor dem Haus…

Wohin kann ich mal laufen, wie komme ich in Bewegung? Von 8:30 bis 14:30 Uhr sind wir bisher in der Schule. Danach laufen wir nach Hause und machen bis 16:30 Uhr nix. Anschließend wird Wäsche gewaschen oder Lebensmittel auf dem Markt eingekauft und dann ist es auch schon dunkel. Diese Abhängigkeit ist für mich schwer zu ertragen und nimmt mich gerade etwas mit. Ich habe mir vorgenommen, meine bisherige Tagesstruktur nochmal zu überdenken!
Immerhin habe ich heute mal gegen 17:30 Uhr für 20 Minuten ein paar Sportübungen auf der Terrasse vor der Schule gemacht. Und sofort war die Stimmung wieder gut!

Ich finde schon noch meinen Rhythmus, dauert halt alles etwas. Wir sind ja auch erst 1,5 Wochen hier vor Ort. Na ja, Geduld war noch nie meine Kernkompetenz. Ich arbeite dran!

15. März 2018

Unser Projekt läuft nun in der 2. Woche. In der 1. Woche haben wir den Ablauf in der Schule beobachtet. Am Samstag hatten wir dann den großen Workshop mit allen Lehrern zur Bestandsaufnahme und es wurden viele Verbesserungsvorschläge zu unterschiedlichen Themen eingebracht. Zu diesen haben wir in Vorbereitung der nun laufenden 2. Woche Unterprojektgruppen gebildet. Es gibt nunmehr:

1. Management und Investment
2. Language Improvement
3. Website
4. teach the teacher
5. selfmade teaching material

Mit je einer dieser Arbeitsgruppen treffen wir uns pro Tag nach dem Unterricht für 2 Stunden, um Details zu besprechen und konkrete Maßnahmen zu verabreden. Am Ende dieser Woche stellen am Samstag alle Unterprojektgruppen ihre Ergebnisse vor. Diese werden mit dem Beamer vor allen Lehrern präsentiert. Es geht dabei auch um die Nutzung neuer Medien durch die Lehrerschaft.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele sehr gute Ideen von einzelnen Lehrern kommen. An Kreativität mangelt es auf keinen Fall.

Themen zur Verbesserung müssen jedoch von einer außenstehenden Autorität moderiert werden. Sich selbst motivieren, verbesserungswürdige Themen erkennen und kommunizieren sowie passende Maßnahmen formulieren, funktioniert mit dem hier eingesetzten Management nicht. Die Fähigkeit, auch nur ansatzweise Themen zu bearbeiten und voranzubringen ist nur marginal ausgeprägt.

Ich bin gespannt, welche Ergebnisse wir tatsächlich erzielen werden und erst recht, was nachhaltig und langfristig umgesetzt werden wird.

16. März 2018

In unserer Familie gibt es zwei Kinder, die 6 Jahre alte Sahi und den 4 Jahre alten Arush.

Beide gehen in die Englischschule, in der wir die Projekte gerade initiieren. Jeden Morgen laufen wir also gemeinsam, Baba vornweg, den kurzen Weg über die Felder zur Schule. Vorbei an einigen Nachbarhäusern, aus denen wir freundlich begrüßt werden und auch immer mal eine Einladung zum Tee zugerufen bekommen.
Wir sind schon eine lustige kleine Parade, die sich da jeden früh auf den Weg macht. Ein rüstiger alter Herr von 72 Jahren in weißen Leinensachen, dahinter läuft meist Thomas mit seiner knall-roten Notebooktasche unter dem Arm und Base-cap auf dem Kopf. Er versucht schnell auf dem Weg noch ein paar Dinge mit Baba abzuklären. Und dann komme ich mit einem schwarzen Regenschirm, da die Sonne auf dem Rückweg noch ganz ordentlich scheint. Dieser Schirm wurde extra für uns von Baba organisiert, aus welcher Ecke der wohl gekommen ist? Jeder von uns hat auch gleich auf dem Schulweg eine Literflasche Wasser in der Hand und ich noch einen Rucksack auf dem Rücken mit meinen Arbeitsmitteln (Fotoapparat, Notebook aber auch Stift und Papier). Zwischen uns Erwachsenen wuseln die Kids in ihrer Schuluniform und je einer blauroten Schultasche. Wobei die Farben durch den Staub, der sich darauf abgesetzt hat, fast nicht mehr zu erkennen sind.
Die meisten Kinder sind sehr neugierig und versucht mit uns englisch zu sprechen. Am liebsten wollen sie jedoch beobachten, was wir mit dem Handy und dem Notebook machen. Sehr beliebt sind auch Berichte über unsere Familie. Wir müssen Fotos von jedem einzelnen Familienmitglied zeigen und berichten, was er oder sie tut usw.

Wir werden ausgefragt über Lieblingsfarbe, Lieblingsessen, Lieblingsfilm und selbstverständlich müssen wir über Deutschland berichten. Es beginnt immer mit der Frage nach den Unterschieden zwischen Indien und Deutschland und hört z. B. auf bei der Frage, wie lang der längste Fluss bei uns wohl ist. Ich stelle sehr schnell fest, dass meine Geographiekenntnisse auch mal ein Update brauchen. Wann wurde unser Bildungssystem eingeführt und seit wann gibt es die Schulnoten 1-5 oder 6? Ich habe keine Ahnung! Wir haben daher versprochen, mal eine Unterrichtsstunde über Deutschland zu gestalten und Bilder zu zeigen. Das würde den dafür vorgesehenen Geographieunterricht etwas plastischer gestalten. Bis dahin kann ich diese ungewöhnlichen Fragen ja auch noch recherchieren.

Ab und an machen wir auch die Hausaufgaben mit den Kids, üben englisch lesen und schreiben oder singen. Man muss allerdings sehr gut aufpassen, sonst überschreitet man eine Schwelle und bekommt die kleine Bande nicht mehr los. Es ist aber immer lustig, als uncle oder auntie angesprochen und befragt zu werde.

17. März 2018

Auch heute hatten wir wieder nach dem üblichen Samstagsunterricht einen Workshop mit allen Lehrern/innen. Es wurden die Ergebnisse der 5 Unterarbeitsgruppen, die wir letzte Woche ins Leben gerufen hatten, präsentiert. Wie erwartet viel der Strom aus, so dass unsere wunderbare Exceltabelle mit allen Auflistungen an Themen, Terminen und Verantwortlichkeiten leider nicht zum Einsatz kam. Das war jedoch kein großes Problem, da wir nun alle gemeinsam die anstehenden Aufgaben zusammentragen mussten. Lief sehr gut!
Die neue Arbeitsstruktur des Teams schaut nun so aus, dass wir bis Ende Juni jeweils 2-wöchige Umsetzungsphasen mit konkreten Aufgabengeplant geplant haben. Einzelne Lehrer haben konkrete Aufgaben übernommen und werden in der kommenden Zeit von uns angeleitet, so dass sie diese auch erfolgreich ausführen können. Aufgaben sind z. B. 1. kleine Artikel für die Website schreiben
2. Erstellen von Schulregeln, die für die Lehrerschaft gelten 3. Inventurliste zu Arbeits- und Lehrmitteln erstellen
4. Erstellen einer Reparaturliste
5. Erstellen einer Investitionsliste und Priorisierung der Investitionen

Ich habe in den letzten Tagen Fotos von allen Mitarbeitenden gemacht und gemeinsam mit einigen Lehrern deren Kurzbiographien für die Website erstellt. Das hat total viel Spaß gemacht. Alle waren mega stolz, zukünftig auf der Homepage der Schule zu erscheinen. Mit den Fotos habe ich mir auch richtig Mühe gegeben, um auch den Einsatzbereich der jeweiligen Person ansatzweise mit abzubilden. Die Schulbusfahrer waren anfangs etwas skeptisch, da sie sich nicht nur stocksteif vor ihre Fahrzeuge stellen durften, sondern etwas „posieren“ sollten. Also mit geöffneter Fahrertür, im Bus sitzend oder das Auto „putzend“. Aber nach einer kurzen Übersetzungseinheit durch Baba hatten auch sie Freude. Ich musste sogar immer noch ein Foto machen, weil keines gut genug war. Auch der Hausmeister wurde abgebildet, wie er gerade die „Schulklingel“ bedient. Diese ist ein rostiges Metallteilen, auf das mit einer langen, ebenso verrosteten Schraube eingeschlagen wird.

Das Management wurde am PC abgelichtet, obwohl das Internet und die Tastatur nicht wirklich funktionieren und somit die Nutzung sehr eingeschränkt ist.

Mein Lieblingsfoto aus dieser Woche ist jedoch dieses hier!

18. März 2018

Heute am 18.03. ist Indisches Neujahrsfest. Dafür wird jedes Haus mit einer „kleinen Puppe“ geschmückt. Diese ist jedoch nur ein Sari mit einem kleinen umgekehrten Kupfertopf auf einem langen Holzstecken, der mit einer Kette aus Süßigkeiten geschmückt ist. Auch orangefarbene Fahnen sieht man überall und es duftet nach Räucherstäbchen.

9:00 Uhr sind wir mit dem Motorrad aufgebrochen, um noch vor der großen Mittagshitze etwas zu unternehmen. Gemütlich sind wir über Land gefahren und haben dann eine kleine Wanderung entlang eines ausgetrockneten Flussbettes bis zum nächsten Dorf gemacht. Das war jedoch nur eine Stunde lang möglich und schon brannte wieder die Sonne. Gott sei Dank hatten wir unseren 5 Liter Wassersack und noch zwei 1 Liter Wasserflasche dabei.

Erneut auf dem Motorrad mit etwas Fahrtwind, ließ sich alles wieder besser ertragen. Wir sind dann in die nächstgrößere Stadt, Sangola, gefahren. Endlich nach dreifachem Anlauf haben wir die Mittagsvorstellung des Muliplex-Kinos abgepasst. 12:20 Uhr begann ein dreistündiger Film (nach einer wahren Geschichte) über einen Steuerskandal im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh im Jahr 1981. Wir haben logischerweise kein Wort verstanden aber es war ein echtes Erlebnis. Vor Filmbeginn kam Werbung, die so laut war, dass wir uns Zellstoff in die Ohren stopfen mussten. Danach wurde die Indischen Nationalhymne gespielt und auf der großen Leinwand war eine wehende Indische Flagge zu sehen. Alle standen auf, Hände an die Hosennaht. Erst danach startete der Hauptfilm.

Für die Einheimischen waren wir der beste Teil der Vorstellung. Wir wurden im Kino, vor dem Kino und selbst auf dem Rückweg fahrend mit dem Motorrad fotografiert.

19. März 2018

Unsere dritte Woche beginnt und verspricht viel Abwechslung!
Morgen, Dienstag, sind wir privat zum Tee bei einem Lehrer eingeladen, daher steht erneut eine Fahrt mit dem Motorrad durchs ausgetrocknete Flussbett an. Er wohnt 15 km entfernt.
Als Dankeschön für die ersten zwei arbeitsreichen Wochen haben wir alle Lehrer zu einem kleinen gemeinsamen Ausflug eingeladen. Mit den Schulbussen geht es in ein Nachbardorf in einen Tempel. Dort hoffen wir, ihnen auch noch ein Essen spendieren zu können.
Am Freitag besucht uns Palavi, eine langjährige Freundin von Thomas. Sie ist in einem Slum in Pune grossgeworden und unterdessen, teilweise auch mit seiner Unterstützung, Englischlehrerin in einer staatlichen Schule. Sie möchte sich nun mal „unsere Schule“ anschauen und mit uns das Wochenende verbringen. Es wird also wieder viele Eindrücke geben, die ich gern mit euch teilen werde.

Übrigens hat es gestern Abend zum ersten Mal geregnet. Die Luft war danach gleich viel viel angenehmer. Sofern die Regenzeit auch in diesem Ausmaß bleibt, schaffen wir auch die. Allerdings haben wir bereits riesige ausgetrocknete Flussbetten in der Umgebung gesehen. Sollten sich diese in der Regenzeit füllen, habe ich keine Idee, wie ich diese Regenmassen, verbunden mit Schlamm überall überstehen soll! Ehrlich, das sind Tiefen und Breiten, da macht man sich keine Vorstellung.

Das ist z. B. ein Staudamm unweit unseres Dorfes.

Sommergewitter 20. März 2018

Gestern Abend hat Mutter Natur wieder einmal gezeigt, welch starke Kräfte sie besitzt.
Nach einem recht warmen Vormittag und schwül-warmen Nachmittagsstunden zogen am Abend einige Wolken auf und etwas Wind wehte. Die recht angenehmen Temperaturen ließen uns etwas aufatmen. Jedoch gegen 20:00 Uhr brach plötzlich ein heftiger Sturm aus. Eine Naturgewalt, wie ich sie bisher im städtischen Umfeld noch nicht kennengelernt habe. Die Luft war plötzlich voll stickigem Sand, der aufgewirbelt wurde. Zweige und Blätter tanzten ebenfalls in der Luft, es verschlug einem den Atem. Man konnte nur noch wenige Meter sehen. Sandkörner im Mund und in den Augen. Das Maisfutter für die Kühe und die Futterschüsseln flogen herum. Auch alles andere, was ansonsten immer draußen irgendwo herumlag oder herumstand wirbelte durcheinander: Schuhe, Fahrrad, Seife, Lappen, Besen, abgespültes Metallkochgeschirr, Plastikstühle.
Es blitzte so heftig, dass man den Eindruck hatte, der Himmel würde dadurch geteilt und aufgerissen. Donner folgte!
Von Baba kam nur noch die laute und kurze Ansage „Go inside! Lock windows and door.“ Und schon ging es richtig los! Ein Sandsturm mit heftigstem Regen. Der trommelte auf unser Blechdach, so dass man kein Wort mehr verstand. Wir verriegelten alles und lauschten angespannt, was sich da plötzlich abspielte. Auf dem Hof versuchten die Männer die Motorräder zu sichern. Auch die Gatter der Tiere mussten schnell noch geschlossen werden, da vermutlich sonst die Gefahr bestand, dass sie ausbrechen. Aber das konnten wir alles nur erahnen.
In wenigen Minuten viel der Strom aus (und kam auch bis heute Mittag nicht zurück). Es war rabenschwarze Nacht drinnen und draußen. Wir öffneten die Tür einen kurzen Spalt, um rauszuschauen, ob wir helfen können, wobei auch immer. Blitze zuckten gespenstisch und zeigten die Umrisse der Gebäude. Wir kramten drinnen hektisch unsere zwei Outdoorstirnlampen raus. Ein kleiner aber ausreichender Lichtschein erhellte nun unseren Raum. Darüber konnten wir uns jedoch nur kurz freuen, da durch den Lichtkegel alles fliegende Getier angezogen wurde. Es brach ein Flattern und Krabbeln aus und ich bekam einen Panikanflug!
Der Regen peitschte weiter heftig und die Tropfen prasselten wie Hagelkörner auf das Blechdach. Ich dachte, es bricht gleich zusammen. Durch kleine Risse und undichte Stellen sickerte allmählich der Regen. Wir versuchten alle technischen Geräte im Schrank zu sichern, die Daunenschlafsäcke zu verstauen und schoben die Matratze, auf der Thomas schläft von einer Ecke in die andere. Die Stirnlampe hatte ich in der Mitte des Raumes angehangen, so dass alle fliegenden Mitbewohner dorthin gelenkt wurden. Ausgetrickst!
Sicherheitshalber wechselte ich vom legere und luftige Heimdresscode zum kompletten Strassenoutfit, nur für den Fall, dass wir das Haus verlassen müssten oder das Dach einstürzt. Ohne Lüftung und Ventilator war es jedoch in wenigen Sekunden unerträglich warm, erst recht wenn man komplett angezogen ist. Der Schweiß lief mir in Bahnen den Rücken runter. Ich war klatschnass und saß schon wieder im Dunkeln, da die Batterie der einen Stirnlampe den Geist aufgegeben hatte. Also Strom/ Licht sparen.
Zur Vermeidung weiterer Panik und als Lichtquelle wollten wir ein Video anschauen, jedoch verstanden wir kein Wort aufgrund des heftigen Regens und brachen die Aktion daher ab.
Nach einer Stunde beruhigte sich das ganze Naturschauspiel. Es klopfte plötzlich an unserer Tür und Shria brachte unser Abendessen. Ich war perplex und hatte nicht ansatzweise damit gerechnet, noch eine warme Mahlzeit zu bekommen. Wir konnte Shria denn nur gekocht haben? O.k., offenes Feuer aber die Stelle dafür in der Küche ist im Dach ebenfalls offen damit der Rauch abziehen kann, und dort hatte es doch mit Sicherheit reingeregnet. Auch sie konnten nur eine Taschenlampe als Lichtquelle genutzt haben… und dann noch kochen? Ein Rätsel, wie das funktioniert hat.
Wir waren erleichtert und ein wenig hungrig. Auf einem Metallbett sitzend, mit etwas Licht von der zweiten Stirnlampe in der Raummitte, speisten wir wieder vorzüglich.
Mehr Abenteuer kann ich allerdings nicht gebrauchen, das ist vollkommen ausreichend!

Schulregeln 21. März 2018

Alle Schüler/innen wachsen mit zahlreichen Regeln und Zeremonien auf. Jeder Schultag beginnt mit einer 15-minütigen Zeremonie. Selbstverständlich wird die Nationalhymne gesungen, alle schwören ihre Verbundenheit mit dem Vaterland, es wird ein Gebet gesprochen, die Geburtstagskinder werden vor allen Versammelten geehrt und wichtige Inhalte werden durch einen Schüler oder einen Lehrer verkündet. Dies alles erfolgt sowohl in englischer Sprache als auch in Marathi.
Daher war es für uns sehr verwunderlich, dass es keine festgeschriebenen Schulregeln gab. Diese haben wir nun gestern in einem kleinen Workshop auf drängenden Wunsch aller mit den Lehrern erarbeitet. Es sind 5 allgemeinen Regeln für Lehrer und Schüler entstanden:

1. Ich liebe mein Land und die Umwelt.
2. Ich liebe es, zu lernen.
3. Ich spreche gern englisch.
4. Ich stehe zu dem, was ich sage (Disziplin).
5. Ich verpflichte mich, Ergebnisse (Leistung) zu erzielen.

Es war ein sehr gelungener Workshop. Thomas hat nach der gemeinsamen Erarbeitung dieser Regeln jeden Lehrer mit persönlichem Handschlag auf diese Regeln „eingeschworen“. Das war ein ganz phantastischer Moment, alle waren mega stolz! Durch diese Geste wurde das persönliche Engagement gewürdigt und die individuelle Zustimmung zu den Regeln abgefordert.
Heute früh hat der Schulleiter in der morgendlichen Zeremonie diese 5 Regeln offiziell für alle eingeführt und verkündet. Alle Schüler mussten sie dann im Chor aufsagen. In der sich anschließenden ersten Unterrichtsstunden hat jede Klasse alle 5 Regeln aufschreiben und inhaltlich diskutieren müssen. Nun wird jeden Morgen eine der Regeln in die Zeremonie eingebaut, so dass sie sich verfestigt.
Das alles erinnert mich sehr stark an das sozialistische Schulsystem. Es ist in Ansätzen durchaus wirksam, gerade wenn es um Disziplin geht. Trotzdem versuchen wir, gerade deshalb, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Regeln wichtig sind aber die Individualität ebenso gefördert und berücksichtigt werden muss.

Dabei ist mir mit Erschrecken aufgefallen, dass auch ich mit meinen Kollegen/innen keine allgemeinen Regeln für die Ambulante Betreuung habe. Vielleicht sollten auch wir uns mal die Zeit nehmen, uns auf 5 allgemeine Standards zu verständigen. Spannend! Was da wohl rauskommt?

22. März 2018

Vergangene Woche hatten wir zum Abschluss der ersten Projektphase vorgeschlagen, dass wir als Dankeschön für die zwei anstrengenden Arbeitswochen gern etwas Privates mit allen Lehrern/innen nach der Schule machen wollen würden. Da einige Lehrer auch noch eine Farm führen und die Lehrerinnen die Familie versorgen, war uns klar, dass ein gemeinsames Treffen sicherlich nicht so einfach werden würde. Wie erwartet, wurde unser Vorschlag verhalten aufgenommen. Nach einer kurzen gemeinsamen Abstimmung favorisierten alle einen Ausflug zu einem Tempel, der sich 1 Stunden Busfahrt entfernt befindet. Das sei für alle machbar! Wir übergaben die Organisation in die Hände zweier Lehrer, da wir das Reiseziel ja nicht kannten. So sollte es nach dem Unterricht, 13:00 Uhr mit dem Schulbus los gehen. Wir würden unterwegs etwas essen und dann den Tempel besuchen.
Selbstverständlich ging die Fahrt nach indischem Zeitverständnis 13:00 Uhr los. Wir starteten 14:00 Uhr. Bis 13:20 Uhr musste noch eine Reifenpanne behoben werden und die restlichen Minuten vergingen halt auch noch, aus verschiedenen Gründen.
Mit uns im Bus saßen einige Schüler, die wir auf unserem Weg zum Tempel noch in ihren Heimatdörfern absetzten. Die Fahrt ging über Stock und Stein, in entlegenste Gegenden mit sehr karger Natur und weiten ausgetrockneten Flächen.

Unterwegs wurde dann nach ca. 1 Stunde eine kleine Rast in einem Dorf (max. 5 Häuser) eingelegt und frisches Wasser und Obst besorgt. Von einem Tempel jedoch weit und breit keine Spur. Im Bus war es stickig und staubig durch den heissen Fahrtwind, der durch die offene Tür und einige offene Fenster hereinkam.
Die Stimmung jedoch war grandios! Das hatten wir so auf keinen Fall erwartet. Alle scherzten, lachten und erzählten. Es wurde viel in Marathi gesprochen. Daher waren Thomas und ich manchmal etwas außen vor. Wir bekamen jedoch auch immer mal wieder eine Übersetzung, so wussten wir ansatzweise, worum es ging und hatten ebenfalls sehr viel Spaß.

Wir wurden, kaum dass wir im Bus saßen wieder aufgefordert, Fotos von Lotti und Leo und auch von allen anderen Familienangehörigen zu zeigen. Jeder Einzelne wird dann bestaunt und man muss genau berichten, was jeder macht bzw. wo derjenige lebt etc. Auch mein Foto im Sari wollen immer alle sehen! So verging die 2. Stunde im Schulbus und plötzlich, wie aus dem Nichts, war hinter blühenden Sträuchern und frischen grünen Bäumen der Tempel zu sehen. Wir waren sprachlos. Was für ein Unterschied zwischen der ländlichen kargen Umgebung und dem angelegten Tempelgarten. Alle waren begeistert! Es begann ein Fotoshooting, was auch allen sehr viel Spaß gemacht und viele schöne Motive hervorgebracht hat.

Auch diesmal durften wir als Fremde in den 1000 Jahre alten Tempel hinein, jedoch nur den Männern war es gestattet, in das „Allerheiligste“ einzutreten. Vorher mussten sich jedoch alle einer rituellen Reinigung (Hände und Füsse) unterziehen.

Nach jedem Gebet im Tempel wurde eine der zahlreichen, an Sticken im Raum hängenden Metallglocken per Hand angeschlagen. Und jede/r von uns bekam wieder den roten Punkt zwischen die Augenbrauen, als Zeichen der Segnung.
Wir picknickten im Tempelgarten das mitgebrachte Obst, kauften ein paar Kokusnüsse, die vor dem Tempel mit einer kleinen Zeremonie aufgeschlagen wurden.
Gestärkt und gesegnet begann die Rückfahrt auf einer anderen Strecke, so dass wir nicht mehr 2 Stunden unterwegs waren. 18:10 Uhr wurden wir an der Dorfstraße zu unserem Farmhaus abgesetzt. Was für ein schöner erlebnisreicher Tag!

25. März 2018

Am Ende unserer ersten drei Wochen schwanken wir beständig zwischen totalem Frust und Motivation. Die Probleme an allen Stellen sind so augenfällig, dass wir uns manchmal fragen, wie die Schule überhaupt bis jetzt überlebt hat. Dabei wächst auch täglich der Respekt vor Baba, der seine ganze vorhandene Kraft und sein gesamtes Geld in diese Schule steckt.

Es geht mit unseren Projekten vorwärts aber natürlich nicht  mit Sonni- oder Thomas – Geschwindigkeit, sondern mit indischer Gelassenheit. Alles muss gepusht werden, ohne ständiges Nachhaken passiert wenig bis gar nichts. Ein Beispiel:

25. März 2018

Seit mehr als 10 Jahren kennt Thomas Pallavi. Er hat mit ihrem Vater in Pune gearbeitet, als er beruflich in Indien war. Am Wochenende hat sie uns nun in unserer lieb gewonnenen ländlichen Einöde besucht. Es war Ihre erste große Reise ohne Begleitung durch ein männliches Familienmitglied. Pallavis Mutter hat der Reise auch nur zugestimmt, da wir die gesamte Familie erst vor drei Wochen in Pune besucht haben. Daher wusste sie, „Onkel Thomas“ ist mit seiner Frau in Indien und den Onkel kann man ja wohl mal allein besuchen. Es gab jedoch zahlreiche gute Reiseratschläge für die Tochter wie z. B. „Sprich mit niemandem!“ und „Verhülle dich gut mit deinem Tuch!“. Außerdem hatte Baba in einem Telefonat mit der Mutter versichert, dass er persönlich auf ihre Tochter aufpassen und sie auch persönlich am Sonntag wieder zu ihr zurück bringen würde. Dieses Versprechen hat er gehalten. Gerade haben wir beide in Sangola am Busbahnhof in den Überlandbus nach Pune verabschiedet. 

Thomas und ich haben uns anscheinend schon sehr gut an unsere Umgebung angepasst. Daher waren wir etwas erstaunt, dass Pallavi am Freitagabend in ihren Sonntagssachen, mit goldenen Lederschuhen, glitzerndem Haarschmuck und rotem Lippenstift ankam. Dagegen sah ich wie eine graue (allerdings sehr praktisch gekleidete) Maus aus. Pallavi war sichtlich schockiert von den ländlichen Wohnbedingungen (Bad und Toilette). Auch das nächtliche Erscheinen zahlreicher grau-grüner Kröten und dunkelbrauner „Springfliegen“ (keiner weiß, was das für Insekten sind, eine Mischung aus Fliege und Heuschrecke) fand sie nicht so lustig. Ängstlich schaute sie auch auf einem Spaziergang den streunenden Hunden hinterher, die manchmal auf unserem Hof toben. Die farblosen Geckos, die sich ganz flink an den Wänden und an der Decke entlang bewegen und vereinzelt immer mal wieder von dort auf den Fußboden herabfallen, erwähnte ich ihr gegenüber erst gar nicht. Ihr Erstaunen über die Lebensbedingungen auf dem Land, war für mich unerwartet. Pallavi ist selbst in einem Slum in Pune gross geworden und lebt immer noch mit ihrer Familie dort. Sie hat sich durch gute Bildung und Ausbildung weiter entwickelt und arbeitet jetzt als Lehrerin mit 6 Jährigen in einer Englischschule in Pune. Daher war sie sehr gespannt auf „unsere Schule“. 

Am Samstag waren wir gemeinsam von 8:30 bis 14:00 Uhr vor Ort. Nach einigen Hospitationen in verschiedenen Unterrichtseinheiten bestätigte Pallavi unsere Beobachtungen. Es waren also nicht unsere überzogenen deutschen Anforderungen nach Struktur und Ordnung, sondern in der Tat fehlen einige Grundvoraussetzungen in der Schule, die wir jedoch unterdessen schrittweise mit den Lehrern erarbeiten.
Nach überstandener Mittagshitze im Schatten des Farmhauses und mit kühlem Limettenwasser gingen wir 16 Uhr zum Markt nach Alegaon. Jeden Samstag ist Markttag im Dorf und so kauften wir wieder etwas Obst und Eis für die Kids.

Baba sitzt immer wenn er ins Dorf geht mit den Dorfältesten auf einer großen Bank, neben der einzigen Bushaltestelle in der Umgebung. Alle hochbetagten Herren sind von Kopf bis Fuß weiß gekleidet. Einige der Männer tragen sogar weiße Kappen. Ein Teil hat schwarze und der andere Teil hat pinkfarbene Punkte/Striche auf der Stirn (den Grund für diesen Unterschied muss ich noch in Erfahrung bringen). Ein tolles Bild, was ich mir jedoch nicht getraue, zu fotografieren.
Auf dem Marktplatz haben wir auch einen Lehrer und den Hausmeister „unserer Schule“ getroffen. Es ist schon ein irres Gefühl in dieser Abgeschiedenheit Menschen zu kennen, die einen freundlich grüßen und mit denen man sich dann auch noch einigermaßen englisch unterhalten kann. Die Blicke aller Dorfbewohner sind allerdings dann auf uns gerichtet und so kommt doch wieder ein Gefühl des Beobachtetwerdens auf.

Den Abend verbringen wir in angeregter Diskussion über die „Heiratstraditionen“ auf dem Land und in der Stadt. Das ist ein sehr aktuelles Thema für Pallavi, da sie mit 22 Jahren von ihrer Mutter nun verheiratet werden soll. Eigentlich sucht der Vater (oder ein älterer Bruder) nach einem Mann für die Tochter. Beide gibt es jedoch nicht (mehr) in Pallavis Familie und daher tritt die Mutter in Aktion. Zwei Bewerber hat Pallavi schon abgewiesen. So ein Verhalten ist in der Stadt möglich, auf dem Land jedoch eher unwahrscheinlich. Wir diskutieren sehr offen und versuchen unterschiedliche Perspektiven zu betrachten, also die Elternsicht, die Familie allgemein aber eben auch die jungen Frauen. Wirkliches Verständnis ist mir nicht möglich. Einerseits sind viele Frauen gerade in der Stadt durch Bildung und Arbeit schon stärker emanzipiert und trotzdem besteht noch ein restriktives Frauenbild, dem man sich fügt.

Indien ist das Land der Widersprüche. Häufig passen Dinge einfach nicht zusammen und man fragt sich, wie diese Gegensätze bestehen können. Aber das ist ein weiteres seitenfüllendes Thema.
Wir hatten jedenfalls ein erfahrungsreiches Wochenende. Pallavi sehen wir im Mai in Pune wieder. Dann sind Schulferien und wir besuchen erneut Freunde und ihre Familie.

Braut gesucht 26. März 2018

Am Sonntag Nachmittag sind wir mit Pallavi unverhofft in eine für uns alle recht unangenehme Situation gekommen.

Nachdem wir in der Schule auf den Tischler und den Elektriker gewartet hatten, die beide schon längst versprochene Reparaturarbeiten ausführen wollten, sollten wir ins Dorf gehen. Im Haus von Ana, dem 2. Bruder der Babar-Familie erwartete uns dann eine höchst offizielle Heiratsanbahnungszeremonie (was für ein Wort!). Wir erfuhren, dass heute die Eltern eines Heiratsbewerbers zu Besuch da sind und dass Sarita, die 22 jährige Tochter der Babarfamilie, in ihrem Wohnumfeld „begutachtet“ werden soll. Anders kann man die Situation nicht beschreiben. Die gesamte Babar-Familie war anwesend und selbstverständlich die Eltern des Heiratskandidaten, der junge Mann selbst jedoch nicht. Alle Frauen hielten sich separat im hinteren Teil des Hauses, der Wohnküche, auf und nur Pallavi und ich durften neben den männlichen Familienangehörigen auf einer gelben Matte auf dem Boden sitzen.

Der Vater des Heiratsbewerbers thronte im Schneidersitz auf dem einzigen Metallbett im Raum. Es war eine komische Atmosphäre. Niemand sprach, nur betretenes Schweigen. Wir warteten und warteten und warteten…immer kam noch ein weiteres Familienmitglied( Onkel, Cousin, Schwager) dazu, blieb eine Weile und verschwand wieder. Es wurde Wasser in bauchigen Metallkrügen gereicht. Ich konnte es leider nicht trinken, da ich immer die Hälfte verschütte. Man darf beim Trinken nämlich nicht den Flaschenhals oder den Becher mit dem Mund berühren. Also weiterhin dursten!

Die Männer begannen Zeitung zu lesen, weiterhin minutenlanges Schweigen! Plötzlich kam Sarita in den Raum in einem traumhaften rot-goldenen Sari, den Kopf bedeckt. Sie nahm auf einem Stuhl in der Mitte des kleinen Raumes Platz. Der potentielle Schwiegervater fragte förmlich : „Wie heißt du?“ Sarita antwortete mit Vor- und Nachname und war dabei so aufgeregt, dass sie die ganze Zeit nur auf den Fußboden blickte. Der Sari rutschte ihr ständig vom Kopf, sie konnte ihn nicht korrekt festklemmen. Ich fühlte mich furchtbar bei diesem Anblick. Es war deprimierend, eine junge schöne Frau so vorgeführt zu bekommen. Aber Tradition ist Tradition. Auch für Pallavi war es mehr als unangenehm, da sie vor wenigen Wochen selbst noch in dieser Situation war und sie sich daher auch sehr gut in Sarita hineinversetzen konnte.

Es begann eine Zeremonie, die nur von den Frauen ausgeführt wurde. 4 Frauen (Mutter, mögliche Schwiegermutter, Schwägerin und Tante) segneten nacheinander Sarita mit je einem roten und orangefarbenen Tupfer zwischen die Augenbrauen. Heute habe ich erfahren, was es mit den Farben auf sich hat. Die Farbe bezeichnet die Gottheit zu der gebetet wird oder deren Segen man erhält. Rot ist Lakshmi, die Göttin des Wohlstandes. Orange ist Ganesh, der Elefantengott des Glückes und pink steht allgemein für Gottheit.

Sarita musste bei der möglichen Schwiegermutter die Füße als Zeichen der Ehrerbietung berühren. Eine andere Frau hielt ein Metalltablett mit Kokosnuss, Reis und Tamarind vor sie hin und dieses musste von ihr im Uhrzeigersinn geschwenkt werden. Danach verließen alle Frauen nacheinander wieder den Raum und wir warteten und warteten und warteten. Ich konnte schon nicht mehr im Schneidersitz sitzen. Eine Stunde war unterdessen vergangen. Nunmehr wurden die Kochkünste von Sarita durch die potentielle Schwiegermutter überprüft bzw. ihr Verhalten in einer alltäglichen Situation. Sie musste süß-salziges Limettenwasser für uns alle zubereiten und anschließend noch Poha (Reisflocken mit gerösteten Erdnüssen, Kokosraspeln, scharfen Gewürzen und frischem Koriander) für 10 Personen servieren.

Finden die Eltern des Heiratskandidaten Sarita und das Wohnumfeld gut, dann bekommen Saritas Eltern eine Gegeneinladung in das Elternhaus des jungen Mannes. Stimmen dann auch Saritas Eltern der Verbindung zu, wird ein Kontrakt aufgesetzt, in dem steht, was die Braut nach der Hochzeit alles für Pflichten hat. Meist sind das:

  1. Versorgung der Schwiegereltern
  2. ggf. Versorgung anderer Verwandter im Haushalt des Mannes
  3. Kindererziehung
  4. Haushaltsführung
  5. Verbot, den örtlichen Markt aufzusuchen (das ist z. B. eine Regel in Alegaon für zugezogene angeheiratete Frauen
  6. Unterstützung in der Landwirtschaft

Somit macht die Frau eigentlich alles! Also ich werde mich nicht mehr so schnell aufregen, wenn die Pflichtenverteilung im Alltag bei uns nicht ganz meinen Vorstellungen entspricht.

Nach einer weiteren halben Stunde kam endlich durch Baba das Zeichen zum Aufbruch nach Pune. Thomas und ich fuhren mit dem Motorrad nach Sangola. Baba folgte mit Pallavi im öffentlichen Linienbus und wir trafen uns am Busbahnhof. Durch die Zeremonie waren wir 1 Stunde später als geplant losgekommen. Da war es wieder, das indische Zeitverständnis. Noch immer regen mich solche unkommunizierten Aktionen, in denen man von anderen abhängig ist furchtbar auf. Bringt aber nix!

27. März 2018

Pravin ist „ the head of the teachers“ aber eben nicht der Schulleiter (Direktor). Vielleicht kann man diese Positionen vergleichen mit einem Ärztlichen Direktor und einem Verwaltungsdirektor in einem Krankenhaus. Wie das bei uns im Bildungsbereich heißt, weiß ich gar nicht.

Gestern waren wir bei seiner Familie eingeladen. Auch sie sind Farmer, so dass Pravin früh erst die Kühe versorgt, dann als Lehrer arbeitet und nachmittags von 14-17 Uhr die Granatapfelplantage wässert, verschneidet, düngt etc. Die Plantage ist riesig und in der trockenen Gegend musste die Familie extra 3 Brunnenbohrungen mit je 200 Meter Tiefe veranlassen, sonst würde alles vertrocknen. Selbst damit reichen sie jedoch nicht aus. Das Regenwasser wird während des Monsoon in tiefen und breiten Erdmulden, die mit einer Gummifolie ausgekleidet sind, aufgefangen. Auch darin befindet sich eine Pumpe, die das Wasseraus nach oben auf die Felder oder auf die Plantage pumpt.

Bei einem Spaziergang durch das Anwesen erfuhren wir viel über den Anbau von Granatäpfeln. Es gibt, wie bei normalen Äpfeln auch, verschiedene Granatäpfelsorten. Für uns klassifizierbar sind nur die dunkelroten und die gelben. Letztere sind nicht so hochwertig, da sie im Anbau einfacher zu handhaben sind. Sie schmecken jedoch viel süßer. Die roten Granatäpfel sind dagegen anspruchsvoller und bringen höhere Einnahmen beim Verkauf auf dem Markt. Ernten kann man zweimal im Jahr, sofern man die Bewässerung ermöglichen kann. Die Bäume sehen total spannend aus, da sich die dunkelroten Blüten (ähnlich einer Hibiskusblüte) direkt zu den hartschaligen Früchten ausformen. Sieht richtig toll aus!

Pravins Familie ist verhältnismäßig klein. Er lebt mit seinen Eltern und seiner Frau in einem modernen und eher städtisch eingerichteten Farmhaus auf einem winzigen Dorf. Es gibt „richtige“ Möbel, je nach Nutzung der Räume. Landleben ist also nicht gleich Landleben, auch hier gibt es Abstufungen. Wir haben dann wohl das absolut ländliche Landleben in Alegaon erwischt.

Obwohl es eigentlich nur eine Einladung zum Tee für uns war, wurden wir spontan mit einem kompletten Abendessen verwöhnt. Unterdessen kennen wir die Abläufe und fühlen uns etwas sicherer mit dem Wassertrinken ohne das Gefäß zu berühren, dem Reinigen der Hände vor und nach dem Essen, dem barfuß Sitzen im Schneidersitz und dem kleinen „Mouthrefreshment“ nach der Mahlzeit, bestehend aus Anissamen, Kandiszucker und einer Prise Salz.

Da es unterdessen 18 Uhr war und wir noch Geld von der Bank in Sangola abholen mussten, kamen wir erst 19:15 Uhr (im Dunkeln) zu Hause an. Das hatte erheblichen Stress bei unserer Gastfamilie hervorgerufen. Sie machten sich Sorgen, wo wir bleiben und hatten Pravin angerufen, ob alles in Ordnung ist. Es ist gigantisch in welchem Netzwerk alle Personen verbunden sind, die mit uns zu tun haben. Jeder informiert jeden über unseren Aufenthalt, unseren Aufbruch und unsere Pläne. Wir leben hier sehr behütet. Das ist schön zu wissen!

30. März 2018

Nach unseren ersten vier Wochen hier vor Ort fahren wir über die Ostertage nun nach Aurangabad – das erste Mal nun auch allein und nicht unter der wohlgemeinten direkten Familienkontrolle.
Gestern haben wir noch einmal mit allen Lehrern die ersten zwei Wochen der Projektumsetzung ausgewertet. Wir haben trotz aller Rückschläge schon eine Menge erreicht. An die aushängende „to do Liste“ (Projektplan) konnten wir schon etliche rote Haken machen.

Neben den Schulregeln sind es nun tägliche Englisch-Unterrichtseinheiten für die Lehrer, wir haben Wörterbücher angeschafft, diverse Reparaturen in der Schule durchgeführt und sind dabei, gemeinsam eine Website mit Inhalten zu füllen. Irgendwann im April gehen wir damit hoffentlich schon live. Wer vorher schonmal drauf schauen mag, findet die “Arbeitsversion” unter http://staging.dnyanankur.com.

Hinweise zur Verbesserung der Website sind immer gern willkommen.

Gestern haben wir nun auch einen Power Inverter besorgt – (Kleine Spende von uns). Dieses Herumgemurkse mit den dauernden Stromausfällen war einfach nicht mehr zum Aushalten. Um eine funktionierende Schulverwaltung einzuführen, bedarf es nunmal ein wenig IT – und die hängt am Strom.
Nachdem wir in der letzten Woche Zeitregeln für die Lehrer eingeführt haben, die ab April gelten sollen, damit die Lehrer nicht sofort nachdem Unterricht ohne weitere Vor- und Nachbereitung zu ihren Farmen nach Hause springen, müssen wir nun natürlich für deren Umsetzung sorgen. Da passt es natürlich nicht ganz, dass der aktuelle administrative Leiter (Balasaheb Shinde) es selbst mit dem Aufschreiben nicht so genau nimmt. Bisher tragen alle Lehrer ihre Anwesenheiten handschriftlich in einem großen Buch ein und bestätigen das mit ihrer Unterschrift. Diese Werte wollten wir mal in eine Exceltabelle übertragen und dann die Auswirkungen auf das Gehalt darstellen. Mit Balasaheb haben wir angefangen. Komischerweise ergaben seine Stunden laut Buch ziemlich genau 100%, obwohl wir sehr oft wahrgenommen hatten, dass er nicht da war. Gefragt, ob das alles überprüfbar wäre, bestätigte er sofort, dass Ein- und Ausgangszeiten an einem Fingerscanner erfasst werden – unter anderem auch seine.

Das haben wir natürlich sofort überprüft – hat natürlich nicht gestimmt. Seine Zeiten waren nicht erfasst. Er kam dann sofort mit der Begründung, dass das Gerät ja wegen der regelmäßigen Stromausfälle nicht funktionieren würde – doof nur, dass ich wusste, dass es Batterie gepuffert war.
Es ist vollkommen klar, dass mit so einer Führung keine einzige unserer Änderungen nachhaltig sein wird. Aber das werden wir noch im Detail mit unserem “Auftraggeber” Sagar diskutieren sobald wir wieder zurück sind aus Aurangabad.

Bis dahin haben wir frei und freuen uns auch riesig auf ein wenig Zeit für uns – bisher war alles doch ziemlich eingebunden.

Die Fahrt dahin übrigens im Mietauto (der Fahrer ist immer incl.) über fürchterlichsten Straßen – 350km in 7h. Man bekommt fast ein Schleudertrauma, dauernde Beschleunigungen, Bremsen, plötzliche Ausweichhaken und Wechsel des Straßenbelages von schlecht zu Feldweg. Ich versuche diesen Text grad im Auto zu schreiben, muss aber dauernd korrigieren, weil ich die Tasten nicht treffe.

31. März 2018

Unser Osterwochenende hat gestern begonnen. Wir haben vier Tage frei und sind mit einem Mietwagen nach Aurangabad (350 km entfernt von Sangola) gefahren. Das hat mit kleiner Pause 7 Stunden gedauert. Das Auto gab es nur mit Chauffeur. Somit sind wir jetzt „aufgestiegen” und haben unser eigenes Personal für ein paar Tage. Der Fahrer bringt uns im klimatisierten Auto überall hin, wartet dort geduldig auf uns und lässt sich von nix aus der Ruhe bringen. Ohne unser Google Maps weiß er zwar nicht wohin aber zur Not kann man ja mal am Straßenrand fragen. Anfangs fand ich das alles lächerlich. Heute am Ende des Tages bin ich sehr dankbar für den erprobten Kraftfahrer. Es gibt keine Verkehrsregeln, kein einziges Verkehrsschild, keine Ampeln und auch keine Wegweiser, Straßenschilder o.ä. Die Straßen, teilweise auch nur Wege sind in erbärmlichem Zustand und ohne Erfahrung in landestypischer Fahrweise hat man keine Chance und man kommt keinen Meter weit. Riesige bunten LKW sind völlig überladen unterwegs, überholten sich aber gegenseitig. Dazwischen quetschen sich Motorradfahrer und wir natürlich nun auch noch.

Dank unseres Chauffeurs sind wir jedoch gut zu unserem Ausflugsziel, den Ajanta Caves, gekommen. Diese alten Buddhistischen Felsenhöhlen liegen 101 km von Aurangabad entfern, wieder einmal irgendwo im Nirgendwo. Wir sind extra 8 Uhr losgefahren (Deutsches Zeitverständnis) und waren dann 10:30 Uhr vor Ort. Trotz unseres zeitigen Aufbruchs waren die Temperaturen dann bereits bei 39°C und sollten noch auf 42°C ansteigen.

Die Ajanta Caves sind 29 in massiven Fels gehauene Wohn- und/oder Gebetshöhlen mit massiven Säulen, tollen Skulpturen und sagenhaften teilweise farbigen Malereien. Alle Höhlen sind Buddha gewidmet. Die ältesten entstanden bereits 200 BC. Weitere wurden im Jahre 400 bis 480 A.D. dazu gebaut.

Die gesamte Anlage befindet sich in einem Tal, welches in der Regenzeit phantastisch grün ist und zwei riesige Wasserfälle tosen dann die Felswände hinunter. Dieses Naturschauspiel war uns leider nicht vergönnt. Trotzdem konnten auch wir einen tollen Ausblick genießen und ab und zu im Schatten der Höhlen etwas ausruhen.

Wieder zurück in Aurangabad haben wir das etwas außerhalb der Stadt gelegene „Mini Taj Mahal“ besichtigt. Es ähnelt schon sehr seinem „großen Vorbild“ in Agra, ist aber natürlich bei weitem nicht so prachtvoll und elegant proportioniert.

Es ist schön zu sehen, wie die Einheimischen den Ort ausgiebig nutzen. Er wird nicht nur besichtigt oder in der Anlage spazieren gegangen wie wir das z. B. im Schlosspark Sanssouci machen. Es wird mit der gesamten Großfamilie gepicknickt, unzählige Fotoshootings (posenden Frauen und Paare) finden statt und Jugendliche sitzen einfach nur im Schatten unter Bäumen und spielen mit ihren Handys. Kleinere Kinder toben sogar in der angrenzenden Gartenanlage mit einem Ball.

Erschöpft von der Hitze essen wir auf dem Heimweg noch in einem kleinen Familien-Restaurant. Wir bestellen Papad Masala, Mixed Raita, Curry, Palak Paneer und Roti (statt Chapati-Fladenbrot). Alles frisch zubereitet, hmmmm! Zum Abnehmen kommen wir so natürlich nicht. Macht nix, ist halt alles viel zu lecker.

Geschichtslektion 31. März 2018

Nachdem Sonni und ich ja nun ein Geschichtswochenende hatten, kann der Blog natürlich nicht ohne ein wenig Hintergrund auskommen. Für mich ist vieles immer wieder neu auch wenn wir nun schon ein paarmal hier waren und ich mich ja schon ein wenig mit der lokalen Geschichte auskenne.
Wichtig zum Verständnis ist sicherlich zu wissen, dass große Teile Indiens vom 12. bis zum 19. Jahrhundert durch islamische Eroberer regiert wurde, ab dem 16. Jahrhundert durch das vielleicht schon bekannte Mogulreich, dass z.B. das Taj Mahal mit hervorbrachte. Es gab im indischen Mittelalter darüber hinaus haufenweise kleinere Fürstentümer und kleinere Königreiche, die kamen und gingen. Meistens haben sie sich untereinander abgeschlachtet, oft jedoch auch gegen den Islam. Das Verständnis in der Bevölkerung, die zu 80% hinduistisch ist, ist auch sehr stark von dieser geschichtlichen Auseinandersetzung geprägt. Shivaji, der Nationalheld aus Maharashtra, nachdem z.B. der Flughafen in Mumbai benannt ist, hat im 17.Jahrhundert große Erfolge im Kampf gegen das schon untergehende islamische Reich erzielt. An seinem Geburtstag gibt es Volksfeste, die meisten fühlen sich tatsächlich immer noch nicht nur von den Briten 1947 sondern auch von den islamischen Fremdherrschern befreit.
Auch in der heutigen Zeit gibt es immer wieder religiös geprägte Pogrome, die letzten mir bekannten größeren in 2002 mit ca. 1000 Toten. Auch die Rivalität mit Pakistan lässt sich ohne diesen Hintergrund nicht verstehen.
Aber auch die Zeit vor den muslimischen Herrschern verlief keinesfalls friedlich. Königreiche wuchsen und gingen und hinterließen überall irgendwelche Hauptstädte, die teilweise wie das heute besichtigte Daulatabad inzwischen zu kleinen Nestern mutiert sind, in dessen Gassen gestern unser eigentlich nicht sonderlich großes Auto beinahe stecken geblieben ist.
Verbindender Teil über einen langen Zeitraum war wie auch in Europa die Religion, hierbei jedoch insbesondere Buddhismus und Hinduismus, wie heute auch in den alten Höhlen gesehen.
Inzwischen ist der Buddhismus fast vollständig verschwunden. Nur noch 1 Prozent bekennen sich dazu, insbesondere hierbei viele Dalit, ehemalig “Unberührbare”, die mit dem Wechsel der Religion aus dem Kastensystem der Hindus in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ausgebrochen sind.
Um den Beginn unserer neuzeitlichen Zeitrechnung herum war der Buddhismus mindestens gleichberechtigt und schuf mit den Höhlenbauten von Ajanta und Ellora unheimlich beeindruckende Bauten, die wir uns in den letzten Tagen angesehen haben – von denen Sonni aber grad parallel schreibt.

Ostersamstag 31. März 2018

Ich liebe das indische Essen! Es ist herzhaft, scharf und immer gibt es kalte und warme Gerichte. Bereits zum Frühstück kann man leckeres gedünstetes Gemüse, Linsengerichte, Curry, Hirse oder Reis als Beilage und selbstverständlich auch Frittiertes bekommen. Auch frisches Obst ist immer mit dabei. Nach einem solch leckeren Frühstück sind wir heute, zum Ostersamstag, erneut auf Sightseeingtour gegangen. Die Ortschaft Daulatabad, eigentlich fast ein Vorort von Aurangabad, war im 14. Jahrhundert Hauptstadt des Delhi -Sultanats und verfügt daher über eine gigantische Festungsanlage.

Diese haben wir bzw. habe ich im wahrsten Sinne des Wortes heldenhaft erklommen. Um auf die Spitze der Festungsanlage zu gelangen, mussten wir durch einen aufwärtsverlaufenden dunklen Tunnelgang, in dem unzählige Fledermäuse an der Decke hingen. Es stank nach den Exkrementen und verschlug mir fast den Atem. Thomas hat mit dem Handy etwas Licht ins Dunkel gezaubert und dann bin ich schnurstracks am Arm von ihm festgekrallt, Basecap tief im Gesicht losgestiefelt. Durch und vorbei, nur nicht an den Rückweg denken!

Danach ging es weiter zu den Ellora Caves, die sich auch nicht weit von Aurangabad befinden. Schon wieder Höhlen besichtigen, hab ich gedacht. Aber diese sind auf eine ganz andere Art und Weise beeindruckend, als der gestrige Höhlenkomplex. Beide Orte gehören übrigens zum Weltkulturerbe. Durch Kambodschas Tempelanlagen in Siem Reap hatten wir ja erst vor kurzem erstaunliche Monumente, Fresken und farbige Inkrustationen gesehen. Also hatte ich keine so großen Erwartungen. Höhlen halt, hatten wir ja gestern schon. Schauen wir halt ganz fix auch noch mit an. Aber was soll ich sagen, ich war sprachlos. (Väterchen, das wäre definitiv was für dich!) 34 sehr verschiedene Höhlen, aus unterschiedlichen Epochen bzw. aus verschiedenen Glaubensrichtungen heraus entstanden, sind sie auch anderen Göttern gewidmet.

Hier mal ein paar Eindrücke, da man das alles gar nicht beschreiben kann.

Insgesamt waren wir 3 Stunden auf dem Höhlengelände unterwegs und danach schon ziemlich k.o. Also erstmal zurück zum Hotel und 2 Stunden ausruhen.

Abends sind wir nochmal in die Stadt gefahren (worden). Wir wollten gern in eine Seidenmanufaktur und haben zufällig ein fast 100-jährige Familienunternehmen gefunden. Dazu wird dann Thomas morgen berichten.

1. April 2018

Wir haben ein Problem! Kein Geld! Wobei das nicht ganz stimmt. Geld haben wir schon, nur bekommen wir es nicht. An Feiertagen, davon gibt es in Indien sehr viele, arbeiten die Banken nicht. Deshalb heißt es wohl auch „Bankholiday“. Ok, dann gibt es halt kein Bargeld, nutzen wir eben unsere Kreditkarte. PIN eingeben und fertig. Wir wollen unsere Hotelrechnung bezahlen aber nix geht. Na dann zweiter Versuch. Wir haben uns bestimmt vertippt. Aber auch der Versuch scheitert. Zweite VISA-Karte raus, PIN suchen und fertig. Ach! Geht auch nicht? Mist! Ein anderes Kartenlesegerät wird geholt und alles nochmal von vorn. Unterdessen sind 30 Minuten vergangen, keine VISA funktioniert. Ist das peinlich! Da stehen wir nun, die „reichen Europäer“ und schauen mal ganz alt aus. Oh, da gibts doch noch Paypal! Gott sei Dank, schnell die App aktualisieren und den Geldtransfer starten. Doch leider Fehlanzeige. Ein junger Inder hilft uns aus der Klemme, mit ihm sind wenigstens die Verständigungsprobleme beseitigt. Thomas überweist mit Paypal die Hotelrechnung privat an ihn und er dann an das Hotel. Aber auch das geht nicht, Paypal bricht ab, keine Transaktion mit Rupien. Letzter Versuch, Überweisung von EUR. Endlich, das klappt. Über hundert Ecken haben wir nun die Rechnung bezahlt, checken aus und fahren von Aurangabad zurück nach Alegaon.

Auf dem Weg versuchen wir noch an diversen ATM-Automaten Geld abzuheben – nichts funktioniert, alles leer.

Weggeworfene Quittungen, die den Boden bedecken, zeugen von den fehlgeschlagenen Versuchen aller anderen. Noch nichtmal Benzin an den Tankstellen lässt sich mit einer internationalen Kreditkarte bezahlen. No way!

In Sangole sind wir am letzten Wochenende erfolglos bei 8 Bankautomaten gewesen. (laut Visa Sicherung, die die Karte dann gesperrt hatte, haben wir insgesamt 14 Versuche unternommen, um Geld zu bekommen). Wie an vielen anderen Stellen fällt auf, mit welcher Selbstverständlichkeit wir in Deutschland Dinge hinnehmen, die einfach funktionieren. Kein Mensch geht davon aus, dass das Bargeld ausgeht. Diese Sorge ist nun in Indien für uns Dauerzustand.

2. April 2018

Unser Fahrer war unfähig – ernsthaft. Den halben Tag hatten wir drüber gesprochen, das wir am Abend nach den ganzen Höhlenbesichtigungen noch in einen Seidenladen gehen wollen, weil Aurangabad für Seidentücher und Seidenstoffe allgemein in ganz Indien berühmt ist.

Gegen halb sechs fuhren wir los. Erst ging es nach Aurangabad hinein, dann wieder aus der Stadt hinaus – weit hinaus… Ein Hilfeanruf in unserer indischen Heimat mit Sprachsupport brachte dann Gewissheit. Der Fahrer wollte uns zu einem „Seiden -Dorf“ ca. 90 km entfern von Aurangabad fahren. Bei den Straßenverhältnissen wären wir vermutlich gegen 22:00 dort angekommen und irgendwann nachts gegen 3:00 erfolglos-ohne Einkauf- wieder zurück. Die Aktion haben wir dann selbstverständlich sofort abgebrochen und umgehend Google Maps bemüht. Uns hätte der Fahrer in seiner Not sonst einfach am nächsten Klamottenladen rausgeschmissen. Aber nicht mit uns!

Nach mehreren engen Gassen, gut gemeinten Ratschlägen von Passanten, die freundlich in eine entgegengesetzte Richtung zeigten als die, in die wir unterwegs waren, kam uns ein großes Werbeplakat zu Hilfe. Dieses wies in Sichtweite eine Seidenmanufaktur aus. Also nix wie hin, ich wollte schließlich ein dezentes Punjabi suit (keinen Sari) noch kurz vor Ladenschluss für einen guten Preis ersteigern.

Ein älterer Herr kam auf uns zu uns fragte in angenehmem englisch, ob wir Interesse an einer Führung hätten. Selbstverständlich! Wissenszuwachs ist immer gut. Und so bekamen wir eine sehr persönliche Führung in einem fast 100 Jahre alten Familienbetrieb.

Einige Maschinen waren tatsächlich noch aus dem Zeitalter der „Maschinenstürmer“ und in England hergestellt. Die automatischen Webstühle arbeiteten z. B. noch mit „Lochmusterkarten“.

In 2 Stunden ist jedoch ein Stoffstück mit Seidenmuster von 1,50 x 2,40 Metern fertig. Mit dem manuellen Webstuhl dauert das Ganze dagegen 2 Monate.

Wir wurden ausgiebig über traditionelle indische Muster in Maharashtra und über die Zusammensetzung der Stoffe (Wolle, Seide, Baumwolle, Mischgewebe) aufgeklärt.

Anschließend ging es in den Verkaufsraum. Da in den Monaten April und Mai jedoch die meisten indischen Hochzeiten stattfinden, gab es keine so große Auswahl mehr.

Wie man es sich üblicherweise vorstellt, begann ein klassisches Verkaufsgespräch in leidlich gutem englisch. In Windeseile wurden unzählige bunte Stoffmuster vor uns ausgebreitet. Alle waren bereits so vorbereitet, dass man daraus ein langes Oberteil und eine Pluderhose (Punjabi Suit)schneidern lassen konnte. Das Kopftuch ist schon fertig und dem Stoffpaket in passender Farbe und Muster zugeordnet. Das war mir jedoch alles viel zu traditionell, zu bunt und zu goldglitzerig. Ich hatte ja vor, diese Sachen wirklich zu tragen! Der Verkäufer hat natürlich verständnislos geschaut, als meine Anforderung „Bitte die Stoffauswahl weniger farbig und weniger goldig“ klar formuliert war. Ich fand schließlich eine schwarz-goldene Kombination, von der ich zwar nicht ganz 100%-ig überzeugt war aber daraus ließe sich auf alle Fälle was machen. Ich war froh, etwas gefunden zu haben und hoffte nun, den Einkaufsprozess beenden zu können. Weit gefehlt! Nun wurden alle Tücher ausgebreitet, die ich aber auch nicht haben wollte. Es half jedoch keine logische Begründung von wegen „In Deutschland ist der Geschmack etwas anders.“ oder „Unsere Traditionen in der Mode sind eher weniger farbenfroh“. Die Stimmung des Verkäufers verschlechterte sich und wir steckten im Verkaufsgespräch fest.

Als nächste kam der Vorschlag, einen Blick auf die Tischwäsche zu werfen, da würden wir bestimmt was finden. Und schon wurden uns zahlreiche farbenfrohe, glänzende Tischdecken, jedoch für winzige indische Tische vorgelegt. Auch hier half die logische Argumentation „Unser Esstisch ist sehr groß, mindestens 2 x 3 Meter.“ nicht als Begründung für eine Ablehnung des Gezeigten. Uns wurde klar gemacht, dass wir mit den Maßen wohl übertreiben, kein Tisch ist so groß. Wir versuchten es auf lustige Art…“Aber wir sind doch auch groß und breit.“ Half aber leider gar nix. Die Stimmung war frostig. „Dann nehmt ihr eben eine Bettabdeckung“, verkündete der Verkäufer und breitete zwei riesige helle Stoffdecken vor uns aus. Und die sahen richtig gut aus. Zwar nicht als Bettabdeckung denn ich bin froh wenn die Betten überhaupt gemacht sind! Aber als große Tischdecke konnte man das Teil gut nutzen. Gekauft! Besser gesagt ausgetauscht gegen mein schwarz-goldiges Punjabi Suit Stoffmuster. War ja nicht ganz so mein Ding. Der Verkäufer war entsetzt. Die Rechnung habe er schon geschrieben und wir müssten jetzt beides kaufen. Nun platze Thomas der Geduldsfaden. „Entweder wir kaufen jetzt diese Bettdecke oder wir gehen!“ Es ging noch ein wenig Gezeter hin und her und ein kleiner Kampf mit der Bezahlung per Visa-Karte aber letztendlich hatten wir es nach 1 Stunde geschafft. Nix wie raus aus der Manufaktur und schnell was leckeres Essen.

4. April 2018

Bereits im Vorfeld hatten Thomas und ich uns Gedanken gemacht, wie wir wohl in diesem Jahr die Osterfeiertage zelebrieren könnten. Ein traditioneller Kirchgang schien unmöglich. Unterwegs hatten wir nur eine unscheinbare Kirche in einem kleinen Ort gesehen. Dort einfach hineinplatzen, kam gar nicht in Frage. Wir hatten also keine Idee. Wieder einmal kam aber alles so, wie es besser nicht hätte kommen können, und wir hatten einen unvergesslichen und feierlichen Ostersonntag.

Auf unserer Rückreise von Aurangabad am Sonntag waren wir mit der Familie Babar 16:00 Uhr in Pandapur verabredet. Pandapur ist ein Pilgerort ca. 40 km von Alegaon entfernt und sehr berühmt wegen seines Tempels und der zahlreichen Glaubensrituale. Normalerweise gibt es vor dem Tempel meterlange Schlangen wartender Gläubiger aus dem ganzen Land, um an einer Zeremonie teilnehmen zu können.

Unsere Gastfamilie hatte umgerechnet 200 Euro gezahlt, um am Ostersonntag in das Tempelinnere zu einer ganz besonderen Zeremonie zugelassen zu werden. Und wir sollten und durften dabei sein!

Alle kamen extra aus Pune (4 Stunden Fahrtweg) angereist und wir waren von Aurangabad ohne Pause auch schon 5 Stunden unterwegs. Finanziell unterdessen völlig ausgebrannt. Die VISA- Karte ist an den Automaten an einem „Bankholiday“ nicht einsetzbar und mit VISA im Landesinneren bezahlen, abseits der großen Städte…total unmöglich. Von unserem letzten Bargeld gönnten wir uns in einem Strassenrestaurant für ein paar Rupies eine sehr leckere Kleinigkeit und waren somit gestärkt für die nächsten Stunden.

Pünktlich 16:00 Uhr trafen wir uns wie verabredet mit der gesamten Babar-Familie und gingen gemeinsam zum Tempel. 16:30 Uhr sollte die Zeremonie beginnen. Kurz vor dem Tempel „versteckten“ wir an einem Süssigkeitenstand unsere Schuhe unter dem Ladentisch und gingen barfuß weiter. Das war eine ziemliche Herausforderung, da der gepflasterte Weg zum Tempel lag und die Steine glühend heiss durch die Sonne waren. Wir wollten am liebsten rennen, hüpften von einem Fuß auf den anderen und suchten angespannt nach halbwegs schattigen Laufmöglichkeiten. Das hatte in der Tat ansatzweise etwas von einem „aufopferungsvollem Pilgerweg“. Im Tempelinneren, kurz vor dem Betreten des eigentlichen Heiligtums, erfolgte die rituelle Fusswaschung, die jedoch auch keine Abkühlung für unsere Füße brachte, da das Wasser aus der Aussenwandleitung lauwarm war. Vor dem „Allerheiligsten“ mussten wir dann noch einige Minuten warten, um als komplette Familie eintreten zu können, wir waren insgesamt immerhin 17 Personen. Für die Zeremonie hatte die Familie zwei große Blumenketten aus duftenden Jasmin- und orangegelben Studentenblumenblüten mitgebracht. Außerdem hatten sie Tüten mit Lebensmitteln und Gefäße mit Wasser dabei.

Nun durften wir alle nacheinander eintreten, erst die Männer und dann die Frauen. Nur einem Ehepaar war es gestattet, direkt vor der männlichen Gottheit „Pandurag Vitthal“ oder der weiblichen Gottheit „Rugmai“ im Schneidersitz platzzunehmen. Alle anderen Familienangehörigen reihten sich dahinter ein. Der Bereich dafür war nur 3 x 4 Meter groß und durch ein Holzgitter mit Blick auf die Gottesstatue abgegrenzt. Er wurde mit noch anderen Gläubigen „aufgefüllt“, so dass wir ziemlich eng nebeneinander saßen. Im Verlauf der Zeremonie ist es jedoch möglich, rotierend als Ehepaar den vordersten Platz einzunehmen.

Die Zeremonie dauerte eine Stunde und bestand darin, dass beide Gottheiten (schwarze Skulpturenbüsten) mit einer Sandelholzpaste von einem Tempeldiener „angekleidet“ und farbig verziert wurden. Dazu erklingt ein monotoner Gebetsgesang, der mit Schellen „musikalisch“ begleitet wird.

Nachdem die Büste „angekleidet“ ist, werden das mitgebrachte Wasser und die Lebensmittel gesegnet. Alle Anwesenden müssen sich erheben und sich einzeln vor der Gottheit verneigen und dabei deren Füße mit dem Kopf berühren. Dabei wird jeder Gläubige wieder mit einem Punkt auf der Stirn, diesmal aus Sandelholzpaste, gesegnet. Abschließend dürfen zur Erinnerung zwei offizielle Fotos im Allerheiligsten mit der Familie gemacht werden.

Wir verlassen den Tempel, suchen unsere Schuhe und nun werden gemeinsam in einem überdachten Außenbereich das gesegnete Wasser und die Lebensmittel (Obst, Süßigkeiten) geteilt und fröhlich gefeiert.

Wir wünschen uns gegenseitig schöne Ostern und sind dabei total ergriffen von der Zeremonie und der hohen Ehre, als Fremde so nah dabei gewesen zu sein. Vor lauter Rührung und Freude fließen sogar ein paar Tränen. Es ist ergreifend wahrzunehmen, dass Glaube sehr unterschiedlich und doch in einzelnen Ritualen wieder sehr ähnlich gelebt wird. Wir versuchen zu erklären, was Ostern für uns Christen bedeutet, welche Ostertraditionen wir in unserer Heimat, der Lausitz, kennengelernt haben und verweisen auf die Gemeinsamkeiten beider Glaubensrichtungen. Nun sind auch unsere Gastgeber noch einmal mehr stolz darauf, uns unseren höchsten christlichen Feiertag, mit einer ebenso bedeutenden hinduistischen Zeremonie verschönt zu haben.

Es schließt sich noch ein Privatbesuch bei einer sehr bedeutenden, politisch einflussreichen und wirtschaftlich hoch gestellten Familie in Pandapur an. Es handelt sich um die Nachkommen der Deshmuks, den ehemaligen Steuereintreibern und lokalen Gutsherren über 100 Dörfer. Diese ist eng mit der Familie Babar verbunden. Das Familienhaus ist in einem phantastisch renovierten Zustand, alles ist noch einmal traditioneller, Frauen und Männer werden strikt getrennt. Thomas darf nur draußen auf der offiziellen Terrasse sitzen, ich darf nur drin bleiben, sehr befremdlich irgendwie und teilweise auch unangenehm. Man fühlt sich durch die strikten Vorgaben doch schon sehr fremdbestimmt. Natürlich werden wir wieder gesegnet, erhalten zum wiederholten Male Turbane. Da es eigentlich Brauch ist, dass weibliche Besucher einen Sari erhalten, für mich aber grad keiner da ist, bekomme ich das Geld dafür in einem kleinen Umschlag.

Erschöpft aber sehr erfüllt von den Eindrücken, Gesprächen und Erlebnissen fahren wir eine weitere Stunde zum Farmhaus zurück.

5. April 2018

Nach reichlich 4 Wochen schlägt sie nun zu, meine „innere Unruhe“ ist wieder da. Sicherlich bringen viele Tage immer noch aufregende Erlebnisse, unerwartete Begegnungen und oft auch ausreichend Arbeit. Es kehrt aber auch etwas Alltag ein. Nach wie vor bin ich 8:30 bis 14:00/15:00 Uhr mit dem Schulprojekt in Anspruch genommen. Danach ist Freizeit. Nun kommt mein Problem. Was mache ich in meiner freien Zeit? Meine Unabhängigkeit habe ich komplett verloren. Ich gehe hier keinen Schritt ohne Thomas, weder ins Dorfzentrum nach Alegaon noch in die Stadt Sangola. Was sollte ich dort auch allein machen? Die Verständigung mit Einheimischen ist nicht möglich oder nur mit einzelnen Personen, die man zufällig trifft. Ein Fitnessstudio gibt es nicht, Freunde habe ich hier nicht und anderen Aktivitäten anschließen, kann ich mich nicht…welchen denn? Private Yogastunden (habe ich zwar noch nicht recherchiert) werden vermutlich in Hindi oder Marathi abgehalten, so dass ich die Anleitung zu den Übungen nicht verstehen werde. In einer größeren Stadt besteht vielleicht die Chance, diese in englisch zu bekommen. Aber dafür umziehen? Als Frau sitzt man hier auch nicht in einem Café und liest, allein schon gleich gar nicht. Abgesehen davon gibt es hier auf dem Land kein Café. Und Frauen treten in der Öffentlichkeit (fast) nicht in Erscheinung. Von meinem eingeschränkten Bewegungsradius hatte ich ja bereits geschrieben. Ich habe auch dafür immer noch keine wirklich gute Lösung gefunden. Somit bin ich ausschließlich in meiner Freizeit (ausgenommen die Wochenenden) im Farmhaus und sitze im Schatten vor dem Haus. Die innere Unruhe treibt mich raus aber es gibt keinen Ort, wohin ich (allein) gehen könnte. Entweder machen mit die Hitze, die zeitige Dunkelheit, regelmäßige Stromausfälle oder die fehlende Anbindung an irgendetwas einen Strich durch die Rechnung. Wie und womit soll ich mir die freie Zeit gestalten? Es gibt keine Abwechslung und keine externen Anregungen. Meine Lernaufgabe: Ich muss mich mit den veränderten Gegebenheiten irgendwie arrangieren und mich in Ruhe und Geduld üben. Dabei möchte ich mich allerdings auch wohlfühlen, also muss ein Kompromiss her.

Darüber haben Thomas und ich gestern lange diskutiert.

Wir wollen versuchen, nun zweimal pro Woche früh Yoga nach einer App zu machen und erst gegen 10:00 Uhr zur Schule zu gehen. Dazu müssen wir uns nur noch einen passenden Ort überlegen. Vor dem Farmhaus im Schatten ist es wahrscheinlich etwas unpassend, wenn um uns herum die Landwirte ihre harte Arbeit verrichten. Eine andere Überlegung ist, gemeinsam 2 x pro Woche am Nachmittag ins Dorf zu gehen und dort in einem Straßencafé zu lesen oder ggf. noch was für unser Projekt zu machen. Wenn sich dann alle an unser regelmäßiges Erscheinen gewöhnt haben, könnte ich auch mal allein auftauchen. Somit hätte ich ein klein wenig mehr Unabhängigkeit.

Im April ist noch viel Aufregendes in Planung. Es gibt kommende Woche eine Zeremonie im Dorf anlässlich der „Hochzeit der Hauptgottheit“ und dazu finden 5 Tage lang Feierlichkeiten statt. Dann stehen im Rahmen unseres Projektes Hausbesuche in den umliegenden Dörfern an, die wir teilweise begleiten werden und nicht zu vergessen…Thomas hat Geburtstag! Wie ich den gestalte, weiß ich noch nicht. Blumenstrauß und Kuchen wird es nicht geben aber viel Sonnenschein! Vielleicht spendiere ich ihm eine kühle Pepsi!

Andere Herangehensweise 6. April 2018

Gestern waren Thomas und ich an einem Punkt angekommen, an dem wir beide ernsthaft überlegt haben, ob das hier alles Sinn macht und nachhaltig sein wird. Immer mal wieder sind wir schon im Rahmen des Projektes an unsere Grenzen gekommen. Ein wesentlicher Punkt ist dabei die komplett andere Arbeitsweise. Vieles hat für uns den Anschein der Beliebigkeit. Es kommt, was kommt und es ist, was ist und wie es gerade ist. Eine Tätigkeit in einer bestimmten Art und Weise zu tun, damit das Ergebnis besonders gut genutzt werden kann oder damit ein gerade gekaufter Gegenstand besonders lange hält, ist nicht abgespeichert. Für das persönliche Stresslevel ist diese Herangehensweise ganz wunderbar. Stress hat hier niemand! Wirklich niemand!! Steht z. B. Farmarbeit an, kann ich halt nicht als Lehrer arbeiten und komme 3 Tage nicht zum Unterricht. Ist in meinem Dorf eine offizielle Zeremonie, bleibe ich auch zu Hause, kümmere mich um Gäste und um die Familie. Hat ein PC Fachmann gerade einen alten Computer repariert, wartet er geduldig darauf, dass dieser sich 50 Minuten lang updated. Das auch erforderliche WLAN Kabel schonmal zu verlegen, ist jetzt noch nicht dran (das ist übrigens ein aktuelles und kein Beispiel aus meinem bisherigen Arbeitsumfeld!!!). Alles schön nacheinander, parallel arbeiten geht nicht! Sehr weise, nur leider das komplette Gegenteil zu unserem Arbeitsansatz und zu unserem Arbeitsverständnis. Wir wollen und müssen uns anpassen.

Auch dass Verständnis für konkrete (komplexe) Sachverhalte ist anders ausgeprägt. Komplexität hat ein ganz anderes Ausmaß. Ich könnte z. B. nicht für 25 Personen mehrere warme Gerichte kochen und unterschiedliche Fladenbrote zubereiten. Dagegen ist es eine Herausforderung für die Lehrer, selbständig Arbeitsmittel (Papier, Schere, Locher, Kreide, Ordner) zu verwalten. Dafür gibt es Schulhelfer. Diese holen und bringen den ganzen Tag lang diese Dinge von einem Lehrer zum anderen.

Erschwerend für unser Projekt ist natürlich auch die sprachliche Verständigung. Aber das war ja vorauszusehen.

Diesen Tatsachen versuchen wir uns von Anfang an anzupassen. Wichtige Aufgaben, die von den Lehrern zu erfüllen sind, werden mehrfach und sehr kleinteilig erklärt. Es ist jedoch nicht unbedingt üblich, selbständig zu denken und Verständnisfragen zu stellen. So nicken bzw. schütteln alle Beteiligten bei gestellten Arbeitsaufgaben zustimmend den Kopf aber jeder macht dann das, was er denkt. Ein Beispiel…

Ich hatte gemeinsam mit Thomas für jede Klassenstufe eine Inventurliste in Excel für Unterrichtsmaterial angelegt. Die Struktur dafür, also die Überschriften der Spalten, hatten wir kurz mit dem „head of the teachers“ besprochen. Um die Nutzung möglichst einfach zu machen, bekam jeder Lehrer eine ausgedruckte Liste und sollte diese ausfüllen. Die Tabelle hatte ich in einer Projektrunde vorgestellt und erklärt. Sogar mit zwei Beispielen hatte ich versucht, alles deutlich darzustellen. Die Listen kamen zurück, jedoch waren das „Wunschlisten“, also was möchten wir für neues Unterrichtsmaterial haben. Um den Inhalt in der Tabelle wiederzufinden, den wir eigentlich gewollt hätten, hätten wir folgendes kommunizieren müssen:

  1. Liste zur Hand nehmen
  2. Einen Stift bereit legen
  3. Den Schrank im Klassenzimmer öffnen
  4. Erst alle Bücher zählen und in die Tabelle eintragen
  5. Dann überlegen, wo die Bücher aufbewahrt werden sollten (zentral/dezentral) und ein Kreuz in der Tabelle machen bei zentral oder dezentral
  6. Danach alle Anschauungsmaterialien zählen, die in dem Schrank sind und die Anzahl in die Liste eintragen
  7. Werden Unterrichtsmaterialien benötigt, die nicht vorhanden sind, diese auch in die Liste eintragen und vermerken, wieviel Stück davon gebraucht werden…

Gut, nun habe ich 12 Wunschlisten und werde damit auch etwas anstellen. Die Inventur wird jetzt praktischer:

  1. große Plastikkisten kaufen
  2. Datum für „Monsoonputz“ festlegen
  3. Arbeitsgruppen pro Klassenraum einteilen
  4. Alle Schränke ausräumen
  5. Nutzbares in Kisten verstauen
  6. Unbrauchbares auf dem Schulhof stapeln
  7. Liste erstellen, was wo aufbewahrt wird

Fertig!

Manche Skills sind halt weltweit einsetzbar. Internationales Projektmanagement muss jedoch in seiner Herangehensweise angepasst werden.

8. April 2018

Am Vormittag hatten wir den ersten Spatenstich im staubigen Boden hinter dem Schulgebäude gemacht und damit „unseren“ Neubau des Klassenraumes für eine 9. Klasse begonnen. Nach offiziellen Fotos und dem dazugehörenden Tempelbesuch im Dorf konnten wir dann endlich mit dem Motorrad aufbrechen. Wir wollten einen etwas längeren Ausflug machen, was bei den hiesigen Strassenverhältnissen max. 35 km für eine Richtung bedeutet.

Wir hatten auf unseren diversen kleinen Touren oder Einkaufsfahrten nach Sangola immer mal wieder unterschiedliche Motorräder. Je nachdem, wer seines gerade entbehren konnte. Man muss sich das wie bei uns mit dem Car-Sharing vorstellen, nur dass das ganze Dorf involviert ist. Es wird per Handy herumtelefoniert und abgefragt, wer sein Motorrad ab wann nicht mehr bzw. bis wann wieder benötigt. Selbstverständlich haben alle landwirtschaftlichen Aktivitäten Vorrang, d.h. erst wird der Mais zum Füttern der Kühe transportiert, das gebündelte Getreide zum Dreschen, dann müssen nach dem Melken die Milchkannen zum Dorf gefahren werden, auf dem Rückweg transportiert man dann noch kleinere Kannen mit Büffelmilch oder man fährt auf dem Markt vorbei und holt noch Obst und Gemüse.

Da das Motorrad das einzige Fahrzeug und Transportmittel (neben dem Ochsenkarren) ist, kann es eigentlich keiner wirklich entbehren. Daher ist es manchmal eine längere Herumtelefoniererei, bis man einen „Motorradtauschring“ zusammengestellt hat, um uns ein Motorrad für Ausflüge zur Verfügung stellen zu können. Wir beschäftigen also ein ganzes Dorf mit unserem Wunsch, die Umgebung zu erkunden.
Da sich alle untereinander ihre Motorräder leihen, tankt jeder Besitzer auch immer nur für einen kleine Betrag Benzin und jeder Nutzer muss für seine Fahrt dann gleich erst einmal ebenfalls nur für einen kleinen Betrag nachtanken. So ist keiner irgendwem Benzinkosten schuldig.

Das Motorrad wird im Vergleich zu anderen „Besitztümern“ verhältnismäßig gut gepflegt, nicht ganz so fanatisch wie Motorradfreaks in Deutschland ihr Schmuckstück hegen und pflegen aber immer hin schenkt man ihm auch mal Blumen…

Jedenfalls sind wir ab 10:30 Uhr unterwegs und genießen etwas kühlen Fahrtwind bei ansonsten 37°C. Die Landschaft ist sehr unterschiedlich. Mal gibt es nur weite trockene Flächen ohne Vegetation. Mal sehen wir grüne kleine Palmen- Oasen mit nur einem Haus aber auch Täler, die trotz der Hitze erstaunlich grün sind.
Wir fahren noch einmal zu dem Tempel, den wir bereits mit dem Lehrerteam der Schule besichtigt haben. Dort wollen wir etwas laufen. Die Umgebung, viele Steinbrüche, sah bereits beim ersten Besuch spannend aus.

Zur größten Mittagshitze angekommen, laufen wir noch einmal um den Tempel herum und wollen auf der anderen Seite erst einmal ein Straßencafe oder -restaurant aufsuchen. Ein Volleyballfeld ist auch davor und Musik wird gespielt…klingt doch ganz nach einem entspannten Sonntag. Als wir vor dem Gebäude stehen, erkennen wir einen überdachten Schlafsaal. Etliche junge Männer entspannen auf kleinen Holzliegen im Schatten. Nebenan ist ein großer Koch- und Essbereich, den drei Frauen gerade sauber machen. Wäsche hängt auch auf einer langen Leine. Also nix mit Straßencafé oder -restaurant. Wir gehen schnell vorbei, merken aber, dass wir „verfolgt“ werden. Einer der jungen Männer überholt uns und spricht uns in englisch an…woher wir kommen, woher wir diesen Ort kennen, was wir hier wollen… und wir erfahren, dass wir in einem Armee-Trainigscamp gelandet sind. Für 6 Monate trainieren die jungen Männer an diesem Ort, unmittelbar neben einer wunderschönen Tempeloase ihre Skills für den Kampfeinsatz. Was für ein krasser Gegensatz! Nun kommt wieder die übliche Fotoaktion, alle wollen auf’s Bild!
Das Gelände ist für Militärtrainig allerdings gut vorstellbar: Steinbrüche, weites karges Land, ein ausgetrocknetes Flussbett und in der Regenzeit ein reißendes Gewässer. Da kann viel Technik trainiert werden.

Wir verabschieden uns und machen einen kleinen Spaziergang auf der Anhöhe.

Auf dem Rückweg halten wir zum Lunch in einem Dorf. Dort ist gerade Markttag und wir kaufen frisch zubereitetes „Fastfood“. Zum Essen kehren wir in ein Strassenlokal ein und sind ganz schnell wieder Mittelpunkt aller Gespräche. Alle wollen wissen, was wir denn hier wohl machen. Plötzlich taucht der Fahrer eines unser Schulbusse auf. Wir sind in seinem Heimatort gelandet. Er erklärt allen, das wir die Schule unterstützen und die Begeisterung ist groß. Wir brauchen nix zu bezahlen, wir sind schließlich die „Gäste Indiens“ und allerherzlichst willkommen. Sofort bekommen wir Süßigkeiten, eine Flasche Wasser und ein Curry in Windeseile serviert. Ein wenig plaudern wir noch und fahren dann weiter nach Hause.

Stein oder Blech 9. April 2018

Wir hatten vor ein paar Wochen nach einem Blick auf die Investitionsliste und die neu auf der Website eingestellten Spenden für 2018/2019 beschlossen, der Schule eine Schulerweiterung mit zwei Räumen zu finanzieren. Diese werden für die neue 9. Klasse ab 01.06.18 benötigt. Laut dem Headmaster (und gleichzeitigem Finanzchef) sollten die Kosten pro Raum ca. 800 € betragen. Nachdem wir gemeinsam mit Baba mehrere Anbauvarianten diskutiert hatten, blieb eine Variante als besonders geeignet aber auch finanziell etwas intensiver übrig. Gemeinsam legten wir ein Gesamtbudget von 2300 € fest. Von diesem Geld sollten zwei Räume (mit je drei Steinwänden und Blechdach) entstehen. Für Sonntag, den 08.04. war die Grundsteinlegung geplant.

Am Freitag war noch einmal oder überhaupt erst einmal der Architekt vor Ort und erklärte uns, dass für diesen Geldbetrag nur Steinwände ohne Zementputz und stabilisierende Zwischenpfeiler möglich seien. Wir stimmten zu. Weitere Diskussionen unter den Einheimischen und Schulverantwortlichen schlossen sich an, wir waren jedoch nicht mehr involviert.

Im Rahmen unseres Regelmeetings mit den Lehrern am Samstag mit fester Tagesordnung wurden vom Schulmanagement die nächsten Investitionen vorgestellt. So erfuhren wir, dass die zwei neuen Schulräume Blechbaracken sein würden und als Anbau an das bestehende Schulgebäude realisiert werden würden. Uns blieb die Luft weg aber wir konnten vor dem versammelten Lehrerteam noch an uns halten. Wir signalisierten sofort dringenden Gesprächsbedarf nach unserem Meeting mit den vier Hauptverantwortlichen. Was war passiert?

Um das finanzielle Budget zu halten, sollten statt massiver Ziegelsteinwände nur Wellblechwände als „Erweiterungsbau“ angeschraubt werden. Diese Konstruktion hätte nicht nur miserabel ausgeschaut, sie wäre aufgrund der enormen Hitze eine Zumutung für die Schüler. Dieses Problem wäre jedoch erst nach der Regenzeit „bemerkt“ worden. Von Schallschutz ganz zu schweigen . Ein Anbau, der für die Schule langfristig vollkommen unbrauchbar sein würde. Perspektivische Überlegungen haben jedoch nur sehr selten Einfluss auf aktuelle Entscheidungen. Treten Probleme auf, werden sie pragmatisch gelöst, unabhängig langfristiger Auswirkungen. Somit hat man häufig zwar ein Thema eigentlich schon „geklärt“, es kommt jedoch auf Umwegen oft mehrmals zurück und muss erneut bearbeitet werden. Nervig aber praktischer Alltag!

Nun kann man sich darüber echauffieren, wie dreist doch die Inder sind und dass sie Fremde ja nur verarsch…verärgern. Völlig falsche Argumentation! Niemand wollte uns linken, beschummeln oder austricksen. Man hat genau das gemacht, was wir vorgegeben hatten. Schließlich wollten wir ja zwei Räume haben und wenn das Budget nicht reicht, passt man den Bau halt an und das Ergebnis stimmt dann wieder.

In ständigem Austausch zu sein, über kritische Themen zu kommunizieren, Inhalte oder Details nachzufragen, sich abzustimmen, Schwierigkeiten offen anzusprechen, das alles liegt nicht in der Natur indischer Menschen. Man erfährt nie konkret, was eine Person tatsächlich zu einem Thema denkt oder welche Meinung diese Person zu einem Thema hat. Man muss seinen Gesprächspartner genauestens beobachten, um kleine Reaktionen zu erkennen. Dann muss man noch in der Lage sein, diese richtig zu interpretieren.

Nach langen und teilweise auch heftigen Diskussionen, immerhin geht es um Geld, einigten wir uns auf den Bau eines neuen Klassenraumes mit Ziegelsteinwänden. Wir erfragten nun auch noch, ob der Raum denn auch Fenster, eine Tür und Elektrikanschlüsse hätte… nur zur Sicherheit, um den Qualitätsstandard sicherzustellen. Alles wurde mit Kopfschütteln bestätigt. Erleichterung! Der Raum wird ausschauen, wie alle anderen Räume der Schule auch. Gut, wir waren zufrieden.

Wir machten in der Diskussion um den Erweiterungsanbau auch unmissverständlich klar, dass dieser Umgang mit Spenden auf keinen Fall akzeptabel ist. Spender brauchen Vertrauen in eine korrekte Anwendung ihrer Finanzen. Abweichungen sind umgehend zu kommunizieren und Veränderungen klar darzustellen. Doch auch hier, ist keine „böse Absicht“ zu vermuten. Es ist schlichtweg bisher nicht erforderlich gewesen, Kostenvoranschläge für umfangreichere Investitionen einzuholen und den Blick von Spendern zu berücksichtigen. Gegenseitiges Verständnis und umfangreiche Lernprozesse aufgrund internationaler Vernetzung haben wir nun angeschoben. Beide Seiten (Spendengeber und Spendenempfänger) müssen voneinander wissen und die Hintergründe für das jeweilige Anderssein versuchen zu ergründen und zu verstehen.

Wir bleiben dran!!

Als positiven Abschluss aller Diskussion gab es nun doch am Sonntag den ersten Spatenstich mit Segnung der Werkzeuge und der üblichen Kokosnusszeremonie.

Wir wünschen uns sehr, dass wir tatsächlich noch bevor wir die Heimreise wieder antreten “unseren” neuen Klassenraum bewundern können. Baubeginn ist 01.05. und geplante Fertigstellung 31.05. Am 01. Juni beginnt der Unterricht für die 9. Klasse. Wir sind sehr gespannt. Manchmal geschehen doch kleine Wunder!

10. April 2018

Am Sonntag, 08.04. wurde am Nachmittag die Tempelfestwoche anlässlich der „Hochzeit der Tempelgottheit“ eröffnet. Alle feierfreudigen Anwohner, auch aus den umgebenden Dörfern, kommen dann zum Tempelplatz in Alegaon. Der Tempel wurde für diese Festwoche extra mit Lichterketten geschmückt und außen komplett und sehr farbenfroh renoviert.

Eigentlich sollte auch bereits eine Solaranlage auf dem Tempelgebäude installiert sein. Thomas hatte das Kostenangebot dafür inhaltlich geprüft. Doch leider konnte die Fertigstellung aus den unterschiedlichsten Gründen nicht bis zu dem konkreten Datum sichergestellt werden.

Die Tempelfestwoche ist täglich mit einem Kulturprogramm flankiert, beginnend mit Livemusik, traditionellen Tänzen, sportlichen Zweimannkämpfen, traditionellen Gesängen und einem Feuerwerk zum krönenden Abschluss.

Die Finanzierung stellt der Dorfvorsteher (Serpanch) dadurch sicher, dass er von Tür zu Tür geht und jede Familie um eine kleine Spende bittet. Wird man persönlich von einer Respektsperson aufgesucht und angesprochen, fällt es schwerer, nein zu sagen oder einen Finanzbeitrag zu verweigern. Clever! Auch die individuellen Segnungen im Tempel werden oft durch die Gläubigen mit kleinen finanziellen Beiträgen entlohnt. Somit leisten sich alle genau das, was sie sich als Gemeinschaft für diese Festwoche leisten wollen und leisten können!

Wir treffen uns 17 Uhr in einem großen historischen Anwesen der Familie Babar, welches jedoch nur noch aus wenigen alten ehrwürdigen Grundmauern besteht und sich unweit des Tempels befindet. Dort müssen sich Frauen und Männer strikt getrennt voneinander aufhalten. Ohne große Vorankündigung finde ich mich in einer Gruppe von mindestens 30 Frauen mit ihren Kindern wieder, die mich umringen, mich anfassen, auf mich einreden, mich hierhin und dorthin schieben. Ich „rette“ mich in eine Ecke an eine Mauerwand und sinke in den Schneidersitz! Schlagartig ist Ruhe und alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich sage mit meinem einzigen Satz in Hindi, wie ich heiße und füge in englisch hinzu, dass ich nur englisch spreche. Damit war alles gesagt. Ein Getuschel und Gemurmel beginnt, mein Name wird unzählige Male wiederholt, ältere Damen blicken starr und misstrauisch auf mich herab, junge Frauen schütteln zustimmend (wozu auch immer) ihre Köpfe und die kleinen Kinder kommen neugierig herangekrabbelt. Es ist so eng, dass nur noch eine schmale Gasse vor meinen Füßen frei ist. Es ist heiss und stickig, die Luft wird knapp, es weht kein einziger Luftzug. Bin klatsch nass und bekomme auch meine verschwitzen Hände gar nicht mehr an meinen Sachen trockengerieben, so dass ich mir auch nicht mehr das Gesicht wischen kann. Schweiß läuft mir die Stirn runter. Mir ist übel und ich habe Angst umzukippen. Wobei das geht nicht mehr, ich sitze ja schon. Mir wird ganz schummrig. Trinkwasser habe ich leider keins. Na ja, wird schon! Durchhalten!

Immer mal wieder bringen einzelne Männer riesige Lebensmittelpakete, auf dem Kopf tragend, herangeschleppt und bahnen sich auch noch ihren Weg durch die schmale Gasse vor meinen Füßen. Die sitzenden Frauen springen auf und weisen Ihnen den Weg zur „Food-Ablage“ auf einer großen Fussbodenmatte. Dadurch kommt etwas Bewegung in die Menschenmasse. Eine junge Inderin nimmt dann neben mit Platz, tippt etwas in ihr Handy und frag dann…“married?“ Dank „Google translator“ beginnen nun Ein- und Zweiwortfragesätze und mit meinen gestikulierten Antworten steigt die Zufriedenheit der anwesenden Frauen. Nun wissen sie alles, was für sie wichtig ist!

Nach einer anstrengenden Stunde des Wartens im Schneidersitz (nach 10 Minuten tun mir alle Knochen weh aber die Beine auszustrecken, ist einfach nicht möglich) wird das Zeichen zum Aufbruch zum Tempel gegeben. Allerdings dürfen nur die Männer zum Tempel laufen. Die Frauen des Dorfes bleiben zurück.

Aus 4 unterschiedlichen Richtungen im Dorf kommend, treffen die männlichen Nachkommen der Babar- Familie aufeinander und strömen gemeinsam in einem Zug zum Ortszentrum. Alle bringen Massen an Lebensmitteln auf großen Metalltablets mit. Als eine riesige Schlange von Gläubigen walzen sie auf den Tempel zu. Und ich als einzige Frau mittendrin. Ich habe von Baba eine „Sondergenehmigung“ erhalten. Auf die hätte ich jedoch liebend gern verzichtet. Ich habe mich nie unwohler gefühlt! Als kleine Unterstützung hatte ich die junge Inderin an meine Seite gestellt bekommen, die sich jedoch nicht weniger unwohl fühlte. Sie versuchte immer mal wieder per Handy und Google translator eine Frage an mich zu stellen. In dem übermächtigen männlichen Stimmengewirr, verbunden mit monotonen Gebetsausrufen, gingen diese jedoch unter. Wir wurden schrittweise vorwärts geschoben.

Am Tempelplatz angekommen, standen dort zu meinem großen Erstaunen bereits an den Seiteneingängen alle Frauen des Dorfes wunderschön but gekleidet. Sie warten darauf, nach den Männern in den Tempel eintreten zu dürfen. Ich war total verärgert! Warum musste ich mit all den Männern mitgehen und durfte nicht auch bis zur letzten Konsequenz den Frauen folgen? Es sollte wohl eine besondere Ehrerweisung sein, die ich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht annehmen konnte. Einfach unlogisch alles!

Thomas war schon mit zahlreichen anderen Männern und Baba im Tempelinneren verschwunden und ich stand nun unter 100 Frauen und noch viel mehr Kindern mitten auf dem Tempelplatz und wartete, was weiter geschehen würde. Eine Schülerin unserer Schule hatte mich gesehen und bahnte sich den Weg zu mir. Nun hatte ich wenigstens mal wieder die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Es begann eine „Hochzeitsansprache“ im Tempelinneren, die durch Lautsprecher nach draußen übertragen wurde. 5 Mal ertönten gesungene Gebetsausrufe, zu denen durch die draussen stehenden Gläubigen pinkfarbener Reis auf alle Anwesenden geworfen wurde. Pink ist die Farbe der Gottheit und es ist ihre Hochzeit, die gefeiert wird, daher auch der pinkfarbene Reis.

Es wurde langsam dunkel. Thomas kam auch sichtlich erschöpft aus dem Tempelinneren. Dort, erzählte er kurz, war es unerträglich voll, stickig und auch er hatte kurzzeitig das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen und umzufallen. Er teilte mir nur noch kurz mit „wir treffen uns nachher alle im Haus von Anna“, und schon war er wieder verschwunden bzw. weitergezogen mit allen Männern zu einem kleineren Tempel ca. 10 Gehminuten vom Dorfzentrum entfernt.

Eine unserer Schulhelferinnen, Shitel, nahm sich meiner an. Sie ist aus der Kaste der Brahmanen und darf Aufgaben einer Priesterin übernehmen. Sie schleuste mich, vorbei an der langen Warteschlange der Frauen, schnell ins Tempelinnere, schob und drängte mich vor den heiligen Schrein. Gemeinsam knieten wir vor der Gottheit nieder und ich bekam von ihr die „pinkfarbene Segnung“. Ebenso schnell bugsierte sie mich auch wieder ins Freie. Luft! Durchatmen! Shitel begleitete mich noch zum Haus von Anna und übergab mich dort an die Familie. Völlig erschöpft sass ich auch dort wieder im Schneidersitz und wartete auf Thomas. Er kam mit Baba nach ca. 20 Minuten und gemeinsam schlenderten wir endlich zurück zu unserem Farmhaus.

Was für ein Tag!

Impressionen 10. April 2018

Kornernte beim Nachbarn!

Tatja drischt Korn und Shria säubert es dann.

Danach wird Mais auf dem Ochsenkarren in 100kg Säcken zum Lager gebracht. Die Kids dürfen auf dem Rückweg mitfahren.

Der Tierarzt kommt. 6 Kühe sind krank. Aber es gibt auch Nachwuchs.

Hausaufgaben mit den Kids.

Der Elektriker kommt. Endlich! Er hat uns mehrfach versetzt.

Das WLAN-Kabel wird verlegt.

Die Technik muss gekühlt werden. Ab 35°C Außentemperatur läuft sie heiss und schaltet ab.

Mittagspause!

Ein pünktlich startender Schulbuss.

Mangal und Shria machen Nudeln.

Wir kaufen einen Schreibtischstuhl. Der alte war für unsere Gewichtsklasse nicht ausgelegt und brach zusammen. Transport des gesamten Stuhles mit dem Motorrad, 35 Minuten Fahrzeit.

Homevisits 12. April 2018

Gestern und heute haben nun endlich die ersten Homevisits stattgefunden. Wir hätten natürlich gern etwas mehr deutsche Vorbereitung in das Ganze hineingebracht, doch zum Schluss lief es einfach mit solidem indischen Chaos. Allerdings hatten wir damit weniger Arbeit und mehr Spaß – vermutlich natürlich auch weniger Ergebnis – aber wie soll man das nun bewerten?
Die Homevisits im April dienen eigentlich dazu, potentielle neue Studenten zu finden, indem man über die Dörfer fährt und schaut, was sich da so im letzten Jahr ereignet hat. Also starten wir am Morgen nach unserer Sprachnachhilfestunde, die wir regelmäßig jeden Tag für die Lehrer eingeführt haben, zu einem wilden Ausflug aufs Land.
Sonja und ich hätten vermutlich die Lehrer in Zweiergruppen eingeteilt, vermutlich jeweils ein Mann und eine Frau, damit man auch alle Familienmitglieder ansprechen kann, so wälzt sich hier aber ein Pulk von mindestens 6 Lehrern in jeden Haushalt. Wir bleiben mitten in der Pampa bei einzelnen Farmhäusern stehen und versuchen herauszubekommen, ob es Kinder im Schulalter gibt, deren Eltern bereit sind, sie auf eine englischsprachige Schule zu schicken.
Dabei wird regelmäßig auch nach einem gewissen materiellen Wohlstand geschaut. Ganz armselige Hütten werden ausgelassen, da sich die Eltern noch nichtmal die tägliche Busfahrt zur Schule leisten könnten selbst wenn irgend jemand (Spender, der Staat, die Schule) für das Schulgeld aufkommt (6000 Rupien für das Schulgeld und 500 im Monat für den Bus, Umrechnungskurs 80). Es ist schon bitter, zu erkennen, das unser kleines armseliges Hüttchen hier für die Umgebung schon einen gewissen materiellen Wohlstand darstellt. Es geht immer noch viel weiter nach unten.
Durch die Homevisits kommen wir mit Unterstützung unserer lokalen Begleiter in Dörfer hinein, in die wir uns ansonsten nicht hineintrauen würden. Insgesamt fühlt man sich aber schon so, wie eine Drückerkolonne, die auf dem Land Abos für die „TAZ“ im Doppelpack verscherbeln möchte. Wir treffen sozusagen nicht auf ungeteilte Begeisterung.

In einigen Haushalten werden wir jedoch freundlich aufgenommen, am Ende des Tages habe ich dreimal Tee und vier Zitronenwasser und vermutlich nun doch meinen ersten Magenkollaps durch haufenweise ungefiltertes Wasser vom Land erhalten.
Es ist daher verwunderlich, dass wir am Ende trotzdem mit 20 potentiellen Studenten wieder zu Hause ankommen. Wir drücken die Daumen, das davon tatsächlich auch einige zu uns kommen.

Tempelfest und kurze Röcke 13. April 2018

Langsam steuert das Fest auf seinen unausweichlichen Höhepunkt zu. Wie so oft in den letzten Wochen lassen wir uns treiben und sehen mal was passiert. Baba hat Tatja abgestellt, um am Abend noch einmal mit uns zu den Feierlichkeiten zu gehen. Über dunkle Felder geht es den dumpfen Trommeln entgegen, die wir schon die ganze Zeit gehört haben.
Der Tempel in Rummelbeleuchtung, blinkend und bunt, davor die lokale Trommelgruppe, die sich in den Trance trommelt.

Der selbe Rhythmus über ewige Zeit, die Trommelgruppe immer ein paar Schritte vor und wieder zurück, am Ende der Gruppe ein langer Läufer an dessen Ende ein Priester unbeweglich mit einer Öllampe in der Hand steht. Die Gläubigen werfen sich vor ihm auf den Boden. Der ganze Tross mit Gläubigen, Öllichthaltern und Trommeln bewegt sich in einer kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeit weiter. Irgendwann im Verlauf der nächsten Vier Stunden wird er den Tempel einmal umrundet haben.

Währenddessen geht 100 m weiter auf einem Platz das Kulturprogramm los. Vollkommen unerwartet sehr professionell Bollywood – Tanz mit teilweise sehr spärlicher Bekleidung. Das Publikum ca. 1000 Männer und Sonni. Da es dunkel ist, kann bei Sonni diesmal nicht so eine Panik aufkommen. Außerdem steht die halbe Babar Familie bereit, bei eventuellen Problemen einzugreifen. Was sehr auffällt ist, dass trotz sichtbarer Begeisterung insbesondere bei sehr spärlicher Bekleidung verbunden mit viel Hüfteinsatz keinerlei Beifallsbekundungen wie Klatschen oder Rufen zu hören sind. Zwischen den Stücken ist es totenstill. Sehr gewöhnungsbedürftig.

Die Songs aber sehr schön – letztendlich jedoch so, wie man es von den Bollywoodfilmen erwartet. Im Hintergrund eine stimmgewaltige Matrone, die phantastisch singt, im Vordergrund die junge halbbekleidete hüftwackelnde Tänzerin, die die Lippen mitbewegt und so tut als ob sie singt.

Mit Rücksicht auf unseren Betreuer Tatja gehen wir aber um zwölf nach Hause, da wir ja wissen, dass er immer schon um Fünf aufsteht, um die Kühe zu versorgen.

15. April 2018

Zum Tempelfest haben wir Rupali, eine ehemalige Lehrerin der Schule getroffen. Baba war gar nicht froh, sie zu sehen. Sie hätte nur Stress gemacht und sich mit den Lehrern gestritten.

Rupali erzählt uns, dass sie gern an „unsere“ Schule zurückkommen wollen würde, da sie das Arbeiten vermisst. Ich berichte ihr dann auch gleich, dass wir eigentlich dringend Lehrer suchen. Eine Lehrerin ist schwanger und wurde von uns während der homevisits „verabschiedet“. Sie beginnt das neue Schuljahr im Juni nicht mehr. Auch Sarita wird zeitnah als Lehrerin aufhören. Sie wird heiraten.  Wir waren ja bei einer der Brautschauen bei ihr mit dabei – noch gibt es zwar keinen Bräutigam – aber in zwei Monaten soll Hochzeit sein. Das ist wohl das einzige Thema, wo in Indien ein Zeitplan eingehalten wird.

Als wir Sagar gegenüber die „Neueinstellung“ von Rupali ansprachen, hat er uns einige Hintergrundinformationen gegeben, die für sich genommen schon wieder vollkommen irrwitzig sind.

Lehrer an staatlichen Schulen bekommen sehr viel mehr Geld als die Lehrer an privaten Schulen .

(normales Gehalt an privaten Schulen – 5.000 Rupien/Monat
Gehalt an staatlichen Schulen – ca. 30.000 Rupien/Monat)

Deshalb stellt der indische Staat inzwischen laut den Aussagen, die wir hier erhalten auch im keine Lehrer mehr ein. Außer man hilft halt mit Bestechung nach.

Rupali hat nun nach der Hochzeit ihren Mann überzeugt, sein gesamtes Land zu verkaufen, um das Bestechungsgeld für den staatlichen Job in Höhe von 1.500.000 Rupien zusammenzubekommen. Das hat auch geklappt. Leider ist sie mit ihrer sehr direkten Art auch an dieser Schule nicht sehr gut angekommen und wurde kurz darauf wieder entlassen. Geld weg und Land weg! Seither leben die beiden getrennt. Mann auch weg!

Was für irrwitzige Schicksale dieses Dorf bereithält.

Finale 15. April 2018

Am Freitag, 13.04. fand nun die finale Veranstaltung der Tempelfestwoche statt. Wir hatten also ein langes schulfreies Wochenende. In allen Familien des Dorfes waren Gäste angereist und somit fanden überall große Familientreffen statt. Auch in unserer Gastfamilie reisten diverse Cousinen, Tanten und Onkel sowie Neffen mit unterschiedlicher Anzahl an Kindern an. Die Familie war jedoch auf zwei Standorte aufgeteilt, zum einen unser Farmhaus und zum anderen Annas Haus im Dorfzentrum. Insgesamt waren wir über das gesamte Wochenende verteilt 25 bis 30 Personen, die immer zwischen diesen beiden Standorten hin und her wechselten. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie bei uns in Deutschland die privaten Vorbereitungen für solch ein Familientreffen aussehen würden, angefangen mit der exakten Planung der Ankunftszeit der Gäste, die Prüfung der Übernachtungsmöglichkeiten, gefolgt von einer Essens- und Menüabfolge sowie einer Getränkeeinkaufsliste und nicht zu vergessen diverser Dekorationen, um auch ja nichts zu vergessen. Tage im Voraus wären wir mit der Eventplanung beschäftigt und ungeniessbar für unser soziales Umfeld.

Hier lief dagegen alles sehr unspektakulär und völlig stressfrei ab. Ein Teil der Gäste reiste ohnehin kurzfristig nicht an, ein anderer Teil kam erst zur Hauptzeremonie 22 Uhr, ein weiterer Teil der Gäste reiste erst einen Tag später und auch nicht wie erwartet 14 Uhr sondern erst 17 Uhr. Egal! Es ist, wie es ist und wer da ist, ist da. Kein Klagen und Jammern!

Große Vorräte anzuschaffen, ist ohnehin nicht möglich, da es ja keinen Kühlschrank gibt, bzw. der vorhandene wegen regelmäßiger Stromausfälle nicht kühlt. Das Standardgetränk- Wasser- wird einmal am Tag in ein großes gemauertes Auffangbecken gepumpt und von dort direkt weiter verwendet. Nur wir bekommen 20 Liter gefiltertes Wasser aller zwei Tage geliefert. Andere Getränke wie z. B. Wein oder Bier gibt es nicht. Nur heimlich brauchen einige Familien im Dorf Alkohol, der „unter der Hand“ verkauft wird. Softdrinks sind jedoch im „Dorfladen“ erhältlich.

Kurz vor der Ankunft der Gäste muss noch schnell die Terrasse von 1 Tonne getrocknetem Mais freigeschaufelt werden. Selbstverständlich helfen wir.

Danach ist duschen und ankleiden angesagt. Shria wickelt mich in den Sari, zupft, faltet und steckt zwei drei Sicherheitsnadeln irgendwo fest. Ich hoffe nur inständig, dass diese Wickelei nicht aufgeht. Wobei das eher unwahrscheinlich ist, da der Unterrock so fest gezogen wird damit man die 10 Meter Stoffbahnen darin festklemmen kann, dass mir schon fast wieder schlecht wird und das Band im europäischen Schmerbauch einschneidet. Die extra für diesen Anlass gekauften „Goldohrringe“ darf ich nicht tragen, da sie nicht aus echtem Gold sind. Ich bekomme Shrias echten Schmuck, der mich als verheiratete Frau charakterisiert. Es wir hier noch eine Brosche festgesteckt und dort noch ein „Faltenhalter“ festgeklemmt, nun ist meine Ankleidedame zufrieden. Ich fühle mich allerdings wie ein kitschiger Weihnachtsbaum. Thomas findet mich aber toll. Also gehe ich mal davon aus, dass es nicht wirklich so schlimm ist.

Alle sind angezogen und wir machen ein „Familienfoto“.

Wie kommt man nun in dieser Robe zum Fest ins Dorf? Na logisch, mit dem Motorrad. Zum ersten Mal muss ich mich seitlich sitzend, fahren lassen. Das geht jedoch nur im Schritttempo, da das Gleichgewicht nicht mitspielt. Der Schwerpunkt ist ein anderer und so hat Thomas Mühe mit dem Fahren und ich mit dem Festhalten aufgrund der holprigen Feldwege. Was wir uns aber auch immer so anstellen müssen, es geht doch auch anders…

Aufgrund meiner letzten Erfahrungen mit den religiöse Feierlichkeiten im Dorf haben Thomas und ich verabredet, dass wir uns auf keinen Fall separieren lassen. Wir gehen also gemeinsam mit einem Teil der Familie auf den Tempelplatz. Dort feiern Menschenmassen ekstatisch nach Trommelrhythmen, die Lautstärke ist gigantisch. Die Gottesfigur ist von etlichen Fakelträgern umgeben, wird mit pinken Farbpulverbeuteln beworfen und dadurch geehrt. Der Tempelplatz siehe noch Tage danach verheerend aus.

Die Massen drängen zu der Gottesfigur und wir mittendrin. Alle wollen vor ihr beten und ebenfalls gesegnet werden. Ich bekomme Platzangst in diesen drückenden, schiebenden Menschenmassen. Thomas bringt mich raus und zurück zu Annas Haus. Dann lieber stundenlang auf die Dinge warten, die geschehen sollen. Auch eine Herausforderung aber machbar.

16. April 2018

Wir haben einen regelmäßigen Rhythmus für Sport gefunden. Aufgrund der Temperaturen ist große Anstrengung ja nicht möglich. Also joggen fällt definitiv aus, obwohl ich Laufschuhe dabei habe.

Mindestens zweimal die Woche machen wir uns am Nachmittag auf zu „unserem Fitnessstudio“.

Der Mitgliedsbeitrag hierfür ist sehr erschwinglich, Equipment muss teilweise mitgebracht werden, das Kursangebot ist begrenzt aber nette Mitsportler sind garantiert.

Ab und an treffen wir auch einige junge Männer, die eine Ausbildung bei der Polizei machen und auf dem Gelände der Schule ebenfalls sportlich aktiv sind. Die Sportgeräte (z. B. Kugelstoßen) werden in einem extra Schuppen verstaut.

Gott sei Dank hatten wir vor unserer Reise eine gute sportliche Vorbereitung und Anleitung durch Manfred. Entsprechend unseres aktuellen Trainingszustandes hat er uns für die Reise unterschiedliche Terrabänder geschenkt, die nun regelmäßig zum Einsatz kommen. Eine Trainingsmatte haben wir unterdessen auch angeschafft, Trinkflaschen sind ein tägliches Muss und daher ausreichend vorhanden, das Garmin-Multifunktionsmessgerät klemmt ohnehin am Handgelenk und schon ist die Ausrüstung perfekt. Es kann los gehen!

Wir beginnen, wie durch Manfred gelernt, mit leichten Aufwärmübungen. Das klingt angesichts der Temperaturen irgendwie komisch. Da wir jedoch viel sitzen, oft Motorrad fahren und nur wenig zu Fuß unterwegs sind, ist das warming up allerdings notwendig. Dann üben wir 15 Minuten mit den Bändern und es folgen 15 Minuten Dehnung oder ansatzweise Yoga.

Eigentlich hatte ich erwartet, dass hier jeder fit ist in Yoga und dass es Unterrichtsstunden dafür gibt. Lediglich die morgendliche Zeremonie zum Schulbeginn beinhaltet eine Yogaübung (Mantra und Gebet zur Fokussierung auf den Tag). Also krame ich meine etwas eingestaubten Yogakenntnisse wieder hervor und probiere die eine oder andere Übung aus.

Obwohl die Schule etwas abseits liegt, wird unser regelmäßiges Erscheinen nach den Unterrichtszeiten von den Farmern wahrgenommen und mit neugierigen Blicken registrieren sie unsere sportlichen Aktivitäten.

Nicht nur wir Europäer haben Sport dringend nötig. Indien ist weltweit an erster Stelle in Bezug auf Diabeteserkrankungen. Die gesunde, abwechslungsreiche einheimische Küche wird auch hier zunehmend von Fastfood, Chips und Softdrinks abgelöst. Die Menschen nehmen zu, da nur noch wenige traditionelle Familien täglich hart in der Landwirtschaft arbeiten. Das Bewusstsein für Bewegung und Sport muss daher hier erst geschaffen und Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Ernährung und Bewegung erklärt werden. Fitnessstudios existieren nur in großen Städten. Auf dem Land trainieren junge Männer in privaten Garagen oder Schuppen mit ausrangierten Metallstangen und gefüllten Wasserkanistern. Klimmzüge erfolgen an der herabhängenden Dachstahlkonstruktion. Verletzungsgefahr hoch!

Gehen wir auf unseren Wochenendausflügen im Landesinneren spazieren oder wollen wir zu Fuß auch nur kurze Entfernungen zurücklegen, werden wir verständnislos angeschaut. Für „unsere Kaste“ ist es nicht üblich so „einfach“ unterwegs zu sein und auf Komfort zu verzichten. Wir müssen unser Vorhaben immer „rechtfertigen“ und verweisen auf unsere wenige Bewegung und das gute Essen hier vor Ort. Unterdessen ist aber angekommen, dass sich die Fremden immer irgendwie bewegen müssen. Vielleicht ermuntere ich ein paar Mädchen, sich mir am Nachmittag anzuschließen. Aber dann wäre es schon wieder ein „Projekt zur gesunden Lebensführung“ und keine Freizeit für mich, also erstmal Abstand davon nehmen und weiter für mich entspannt üben und tief ein und aus atmen.

18. April 2018

Für das kommende Schuljahr werden die Schülerzahlen an der Englisch Medium School in Alegaon ansteigen. Zum einen wird die Schule um eine 9. Klasse erweitert und zum anderen kommen neue Vorschulkinder dazu. Das ist der große Wettbewerbsvorteil „unserer Schule“. Sie bietet Vorschulunterricht an. Daher brauchen wir dringend Lehrer und Erzieher, die man natürlich nur sehr schwer für den ländlichen Raum findet. Die Problematik des Fachkräftemangels bzw. weniger beliebter ländlicher Standorte gibt es also nicht nur in Deutschland.

Daher waren wir gestern in Sangola, wo zwei Colleges Lehrer und Erzieher ausbilden. Dort haben wir mit den jeweiligen Schulleitern gesprochen, um Werbung für unsere Schule zu machen. Wir wurden sehr offen und herzlich empfangen. Für heute war dann auch gleich ein Präsentationstermin in einem Frauencollege vor 20 Studienabgängerinnen geplant.

Einige von ihnen können wir hoffentlich dafür gewinnen, Aufbauarbeit in der Bildung auf dem Land zu leisten. Allerdings ist die Bezahlung der Fachkräfte nur sehr gering, da unsere Schule eine NGO ist und keinerlei Finanzierung vom Staat bekommt. Das Schulgeld pro Schüler ist so gering kalkuliert damit sich die Landbevölkerung die Bildung ihrer Kinder überhaupt erst einmal leisten kann. Und trotzdem gibt es jede Menge ausstehende Schulgelder.

Wir gehen davon aus, dass die Bereitschaft der Studienabgängerinnen auf dem Land zu unterrichten eher minimal ist. Trotzdem wollten wir noch vor den in wenigen Tagen beginnenden Schulferien die NGO vorstellen und Interesse für unsere Arbeit wecken.

12 von 20 angekündigten interessierte Studentinnen lauschten heute Mittag unseren Ausführungen zur Schule. Es gab nur einen Haken an der Veranstaltung. Es waren nicht die Studienabgängerinnen (Master of Education) anwesend sondern Studentinnen, die erst in einem Jahr ihren Abschluss als Lehrerin machen. Also keine potentiellen Lehrerkandidaten für das neue Schuljahr 2018/2019, was am 1. Juni mit zwei Wochen Vorbereitung beginnt. Diese Tatsache erfahren wir jedoch erst nach der offiziellen Begrüßung und Segnung.

Wir waren enttäuscht! Auch verärgert! Genervt! Hatten wir uns doch sehr spontan auf den Termin eingelassen, um wenigstens eine kleine Chance auf Erfolg zu haben.

Erneut fragen wir uns, weshalb kommt hier in Indien immer alles anders, als verabredet wurde? Sind es wirklich die Sprachbarrieren? Wir hatten eigentlich im gestrigen Vorgespräch einen Übersetzer dabei, einen Lehrer der Schule. Nichts scheint wirklich wichtig oder dringend zu sein. Unser Verständnis von Dringlichkeit ist ohnehin völlig unvorstellbar für Einheimische. Wieso machen die Deutschen nur so einen Druck wegen neuer Lehrer? Ist doch noch Zeit bis zum 1.6.! Einarbeitung? Hä, wie bitte?

Kritisch müssen wir sagen, dass wir viel zu schnell denken und sofort Lösungen anbieten. Auch im Handeln sind wir viel zu schnell und dadurch manchmal unpassend in der aktuellen Situation.

Ein Beispiel: Thomas hat den Schulleiter gebeten, seine regelmäßigen Arbeitsaufgaben in Abgrenzung zu seinen beiden Kollegen mal aufzuschreiben. Da der Kollege schon 8 Jahre in der NGO arbeitet, ist Thomas davon ausgegangen, dass die unmittelbare Aufforderung auch sofort umgesetzt wird. Es kam jedoch keine Reaktion und eine Handlung schon gar nicht. Schweigen! Thomas wiederholte die gerade gestellte Aufgabe. Weiterhin Schweigen und umherschauen. Aufforderndes Anschauen brachte dann die Aussage „Ich denke nach!“ Sofort sind wir angesprungen und haben die aus unserer Sicht notwendigen Arbeitsaufgaben benannt und von dem Schulleiter aufschreiben lassen. Es kommt dann auch kein „… Moment mal, ich mache auch noch…“ oder „…nein, diese Aufgabe übernimmt bisher…“ Und wir wundern uns später, warum Arbeitsaufgaben fehlen oder die Zuordnung nicht stimmt.

Erkenntnis: Wir müssen beide noch viel ruhiger werden und uns und anderen Zeit lassen.

Ein ganz normaler Tag 19. April 2018

Heute waren 41 °C und wir haben die Hitze gut überstanden. Da unsere zweite Projektphase begonnen hat, steht der Aufbau eines Ablage- und Aufbewahrungssystems für Unterrichtsmaterialien, Bücher etc. an. Dafür waren wir heute zwei Stunden in Sangola shoppen. Mit Prashant, einem unserer Vorschullehrer, sind wir im Schulbus in die Stadt gefahren. Für große rote Plastikboxen haben wir uns bzw. haben sich die Lehrer entschieden, da zum einen kein Geld für die üblichen Metallschränke bereitgestellt werden kann. Zum anderen muss das System flexibel und einfach zu nutzen sein. Die Boxen können zwischen den Klassenräumen hin und her getragen werden, so dass die wenigen Unterrichtsmittel und Lehrmaterialien von möglichst vielen genutzt werden können. Auch der enorme Staub kann relativ einfach abgewischt werden und die Boxen sind prima stapelbar.

Mal sehen, ob die Praxis tatsächlich eine gute Nutzung ergibt. Am Samstag, den ersten Ferientag für die Schüler, starten wir dann mit allen Lehrern das große Aufräumen und Sortieren. Da bin ich ja in meinem Element.

Auf unserer Shoppingtour haben wir auch gleich noch Desinfektionsmittel und Schrubber für die Toiletten eingekauft. Dringend nötig! Nun muss ich morgen nur noch dem Reinigungspersonal klar machen, was das nun wieder soll und wie das alles zum Einsatz kommen soll. Die Begeisterung sehe ich bereits vor mir.

Unterdessen bewegen wir uns in der Stadt auch sehr viel sicherer, trauen uns in Geschäfte, fragen auf dem Markt nach Obst und Gemüse und haben sogar schon einen „Händler unseres Vertrauens“. Gehen Passanten an uns vorbei hören wir oft nur zwei Worte aus dem Wortschwall heraus „Germany“ und „Alegaon“. Es hat sich also herumgesprochen, wer wir sind und was wir machen.

Beim Einkauf von Getränken in einem kleinen Laden an der Haupteinkaufsstraße, sprach uns der Besitzer an. Er freue sich, dass wir bei ihm einkaufen. Sein Sohn habe ihm gestern bereits berichtet, dass wir vor zwei Tagen an seiner Schule gewesen sind und mit der Direktorin gesprochen haben. Dabei strahlte er über das ganze Gesicht. Es folgte ein Selfi gleich über die Ladentheke hinweg, Händeschütteln, „welcome to India!“ ….und die ruckelnde aber entspannte Rückfahrt mit dem Schulbus.

Auf der Suche nach dem verlorenen Schatz 21. April 2018

Nachdem wir uns in den letzten Wochen intensiv um das Zeitmanagement gekümmert haben (direkte Kopplung der Anwesenheiten der Lehrer an ihr Gehalt) ging es in den letzte Tage an’s Eingemachte – die Finanzen. Der große Wunsch unseres Auftraggebers, Sagar, war mehr Transparenz. Nach einem kurzen Blick in das bestehende System ist dieser Wunsch auch dringend zu erfüllen.
Wie bei vielen anderen sozialen, gemeinnützigen Organisationen findet man ein gewachsenes System vor, das irgendwann nicht mehr mit den aktuellen Anforderungen Schritt gehalten hat.
Vieles wird in der Schule auf Zuruf organisiert. Dazu gehören eben leider auch die Finanzen, die überwiegend cash abgewickelt werden. Gegenüber den indischen Behörden muss ein Cash Book geführt werden, das in Marathi und daher für uns leider inhaltlich nicht nutzbar ist. Laut Aussage von Baba und dem Schulleiter Balasaheb, die bisher gemeinsam die Finanzen verantworten, passte in den letzten 8 Jahren natürlich alles bis auf den letzten Rupie. Das Ganze hat nur leider eine strukturelle Schwäche. Weder ausstehende Einnahmen (wie Schul- oder Busgeld) noch ausstehende Ausgaben (wie z.B. die Lehrergehälter der letzten beiden Monate) werden irgendwo geführt. Balasaheb hat alle Finanzdetails in seinem Kopf aber der ist leider sehr fehleranfällig. Daher kollabiert dieses System sehr schnell, nachdem wir unsere Anforderungen daran klar kommuniziert haben.
Wir starten daher für die Zukunft mit einem simplen Excel-Sheet für Einnahmen und Ausgaben. Bisher wurde im Wesentlichen alles auf irgendwelchen Zetteln bzw. auch auf der Handinnenseite vermerkt, bis es dann irgendwann einmal in das große große Cash- Buch übertragen wurde. Dabei konnte man natürlich leicht auch Dinge beim Übertragen auslassen, so dass alles am Ende gepasst hat. Das geht natürlich beim sofortigen Eintragen in’s Excel mit zusätzlicher Kontrolle durch uns nicht mehr.
Die letzte Woche haben wir nun damit zugebracht, gemeinsam mit Balasaheb alle Ausgaben zu prüfen, da er uns schon nach einer Woche Differenzen beichten musste, die er nicht einfach “auflösen” konnte. Um es klar zu sagen – es geht hier unserer Meinung nach nicht um Bereicherung einzelner – aber um fehlende Übersicht. Wie soll man die auch gewinnen in einem Land, wo tatsächlich noch die meisten Dinge Cash und oftmals ohne Rechnung abgewickelt werden – wir hatten ja persönlich beim Thema Bargeld auch schon unsere Erfahrungen machen müssen.
Also haben wir Balasaheb geholfen, die Lücke in den Finanzen durch gemeinsames Suchen der Ausgaben schrittweise zu schließen. Trotzdem ist nun am Ende ein Betrag in Höhe eines halben Monatsgehaltes von ihm übrig geblieben, der ihm nun von seinem Gehalt abgezogen wird. In der Konsequenz haben wir jedoch eine sofortige Akzeptanz für unser System erhalten, da wir relativ schnell die Nützlichkeit klar machen konnten. Seit April haben wir die Finanzen nun gemeinsam in Kontrolle – abzüglich des verschwundenen Schatzes von Balasahebs halbem Monatsgehalt natürlich.
Das bringt nun natürlich nicht das fehlende Geld – aber es bringt Transparenz und Sicherheit, dass alles eingezahlte und auch gespendete Geld dort ankommt, wo es hingehört – in die Bildung der Schüler nämlich.

22. April 2018

Am Samstag haben wir uns nach der Arbeit spontan nach Solapur auf den Weg gemacht. Endlich mal wieder Großstadtluft (1 Mio Einwohner) schnuppern. Solapur ist 80 km von unserem Dorf entfernt und daher hatten wir uns für eine Busfahrt entschieden. Die Fahrt dauerte drei Stunden und wir mussten in Sangola umsteigen. Es ist sehr abenteuerlich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, da es keine wirklichen Fahrpläne gibt. Der Bus fährt halbstündlich, ob das jedoch 14:30 und 15:00 Uhr ist oder 14:45 und 15:15 Uhr ist nicht in Erfahrung zu bringen. Eine Antwort auf die Frage wann denn der Bus fährt, ist z. B. auch „nach dem roten Bus dort an der Ecke“. Hmm, und wann fährt der nun wieder? Egal! Unser Bus fährt erst nach diesem, also haben wir noch Zeit. Wie viel Zeit wir haben, wissen wir jedoch nicht. So machen wir mal wieder das, was uns am schwersten fällt…warten!

Als wir 17 Uhr im Bus sitzen, stellen wir fest, dass wir unsere Reisepässe nicht dabei haben. Somit könnte das Einchecken im Hotel schwierig werden. Kann man jetzt nicht ändern, der Bus fährt.

In Solapur 20 Uhr angekommen, sind die ersten beiden Hotels die wir anfragen, ausgebucht. Es findet wieder mal ein Festival stattfindet, das Ambedkar-Festival, 9 Tage lang und am Wochenende ist jetzt der Höhepunkt. Ambedkar ist der hochverehrte Anwalt, der die Indische Verfassung erstellt und Rechte für die niedrigste Kaste, die „Unberührbaren“ erstritten hat.

Damit wir nicht länger im Dunkeln umherirren, bucht Thomas online ein Hotel und wir laufen mit Hilfe von Google Maps gemütlich dorthin. Für 30€ ein Doppelzimmer im 5. Stock mit Blick über die City, kleiner Dachterrasse, AC, kostenlosem Internetzugang und sogar Frühstück… na das ist doch mal was! Wir duschen ausgiebig, sind allerdings gleich wieder durchgeschwitzt und gehen dann noch mal in die City etwas essen. Lecker! Und alles vegetarisch!

An sich hat Solapur nicht so viele Attraktionen für Touristen zu bieten. Daher sind wir auch die Einzigen unserer Art in der Stadt und werden ständig von Einheimischen belagert und nach Selfies gefragt. Das nervt!
Der Unterschied zwischen Stadt und Land fällt einem sofort in’s Auge. Man hat das Gefühl, dass die Jugendlichen sich viel freier bewegen, nicht so eingeengt und in Regeln eingezwängt. Das ist allein schon daran erkennbar, dass die Selfies auch von Frauen ganz selbstbewusst angefragt werden, die weniger im Sari sondern durchaus westlich gekleidet sind. Sie promenieren durch die Straßen- die Konsumgesellschaft ist in Indien angekommen.

Wir spazieren an einer alten Festung entlang, besuchen einen Tempel am See, schlendern über den lokalen Foodmarket und bummeln etwas durch die Stadt. Um die große Mittagshitze zu überstehen shoppen wir in klimatisierten Stores Hemden und Schuhe für das Ex-Geburtstagskind.

In der Innenstadt hält man es nicht lange aus, da sich alle auf den Festumzug am Abend vorbereiten und Menschenmassen unterwegs sind. Es fahren riesige Trucks im Schritttempo mit gigantischen Ambedkar- Figuren, Fotos, Tempelnachbildungen etc. Davor oder dahinter schieben kleine Traktoren mächtige Batterien, die die noch mächtigeren Musikboxen und -anlagen mit Strom versorgen. Die Beats wummern und die Boxen dröhnen …indische Love Parade. Wir fühlen uns wie in Berlin! Nur sind wir unter vielen die Fremden, die genau beobachtet werden.

Kleine Erfolge 23. April 2018

Man ist ja immer wieder erstaunt, dass es dann doch Fortschritte gibt – und ein paar will ich einfach mal trotz aller Klagereien von uns hier loswerden:

  • Sagar hat am Wochenende angerufen, weil er im Kalender Einträge gemacht hat und wissen wollte, ob das so korrekt ist (Arbeit alleine ohne Auftrag am Wochenende.)
  • Popat hat uns zum wiederholten Male auf Englisch angesprochen (vor zwei Monaten kein einziges Wort – inzwischen traut er sich zu sprechen)
  • Prashant hat heute von allein das Timesheet der Lehrer upgedatet und den Lehrern erklärt, wieviel sie im April noch arbeiten müssen, um volles Gehalt zu bekommen.
  • Dhiraj kam heute allein mit einem Vorschlag für einen neuen Beitrag, den wir allen Lehrern noch diese Woche am Rechner zeigen wollen.
  • Balasaheb hat sich am Samstag unbedingt erklären lassen wollen, wie bestimmte Sachverhalte im Accounting einzutragen sind.
  • Shital hat heute 3 Räume aufgeräumt, so dass wir langsam einen Überblick bekommen, was alles an Material beschafft werden muss.
  • Wir haben bei den Homevisits insgesamt 50 Interessenten für Admissions erhalten (selbst wenn daraus bei weitem nicht alles Schüler werden, ist das erheblich mehr als wir erwartet hatten – zumal bei dem Chaos in dem sie stattfanden.)

Es gibt noch mehr dieser kleinen Beispiele, die uns immer wieder ermutigen, dass wir das Richtige machen – auch wenn es bei all unserer Ungeduld manchmal viel zu langsam vorwärts geht und uns die beständige Auseinandersetzung mit den kulturellen Unterschieden enorm viel abverlangt.

Integration 24. April 2018

Wie schnell geht Integration? Ab wann ist man woanders integriert? Diese Frage habe ich mir in den letzten Tagen oft gestellt.

Wir sind nun zwei Monate hier auf dem Land. Ein gewisser Alltag ist für uns unterdessen eingetroffen. Wir gehen selbstverständlich Kleinigkeiten in der Stadt einkaufen. Wir haben dort „unsere“ Geschäfte wo wir versuchen, mit den Besitzern etwas zu kommunizieren. Im Dorf suchen wir auch unterdessen fast täglich ein „Restaurant“ auf, in dem wir was essen und kalte Getränke bestellen. Immer die gleichen Abläufe, das gibt Sicherheit für beide Seiten und ermöglicht das Kennenlernen. Trotz der Spachschwierigkeiten ergibt sich dann immer irgendwie ein Austausch. Wir versuchen offen und interessiert zu sein, fragen nach, bringen einzelne Worte in Hindi mit unter, zeigen private Fotos und bieten im Alltag unsere Hilfe an. Eigentlich alles gute Voraussetzungen für Integration. Trotzdem sind wir in vielen Situationen außen vor. Es ist halt doch keine Unterhaltung, kein richtiges Gespräch mit den Einheimischen möglich. Die kulturellen Unterschiede muss ich gar nicht erst erwähnen.

Und trotzdem sind wir der Meinung, dass nicht alles immer nur mit der Sprache und mit den Kulturunterschieden „entschuldigt“ werden kann. Es ist die einzelne individuelle Persönlichkeit, die Integration möglich oder unmöglich macht. Nicht die Leistung, die eine Gesellschaft Fremden anbietet, damit sie sich integrieren können. Grundwerte wie z. B. Achtung voreinander, Aufmerksamkeit für den anderen, Wertschätzung der Bemühungen oder der Arbeit des anderen tragen zur Integration bei.

Bei aller Freude über unser Dasein und bei aller Neugierde, uns Fremde kennenzulernen, spüren wir doch auch die Oberflächlichkeit, die all den Fragen teilweise zugrunde liegt. Nur vereinzelt geht das Interesse (an uns) tiefer. Nur selten haben wir das Gefühl, dass unser Anderssein anregt, sich persönlich zu verändern. Bei uns hingegen kommen täglich kleine neue Erfahrungen hinzu, die wir gern in unseren Alltag versuchen wollen, zu integrieren.

Wir machen bereits jetzt schon Pläne, wie wir bestimmte Verhaltensweisen in Deutschland „übernehmen“ oder angepasst einsetzen können. Die Pläne sind noch nicht ganz ausgereift aber wir reifen hier jeden Tag ein klein wenig mehr.

Emotionen 25. April 2018

Emotionen zu zeigen, ist nicht einfach, das wissen wir alle! Wann und wie zeige ich, dass ich traurig, enttäuscht, wütend, stolz, erfreut, ängstlich oder verliebt bin. Die Vielfalt unserer Emotionen können wir ohnehin gar nicht ausdrücken, wir sind es einfach nicht gewohnt.

Indien ist noch einmal krasser in Bezug auf Emotionen. Hier läuft alles (fast) emotionslos ab. Jemanden drücken oder allgemein freundschaftlich berühren? Völlig ausgeschlossen! Von intimeren Handlungen wie z. B. Händchen halten, Kuss auf die Wange, über den Kopf streichen etc. ganz zu schweigen. Lediglich Männerpaare jedweden Alters, die sich an den Händen halten, sieht man in der Öffentlichkeit. Was jedoch nicht bedeutet, dass sie homosexuell sind.

Auf dem Land hatte ich erwartet, dass man sich freundlich (be)grüßt, da ohnehin jeder jeden kennt und sogar weitläufig innerhalb der eigenen Familie geheiratet wird. Jedoch auf dem Weg ins Dorf werden die Nachbarn, die auf dem Feld arbeiten oder die einem unmittelbar entgegenkommen nicht grüßen. Das macht man nicht, ist nicht üblich! Ein spontanes Foto schießen oder sogar auf einem Foto vor Freude herzlich lachen? Das entspricht nicht dem Schönheitsideal und daher schauen alle immer relativ ernst und posieren, wobei die Arme „an der Hosennaht“ sind.

Gestik und Mimik habe ich bisher auch nur wenig bemerkt, lediglich das zustimmende Kopfschütteln oder das nickende Verneinen. Bei bestehendem Interesse für etwas wird das- oder derjenige durchdringend angestarrt. Für unser Verständnis ist dieses Verhalten absolut unangemessen und grenzüberschreitend.

Es gibt viele Gesten der Ehrerbietung in der Öffentlichkeit wie z. B. den Kopf und damit den Blick senken, mit den Händen die Füße des Gegenübers berühren oder gar vor jemandem auf die Knie sinken sowie die Hände vor der Brust falten. Freudenausbrüche dagegen oder selbst zaghafte Bekundungen von Freude durch ein Lächeln begegnen einem in der Öffentlichkeit nicht.

Allerdings muss ich sagen, dass unterdessen im ganzen Dorf gewunken wird wenn wir kommen oder gehen. Aus Unwissenheit und Unsicherheit haben wir anfangs unser deutsches Verhalten einfach beibehalten und immer eine Hand zum Gruß gehoben und nun ist Winken angesagt.

Verärgerung zwischen zwei Parteien bekommt man am ehesten und unmittelbar mit: es wird dann richtig laut und richtig schnell gesprochen. Die Tonlage der Stimmen bekommt etwas hysterisches und sie scheinen sich zu überschlagen. Genau so schnell wie der Ausbruch kommt, ist jedoch auch wieder totale Ruhe zwischen den Gesprächsparteien. Alle schweigen sich an und gehen gemeinsam wie gewohnt ihren Aktivitäten nach, als wäre nichts gewesen. Schmollen oder sich aus dem Weg gehen, geht nicht. Es wohnen ja alle miteinander oder zumindest eng beieinander.

Es ist sehr schwer im Alltag unter eigener Anspannung wahrzunehmen, ob der jeweilige Gesprächspartner über das Gesagte erfreut oder verärgert ist. Manchmal habe ich schon gedacht, die könnten sich doch jetzt mal freuen, das Problem hat sich geklärt oder unser Projekt ist doch sehr erfolgreich. Jedoch kommt keine entsprechende Reaktion. Das verunsichert mich immer wieder.

Ich kommuniziere mit Gestik und Mimik, um mich bei allen nicht englisch sprechenden Personen trotzdem verständlich zu machen. Dabei wirke ich wahrscheinlich wie eine Schauspielerin und zaubere unterdessen sogar bei Tatja ein erkennbares Lächeln ins Gesicht.

27. April 2018

Darauf hatten wir schon seit längerem hingearbeitet. Ein keiner Ausflug mit Shria. Sie darf als Frau ihre Farm nur verlassen, wenn sie am Wochenende zum Gebet in den Tempel geht. Alle anderen Besuche im Dorf sind ihr untersagt. Allerdings kann sie in Begleitung ihres Mannes Ravie in andere Orte fahren, um dort für sich einzukaufen. Da Ravie jedoch als Farmer „immer“ arbeitet bzw. irgendwo unterwegs ist, sind Ausflüge für sie eine Seltenheit.

Shria ist eine sehr aufgeschlossene, intelligente und wissbegierige junge Frau (28 Jahre alt). Sie spricht nur einzelne Worte englisch, versteht aber sehr viel unserer englischen Kommunikation. Interessiert fragt sie uns über Traditionen, Familie, unsere Reisen und das Leben im Allgemein in Deutschland aus.

Da gerade Ferien sind, sind ihre beiden Kinder bei ihrem Bruder und den Großeltern und es bleibt etwas Zeit für sie selbst. Diese Chance haben wir ergriffen. Unter dem Vorwand, ich brauche Hilfe beim Einkaufen von T-Shirts baten wir sie, uns nach Sangola zum Shoppen zu begleiten. Gemeinsam wollten wir dann auch gleich noch Lebensmittel auf dem Markt einkaufen. Unser Plan ging auf und so sind gestern Shria, Ravie und die 5-jährige Tochter von Ravies Schwester auf dem einen Motorrad und Thomas und ich auf dem anderen Motorrad zum „Großeinkauf“ nach Sangola gefahren.

Im ersten, eher traditionellen indischen Bekleidungsshop ging eine schmale steile Metalltreppe in den oberen Verkaufsraum. Wir mussten unsere Schuhe beim Betreten des Ladens ausziehen und quetschten uns die Stufen nach oben. Dort saßen bereits eine Mutter mit ihrer Tochter und suchte nach Oberteilen. Der Verkäufer, ein kleiner Mann von ca. 1,50 m passte ganz wunderbar in den niedrigen Raum mit den breiten vollgestopften Regalen. Er zog wahllos Plastiktüten mit bunten Oberteilen hervor und warf sie auf den Boden. Zum Anprobieren musste ich mich hinsetzen, da andererseits die Raumhöhe nicht ausgereicht hätte. Wir gaben jedoch nach kurzer Zeit auf. Zu klein, zu glitzernd, zu indisch.

Eigentlich sollte jedoch unser kleiner Ausflug ja auch eine Auszeit für Shria sein, also stoppten wir noch in einem Straßencafé, in dem Milchshakes und Lassies gemixt wurden. Alle waren happy, inklusive des Ladenbesitzers aufgrund unserer Anwesenheit.

Nach dem obligatorischen Markt mit nun durch Shria unterstützten Preisverhandlungen, die uns immerhin 10 Rupien extra einbrachten, stoppten wir an einem Schmuckladen, der sich jedoch im hinteren Gebäudeteil als Friseur- und Kosmetikstudio entpuppte. Jetzt legte Shria los. Eigentlich sollte es nur eine Minute dauern aber Ravi wusste wohl schon dass es dauern würde und macht es sich bequem. Thomas versuchte sich derweil irgendwie zu beschäftigen, da er sowieso nicht in den gesamten Laden durfte: „Nur für Frauen“. Das Aussuchen von ein klein wenig Nagellack und ein paar Bindies (Klebepunkte, die als modisches Acessoire auf die Stirn kommen) dauerte dann über eine Stunde.

Egal – Shria war glücklich. Diesmal war sie die Hauptperson, die von allen im Laden befragt wurde und ziemlich stolz berichtete, dass wir 5 Monate Gäste bei ihr wären. Alle wollten alles ganz genau wissen. Dann folgten die üblichen Selfies.

Die Männer saßen unterdessen draußen und beobachteten das Geschehen auf der Straße. Eine Prozession mit Trommeln und Rasseln sowie zahlreichen tanzenden Frauen und Männern zogen vorbei Richtung Tempel am Ende der Straße. Ein kleiner Junge wurde, ausstaffiert wie für eine Hochzeit, für eine religiöse Initiationsfeier hinter dem tobenden tanzenden trommelnden Tross in einem Auto durch die Gegend gekarrt. Er sah irgendwie ziemlich desinteressiert aus im Vergleich zum restlichen Pulk. Auf dem Rückweg der Truppe vom Tempel wurde Thomas mehr oder weniger gegen seinen Willen mit in die Menge gezerrt. 3 Männer konnte ich ausmachen, die an seinem Arm zerrte, bis er endlich mit dabei war und ein paar bekümmerte Versuche machte, lustig zu sein. Damit er nicht so alleine in der tanzenden Masse verschwand, gab ich mir noch einen Ruck und hüpfte ein wenig mit. Daraufhin waren alle glücklich. Es folgten Hände schütteln und Fotos und der Tross verschwand.

Shria hatte sich in der Zwischenzeit verschönern lassen und hatte nichts davon mitbekommen. Ravi hatte sich heimlich verzogen und uns allein gelassen, was für ein Feigling. Anyway, Shria war glücklich.

Auf dem Rückweg duften wir dann endlich mal einkaufen – Zucker, Sago und Öl in Großhandelspackungen auf einer mittelalterlichen Waage abgewogen. Die Motorräder bis zum Abwinken überladen ging es dann irgendwann heim.

Wir wahren am Ende total durch – aber Shria war glücklich und strahlte. Ein Ausflug mehr in diesem Jahr für sie. Was für ein Erfolg!

Selfies 29. April 2018

Also die Selfies der Inder mit uns sind schon eine echte Plage. Es gibt eigentlich keinen Tag, an dem wir ohne einen Selfie auskommen, nur in unserer näheren Umgebung, wo sich inzwischen alle an uns gewöhnt haben, geht es ohne die dauernde Fotografiererei.

Heute hatten wir z.B. insgesamt ca. 10 erfolgreiche und noch weitere 5 abgewehrte Versuche. Einerseits ist das Ganze zu verstehen. Neulich haben uns z.B. zwei Mädchen in einem ziemlich guten Englisch angesprochen, dass wir die ersten “Foreigner” sind, die sie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen.

Andererseits ist das Ganze für uns natürlich mega nervig. Aus Spaß habe ich inzwischen angefangen, Geld für die Fotos zu fordern – wir könnten schon reich sein, wenn es klappen würde.

Die Frage nach den Fotos reicht von heimlich (wir werden gefilmt und fotografiert während wir in einem kleinen Straßenlokal essen, wobei sich der Freund des Fotografen möglichst mit auf das Bild mogelt) über übergriffig (man versucht uns buchstäblich an den Armen in Richtung eines Hauseinganges zu zerren, wo dann die ganze Familie schon bereit steht, um sich mit uns auf ein Foto bannen zu lassen) bis hin zu den eher netten Versuchen, die sich wenigstens Mühe geben und nett und höflich fragen bzw. erst am Ende eines kurzen Besuches mit Tee und Lemon Soda.

Leider habe ich das beste Erlebnis in diesem Zusammenhang nicht auf ein Foto gebannt – zum Tempelfest gab es tatsächlich eine Schlange von 10 Frauen und Mädchen, die geduldig darauf warteten, ein Selfie mit Sonja und mir machen zu dürfen.

Letzter Arbeitstag vor den Ferien 30. April 2018

Unser letzter Arbeitstag war sehr entspannt, da wir unterdessen mit unserem Projekt schon sehr gut vorangekommen und gut im Zeitplan sind.

Deshalb konnten wir den Tag auch sportlich beginnen und haben uns gemeinsam im Nationalsport, Cricket versucht.

Danach haben wir unsere Tagesordnung für unser regelmäßiges Samstagsmeeting abgearbeitet und den Projektstand ausgewertet. Wir wollten uns bei den Lehrern auch noch einmal für die intensive Arbeit mit uns bedanken und haben sie in Sangola zum Essen eingeladen. Also ging es mit allen Lehrern im Schulbus in die Stadt. Die Lehrerinnen hatten aus diesem Anlass mal wieder phantastische Saris angezogen.

Für uns ging es dann weiter nach Pune im Bus, Baba hatte Sitzplätze für uns gebucht.

Nun haben wir vier Tage in Pune, besuchen erneut Pallavi und ihre Familie, wollen shoppen, eine Motorradtour ins Deccan-Plateau machen aber auch noch einige Abstimmungen mit Sagar und seinem Bruder Milind (in den USA) zu unserem Projekt vornehmen.

Danach geht es am Donnerstag mit dem Nachtzug nach Goa.

Wir freuen uns auf etwas mehr Unabhängigkeit und viele neue Eindrücke mit etwas mehr Komfort.

Die Privatstadt 1. Mai 2018

„Lavasa“ ist ein Ausflugsziel für Einheimische ca. 65 km von Pune entfern. Dorthin wollen wir gemeinsam mit Pallavi fahren. Im Internet haben wir dazu gelesen, dass es eine „private Stadt“ ist. Es wurde dort wahnsinnig viel und ausschließlich privat investiert aber leider auch spekuliert. Alle Bauvorhaben sind daher aufgrund eines Korruptionsverdachtes vor einigen Jahren sofort gestoppt worden. Wir sind gespannt, was uns erwartet.

Über Serpentinen schlängelt man sich in die Berge, um dann einen tollen Blick ins Tal zu haben, in dem die besagte Stadt liegt. Für Motorradfahrer sind Serpentinen und Berge Musik in den Ohren. Doch wir entscheiden uns gegen die Zweiradvariante und für ein kleines klimatisiertes Auto. Pallavi möchte und kann nicht allein so weit auf ihrem Moped fahren und ein männlicher Begleiter lässt sich nicht finden.

In stickiger Wärme quälen wir uns zwei Autostunden in die Berge, nördlich von Pune. Leider schafft es die Klimaanlage nicht, die hohen Aussentemperaturen herunter zu kühlen. Ein Fenster zu öffnen, ist alles andere als empfehlenswert, da der Fahrtwind einem dann heiss ins Gesicht bläst und die Augen austrocknen. Wir werden jedoch mit ganz tollen Ausblicken für unser Durchhalten belohnt!

„Lavasa“ liegt im Tal, umgeben von Bergen. Diese sind in der Regenzeit dschungelartig bewachsen, jedoch jetzt im Sommer eher trocken und sandig-felsig. Die Privatstadt zeigt sich einerseits als eine Art Nachbildung einer italienischen Stadt am Meer und andererseits ist sie eine verlassene „Geisterstadt“ mit abrissreifen Bauruinen, rostenden Stahlkonstruktionen, leerstehenden Hotelpassagen, grauen Ferienhäusern und ausgetrockneten Fontainen und Wasserbecken. Einen total bizarres Bild!

Wir schlendern etwas umher, trinken unseren ersten leckeren Milchkaffee nach zwei Monaten Abstinenz und halten einige Motive zur Erinnerung fest.

Auf dem Rückweg kommen wir leider in den üblichen und von Einheimischen erwarteten Hauptverkehr. Der hat jedoch mit unseren Vorstellungen von Rushhour gar nichts zu tun! Schritttempo im absoluten Verkehrschaos. Jeder fährt, wohin er will, wie er will und wann er will. Millimeterarbeit beim Abbiegen! Ich sitze hinten im Auto und habe die Hände vor den Augen, da ich sonst von einem Aufschrei in den nächsten falle. Es ist unvorstellbar und unbeschreiblich! Pallavi sitzt derweilen entspannt neben ihrem „Lieblingsonkel“ und trällert indische Songs aus „Radio Pune“. Ich bin hochgradig angespannt, mir ist übel von den Abgasen, immer noch flau im Magen von den Serpentinen und heiss ist es ohnehin.

Gegen 21 Uhr haben wir es endlich bis vor die Tür von Pallavis Haus, in einem der größten Slums in Pune geschafft. Auch sie ist müde und erschöpft von der Tour aber sehr sehr glücklich. In wenigen Tagen hat sie Geburtstag. Dann sind wir leider schon wieder unterwegs, daher haben wir ihr schon jetzt ein Geschenk überreicht, ein neues Handy, da ihr altes gestohlen wurde. Wir verabschieden uns und verabreden uns erneut in zwei Tagen zum Abendessen mit ihrer Mutter.

Nun sind wir nur noch 15 Autofahrtminuten von Sagars Wohnung entfernt. Alle warten schon auf uns mit dem Abendessen. Nach wir vor sind die Straßen brechend voll und einige Prozessionen sowie Hochzeiten mit zusätzlichen Ansammlungen von Menschenmassen erschweren das Autofahren und Vorankommen. Plötzlich zwei Ruckler, ein Stotterer und unser Auto seht. Ein Hupkonzert bricht los, da wir uns gerade in einer relativ engen Seitenstraße befinden. Zurückhupen geht leider nicht, da ausgerechnet das wichtigste Autozubehör, die Hupe, in unserem Fahrzeug nicht funktioniert. Wir haben kein Benzin mehr! Die Tankleuchte funktionierte schon den ganzen Tag nicht und leuchtete ununterbrochen, der Zeiger rückte selbst nach umfangreichem zweimaligen Tanken keinen Millimeter weiter. Somit hatten wir keine Kontrolle über den aktuellen Benzinstand.

Wir steigen aus und sind sofort von gefühlt hundert Menschen umgeben, die alle auf uns einreden. Mit einigen schieben wir das Auto in eine noch kleinere Seitenstraße, um den Fahrtweg für die anderen nicht komplett zu versperren. Thomas nimmt zwei unserer leeren 2 Liter Wasserflaschen und wird von einem hilfsbereiten jungen Mann mit Motorrad zur nächsten Tankstelle in 1,5 km Entfernung gefahren.

Ich bleibe vor Ort, hole mein Handy heraus und tue so, als ob ich total entspannt damit beschäftigt bin. Nur nicht aufschauen, gefragt werden, weggezerrt werden… nur ruhig auf einem Stein am Straßenrand sitzen und warten. Ich bekomme von einer Frau einen Tee im Pappbecher gereicht, eine andere bietet mir an, mit zu ihrer Familie zu kommen und dort auf meinen Mann zu warten. Ich lehne jedoch höflich ab und gerade in dem Augenblick ruft Gott sei Dank Thomas an. Er teilt mir nur kurz mit, dass an der Tankstelle kein Benzin in unsere Flaschen abgefüllt werden darf. Sein Begleiter füllt daher nun aus seinem Motorrad das Benzin ab, was wir dann in unser Auto umfüllen können und er tankt statt dessen Benzin nach.

20 Minuten später ist der ganze Spuk vorbei und wir fahren erschöpft die letzten Kilometer zu Sagars Wohnung.

Erneut hat uns die übermäßige Hilfsbereitschaft Fremder erstaunt und erfreut. Hätten wir auch so reagiert? Sehe ich in Berlin Touristen fragend vor den Fahrkartenautomaten stehen, spreche ich sie nicht von mir aus an und biete Hilfe an. Fremde spontan zu mir nach Hause einzuladen, ist mir ehrlich gesagt bisher auch noch nicht in den Sinn gekommen. Auch Mitfahrgelegenheiten bieten wir von uns aus eher selten an. Ich werde mich bemühen, zukünftig aufmerksamer zu sein und meine Zweifel und unbegründeten Befürchtungen gegenüber Fremden öfter zu überwinden.

Zwei Schulen, zwei Welten 2. Mai 2018

Unsere Gastfamilie in Pune, Sagar und Sarika Babar, ist im Schulbusiness tätig. Sie haben innerhalb von 30 Tagen eine eigene private Schule eröffnet, da es mit dem Eigentümer der bisher schon bestehenden Schule, in der Sarika tätig war, starke Auseinandersetzungen und ein Gerichtsverfahren gab. Diesen Prozess haben wir während unseres kurzen Aufenthaltes hier nun auch mitbekommen.

Die Eröffnungsveranstaltung der „CLARA global“ Schule am 02.05. war sehr professionell und stand mit allem im krassen Gegensatz zu „unserer Schule“ in Alegaon. Zahlreiche interessierte aber auch kritisch nachfragende Eltern waren gekommen, um sich über das neue Schulangebot und die zusätzlichen Aktivitäten für ihre Kinder informieren zu lassen. Es gibt ein Musikkabinett mit 7 Keyboards, ein Computer-Lab und perspektivisch sogar noch eine Schwimmhalle und Reitunterricht. Die Ausstattung ist genial, die Lehrer sehr engagiert und kreativ. Alle sprechen hervorragend englisch. Als Überraschung gab es auf der Einweihungsfeier sogar einen kleinen Roboter, der das Unterrichtsfach „robotics“ unterstützen und die Kinder beim aktiven und modernen Lernen begleiten soll. Sponsored bei IBM! Dort hat Sagar gearbeitet, bevor er mit zwei Freunden eine eigene Marketingfirma eröffnet hat.

Indien, das Land der Gegensätze…so auch hier in Bezug auf die Schulen. Alles auf der einen und (fast) nichts auf der anderen Seite. Das Schulgeld für „CLARA global“ beträgt für 1 Schuljahr 1 Lac = 100.000 IRU = 1250 EUR. In Alegaon beträgt das Schulgeld 3000 IRU = 37 EUR für ein Schuljahr.

Wir sind emotional sehr hin und her gerissen. Natürlich ist es eine große Leistung, innerhalb so kurzer Zeit einen Schulneubau für 250 mögliche Schüler, einen Toilettentrakt und sogar einen kleinen Spielplatz zu realisieren und alles für ein neues Schuljahr arbeitsfähig einzurichten. Das Geld von Sarikas Eltern regiert hier jedoch schon mächtig, in jedweder Beziehung wie z. B. Genehmigungen, zuverlässige Handwerker, Hilfsarbeiter und halt die Ausstattung mit Lehrmaterialien und mit moderner Technik sowie Security für das Gelände.

Sarikas Mutter ist aktiv und sehr bekannt in der Politik und der Vater besitzt viel Land in Pune, was er verkauft hat bzw. auf dem jetzt die neue Schule steht.

Zwischen beiden Schulen gibt es schon seit einigen Jahren einen fachlichen Austausch. Die tollen Schulbücher der Privatschule in Pune werden z. B. kopiert und für die 200 Schüler in Alegaon zur Verfügung gestellt. Auch die bunten Zeugnismappen für die jüngeren Schüler werden in großer Stückzahl in Pune hergestellt und bei einem privaten Besuch der Familie nach Alegaon mitgenommen. Alle Lehrer kommen einmal im Jahr für 2 Tage an die Schule nach Pune zum Hospitieren, um Anregungen für ihren Unterricht zu bekommen. Auch einige Materialien wie z. B. Laminierfolie oder auch Kopien von Unterrichtsmaterialien (Übersichtstafeln, Bilder, Zahlen etc.) werden aus Pune bereitgestellt. Es gibt die Möglichkeit des Kopierens und Laminierens in ländlichen Gegenden ansonsten nicht oder nur auf sehr umständlichem Weg.

Trotz dieser Unterstützung ist jedoch die Ausstattung der Schule in Alegaon noch sehr gering. Weitere Hilfen sind wünschenswert. Wir versuchen nun für das kommende Schuljahr die Zusammenarbeit zwischen der Schule in Pune und den Colleges in Sangola zu intensivieren. Dadurch hoffen wir, die Unterstützungsmöglichkeiten vor Ort stärker zu aktivieren und auch einheimische Kooperationspartner noch stärker einzubinden.

Hochzeitspuja 5. Mai 2018

Michl und Diana kennen wir schon sehr lange – Sonja kennt sie sogar schon seit der Studienzeit – sie gehören mit zu den engsten Freunden, die wir haben. Deshalb fiel es uns auch schwer, die Reise nach Indien anzutreten, obwohl wir wussten dass die beiden nun am 5. Mai heiraten werden.

Beide sind schon seit einer halben Ewigkeit zusammen, haben drei reizende Kinder und haben sich nun endlich dazu durchgerungen, ihr Zusammensein mit einer angemessenen Party zu feiern – also zu heiraten.

Da wir nun am anderen Ende der Welt sind, ist es für uns leider nicht möglich, mal schnell nach Deutschland zu kommen. Daher haben wir  für die beiden mit Hilfe von Baba einen besonderen Gruß aufgenommen .

Die Vorbereitungen zu dieser Puja waren, wie eigentlich alles hier, sehr viel komplizierter als erwartet. Für den Fotoprint von den beiden mussten wir erst wieder zurück nach Pune kommen – direkt auf dem Lande in der Nähe unserer kleinen Farm gibt es das gar nicht.

Dann müssen natürlich noch Blumengirlanden, Räucherstäbchen, Reis und Farbe besorgt werden – alles nicht so leicht. Aber am Ende hat alles geklappt.

Dies hier ist für Diana und Michl, die wir an diesem besonderen Tag ganz besonders grüßen – und mit dem Ritual  verbunden sind die Wünsche, die sich aus den Hilfsmitteln von Baba ergeben, die er während der Zeremonie verwendet.

Möge euer Leben scheinen wie das Gold des Ringes.

Möget ihr immer stark und kraftvoll sein wie das Holz der Betelnuss.

Dem schließen wir uns an – und sind in Gedanken ganz doll bei euch.

Hochzeitspuja (schlechtere Qualität 10 MB)

 

 

Hochzeitspuja (hohe Qualität 181 MB)

Projektfreie Zeit 7. Mai 2018

Da nun Schulferien sind, haben auch wir frei und reisen umher. Erste Station war ja, wie schon berichtet, Pune. Doch nach vier Tagen waren wir dann auch froh, die Großstadt wieder verlassen und freier von den dortigen familiären Verpflichtungen sein zu können.

Nun sind wir seit zwei Tagen in Goa, dem kleinsten von 29 Bundesstaaten in Indien. Anreise per Nachtzug im Schlafwagen…sehr abenteuerlich aber auch unschlagbar preiswert.

Auf dem Bahnhof in Pune haben wir anfangs gar nicht durchgesehen…wann fährt unser Zug nun genau und von welchem Gleis? Bis dann Thomas hinter das Anzeigesystem gekommen ist und wir feststellten, dass wir mindestens 1 Std. Verspätung haben werden. Da schimpfe doch nochmal jemand auf die BVG!

Über booking.com hatte Thomas eine schöne kleine Appartementanlage mit mehreren kleinen Bungalows gefunden und gleich eine Nacht gebucht. Jedoch vor Ort angekommen, waren nur eine russische Familie am Pool und zwei Gärtner, die die Anlage pflegten. Sie gaben uns die Handynummer des Besitzers und Thomas rief an, um zu fragen, wie wir zu den Appartementschlüsseln kämen. Der Besitzer informierte uns dann, dass auf keinen Fall an Ausländer vermietet werden dürfe! Hä? Was war das? Wir waren erstmals „DIE Ausländer“ und nicht willkommen! Nach etlichen Telefonaten mit der Objektverwaltung, einem anderen Privatbesitzer und Stornierungsversuch per eMails an booking.com, verließen wir etwas deprimiert das schöne Gelände.

Für 30€ pro Nacht haben wir aber nur wenige Schritte weiter ein ganz nettes (und sauberes) Hotel gefunden, trotz Nachsaison- viele Pensionen und Hotels haben bereits geschlossen oder schließen absehbar. Dafür sind aber auch nur ganz vereinzelt Touristen unterwegs. Nun entspannen wir hier, trinken mal wieder ein Glas Wein, spazieren am Strand (Thomas war sogar schon baden) und lassen es uns gut gehen.

9 1/2 Wochen 8. Mai 2018

Ganz solange ist es zwar noch nicht – aber es ist trotzdem Zeit für einen Zwischenstand. Am Ende der ersten Hälfte unseres Projektes haben wir uns nun auf den Weg in unseren Urlaub gemacht. In den letzten Wochen haben wir uns mehrfach die Frage gestellt, wie wir die Nachhaltigkeit unserer Aktivitäten sicher stellen können. Wie so häufig setzt das Probleme an der Führung der NGO an. Zusätzlich gibt es unendlich viele Schwierigkeiten durch äußere Faktoren. Wesentlich ist jedoch dann, insbesondere unter diesen Gegebenheiten, eine klare Managementstruktur einzuführen und durchzusetzen. Diese ist bisher nicht gegeben. Nicht nur, dass mit Balasaheb jemand die Schule führen soll, der dazu weder intellektuell noch eigenmotiviert in der Lage ist.

Komplexer wird es noch durch die darüber liegende Managementstruktur. Wir haben Baba als Gründer der Schule, der sich jedoch mehr und mehr aus den operativen Themen herauszieht. Jedoch vereinzelt und gerade bei fehlendem Management, greift er dann doch bei Bedarf immer mal wieder direkt in die operativen Entscheidungen ein. Das eigentliche operative Management verantwortet Sagar, sein jüngster Sohn. Er ist jedoch mit seinen eigenen privaten und beruflichen Themen total ausgelastet und kann nicht die notwendige umfangreiche Zeit für die Schule bzw. das Management investieren. Als dritte Person kommt Milind, der ältere Sohn von Baba ins Spiel, der jedoch mit seiner Familie inzwischen 3 Jahre in Florida lebt. Aufgrund dieser Entfernung ist er nur noch begrenzt aktiv involviert, jedoch bei Entscheidungen und Diskussionen stets angefragt.

Alle drei Männer haben neben einer langen gemeinsamen Familien- und Businessgeschichte bei diesem Projekt natürlich auch unterschiedliche Ansichten, die sie nicht immer in Übereinstimmung bekommen.

Alle Schwierigkeiten, die wir bei der Umsetzung von Veränderungen in der Schule und im Management haben, resultieren letztendlich genau aus dieser „3-Personen-Konstellation“. Es werden oft keine klaren Entscheidung zu konkreten Themen getroffen, die wir vor Ort stellvertretend für die drei Herren bearbeiten sollen. Keinem der Männer kann man persönliches Desinteresse oder fehlendes Engagement vorwerfen aber effektives Management leider nunmal auch nicht.

Wenn wir auf unseren anfänglichen Projektplan schauen, haben wir trotzdem unheimlich viel erreicht, worauf wir gerade unter diesen Bedingungen sehr stolz sind:

  • Die Lehrer bilden sich täglich nach ihrem Unterricht in Englisch weiter.
  • Die Website ist bereit, live zu gehen.
  • Wir haben regelmäßige Trainings für Methodiken und zur Nutzung neuer Technologie (Beamer, Outlook, Smartphone, kurze online Dokumentationen) aufgesetzt.
  • Reparaturen im Schulgebäude sind zum großen Teil durchgeführt.
  • Kleinere Reparaturen werden jetzt selbst vom Schulhandwerker durchgeführt – es gibt eigenes Werkzeug und einen Werkzeugkasten (Ordnung muss sein!)
  • Auch ein Überblick über die notwendigen Investitionen besteht dank Exceltabelle.
  • Das Zeitmanagement (Fingerprint) der Lehrer wurde an deren Gehalt gekoppelt und nun kommen alle pünktlich.
  • Wir haben eine Inventur über vorhandene Unterrichtsmaterialien durchgeführt. Anschließend wurde ein einfaches Aufbewahrungssystem eingeführt (stapelbare rote Kisten)
  • Das ganze Schulhaus wurde komplett sauber gemacht und aufgeräumt- wir haben Tonnen an unbrauchbaren Dingen weggeschmissen.
  • Aus den vorhandenen alten Computern haben wir so eine Art Mini-Computerlab mit nun drei funktionstüchtigen PC’s gebaut.
  • Es gibt ein Power-Backup und seither keine Ausreden mehr von wegen „der Strom ist ständig weg“.
  • Wir haben Google Drive als zentrale und einheitliche Ablage für alle Computer etabliert.

Zusätzlich haben wir noch das Accounting (Ein- und Ausgaben per Excel verwalten) eingeführt. Dank Excel gibt es jetzt auch eine Übersicht über alle Schulgebühren, so das ausstehende Zahlungen leichter eingefordert werden können.