Berlin, Berlin

Unser Aufenthalt in Deutschland ist diesmal nicht so ganz störungsfrei verlaufen. Von ursprünglich geplanten 4,5 Wochen mussten wir krankheitsbedingt auf 9,5 Wochen verlängern und die Rückflüge nach Ruanda verschieben. Schließlich hatten wir bereits 3 Wochen in Corona-Quarantäne verbracht. Kurze Zeit danach hatte ich noch einen kurzen Aufenthalt im UKB (Unfallkrankenhaus Berlin) denn beim Abendessen erlitt ich eine ungewöhnliche, einseitige Sehstörung mit einem kurzzeitigen Komplettausfall des Sehens und nachfolgenden Doppelbildern.

Wegen einer Thrombose war ich bereits vor 1 Jahr kurz vor unserem Rückflug nach Ruanda behandelt worden, daher verunsicherten mich bzw. auch Thomas diese Symptome dann doch und er brachte mich in die Notaufnahme. Verdacht auf Schlaganfall! Zur Überwachung sollte ich in der Klinik bleiben. WAS? ICH? Schlaganfall? Was soll das? Doch so schnell konnte ich gar nicht reagieren: durch eine Flexüle im Arm wurde mir eine Infusion verabreicht, ein EKG angeschlossen und ein Monitor überwachte meine Herzkreislauf-Werte. So schnell kann es also gehen! Zwei Tage verbrachte ich auf der Notfallstation des Klinikums. TIA (Transitorische Ischämische Attacke) war dann die abschließende Diagnose aufgrund mangelnder aussagefähiger Befunde. Gott sei Dank!

Thomas selbst vervollständigte unsere Ausflüge in medizinische Notfalleinrichtungen mit einem weiteren Tagesaufenthalt im UKB. Bei ihm wurde eine virusbedingte einseitige Gleichgewichtsstörung diagnostiziert, die jedoch herzinfarktähnliche Symptome hervorrief und bei mir Alarm! Daher verbrachten wir nicht, wie geplant, einen Tag an der Ostsee in Warnemünde, sondern nutzen erneut die technische und fachliche Vielfalt des UKB. Nun sind wir beide die in kürzester Zeit best-untersuchten Patienten aber ohne bedenkenswerte Diagnosen. Alles „post-Covid-Symptome“ aber hoffentlich keine „long-Covid-Erscheinungen“.

Zusätzlich zu all den ungeplanten Aktionen stand bei mir noch eine Kiefer-OP an. Um einen bereits wurzelbehandelten Zahn hatte sich eine Zyste gebildet, die gleich mit dem Zahn entfernt werden sollte. Auch das noch! Aber was sein muss, muss halt sein! Ich war nur unendlich froh, dass wir gerade in Berlin waren und ich somit eine erstklassige Diagnostik und Behandlung erfahren würde. Das Gesundheitssystem in Deutschland ist nunmal mit eines der besten, auch wenn wir das nicht immer so wahrnehmen und zu schätzen wissen.

Allerdings hatte ich mir unseren „Heimaturlaub“ nach fast einem Jahr so nicht vorgestellt. Diese plötzlichen Notfälle und Eingriffe hatten uns ganz schön auf Trab gehalten, inklusive der zweiten Corona Impfung mit BionTech. Viele unserer eigentlich geplanten Aktivitäten mussten wir verschieben oder sogar gänzlich streichen. Die Zeit lief uns davon. Thomas hatte offiziell 10 Tage Urlaub beantragt und die anderen Wochen im Homeoffice online gearbeitet. Daher konnten wir trotzdem noch viel Schönes unternehmen wie z. B.

  • einige Freunde besuchen (auch Josy im Eisladen im Prenzl-Berg) oder neue Freunde aus Kigali in Berlin wiedersehen
  • mit Thomas Geschwistern einen Tag aufm Floss über den Müggelsee, Seddinsee schippern
  • den Findlingspark in Nochten mit meinen Eltern besuchen
  • mit Lotti im Friedrichshain/Prenzl-Berg shoppen
  • meine drei langjährigen Bamberger Studienfreundinnen in Leipzig treffen und ausgiebig quatschen
  • den Thermomix gemeinsam mit Leo, Larissa und Lotti ausprobieren und ein tolles veganes Menü zaubern (lassen)
  • im Friedrichshagener Open Air Kino die Reise-Dokumentation „Verplant“ gemeinsam mit Lotti und Thomas anschauen
  • bei strahlendem Sonnenschein mit meiner Schwiegermutter eine Berliner „Brückentour“ auf der Spree machen
  • mit Thomas eine 21 km Radtour um den Bärwalder See im Lausitzer Seeland-dem größten künstlichen Gewässernetz Europas- unternehmen
  • bei einem Spaziergang durch Berlin City-Flair tanken und essen im „Hummus & Friends“
  • E-Scooter fahren in meinem alten Kiez in Friedrichshain
  • mit Lotti und Thomas eine Shakespeare Komödie im Open Air Theater am Schloss Charlottenburg geniessen

Für all diese Möglichkeiten und Treffen mit Freunden und der Familie bin ich unendlich dankbar. Wir hatten dadurch viele inhaltlich wertvolle Gespräche, die nicht nur an der Oberfläche kratzen. Das alles habe ich so sehr in Kigali vermisst und es wird mir in Kigali auch ganz schnell wieder sehr fehlen.

Hier noch ein paar Eindrücke von unserer Zeit in Berlin.

Besuch bei Meike, Jens und den Zwillingen
Barberini in Potsdam-Die Impressionisten

Gleichzeitig vermisse ich in Berlin die natürliche Chance zum Entschleunigen ohne schlechtes Gewissen, denn ein Termin jagt oft den nächsten. Es fällt mir wesentlich schwerer, ohne konkrete zeitliche Planung aktiv zu sein. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, die ich nutzen möchte und daher muss ich dann doch wieder planen und organisieren. Es ist ein Kreislauf, aus dem ich in Berlin nicht raus komme. Er ist erfüllend und sehr bereichernd aber auch anstrengend und Kräfte zehrend.

Daher freuen wir uns nach dieser langen Zeit in Berlin auch wieder sehr auf Kigali. Auch hier gibt es Menschen, die uns gern um sich haben und die sich freuen, dass wir wiederkommen. Die Beziehungen sind oft nicht so intensiv, doch trotzdem haben wir unterdessen die ganz eigene Freundlichkeit der Einheimischen zu schätzen gelernt. In kleinen Bemerkungen erkennen wir, dass wir auch hier willkommen sind.

In „beiden Welten“ zu leben, ist für mich manchmal sehr schwer, da sie so unterschiedlich sind. Das fordert mir enorme Anpassungsbereitschaft ab, die ich mir in der Auseinandersetzung mit mir selbst hart erarbeitet muss. Doch missen möchte ich beides nicht! Daher werden wir versuchen, unsere Besuche in Deutschland regelmäßiger zu gestalten, um so die positiven Dinge aus beiden Welten gut miteinander in Verbindung zu bringen.

Kigali, wir kommen! Berlin wir bleiben dir immer treu!

Kindheitserinnerungen

Die Corona-Infektion (Delta-Variante) hatten Thomas und ich nach reichlich drei Wochen in Quarantäne mit noch einigen Einschränkungen im Geruchs- und Geschmackssinn sowie dem üblicherweise auftretenden Schlappsein ganz gut überstanden. Nun blieb nicht mehr viel Zeit und wir würden in zwei Wochen wieder nach Ruanda zurück fliegen. Dabei hatten wir weder mit Freunden noch mit Familie bisher ausgiebig Zeit verbringen können. So ging das nicht! Wir mussten und wollten noch etwas bleiben und verschoben daher unsere Flüge.

Zeit mit meinen Eltern, das war mir nach fast einem Jahr das Allerwichtigste! Und da kamen sie dann, die Kindheitserinnerungen. Durch Fotos, in Gesprächen und beim Besuch von Orten, an denen ich als Kind viel Zeit verbracht hatte. Eigentlich soll man ja im Leben nicht zurückschauen. Warum eigentlich nicht? „Früher war alles besser“ hört man ältere Menschen dann pauschal sagen. Doch so stimmt das natürlich nicht. Auch der alte Spruch „…schaue vorwärts, nie zurück, Lebensmut bringt Lebensglück“ stimmt nicht hundertprozentig.

Ich hatte ein wenig Zeit zum Zurückblicken und fuhr mit Thomas und meinen Eltern nach Oschatz und nach Cavertiz (Sachsen). Die Heimat meiner Großeltern und Eltern. Gemeinsam spazierten wir durch die kleinen Orte, sassen im Café auf dem Marktplatz, besuchten die Kirche, in der meine Eltern getraut wurden, pflückten Kirschen auf dem „Liebschützberg“ direkt neben der alten Windmühle und standen vor den jeweiligen Elternhäusern aber auch an den Gräbern meiner in hohem Alter verstorbenen Großeltern. Viele Jahre war ich nicht mehr dort gewesen, daher war es definitiv Zeit, mal wieder zurückzuschauen.

„Erinnerungen sind Wärmflaschen fürs Herz“ (Rolf Fernau), und das stimmt in meinem Fall ganz genau. An viele Details aus meiner Kindheit an diesen beiden Orten konnte ich mich noch erinnern z. B. an den Laden, in dem meine Oma arbeitete, an den alten Dachboden, auf dem ich in den Ferien auf einer durchgelegenen Matratze übernachtete, an das Plumpsklo auf halber Treppe, den Kirschbaum im Garten, die Pumpe im Innenhof, an der ich spielte und von der mein Väterchen unter Protest das Badewasser holen musste.

„War schön jewesen…“ Dieser Slogan der wöchentlichen Radio 1 Kolumne von Lea Streisand über Alltagsgeschichten in Berlin fällt mir dazu gerade ein und dem ist nix hinzuzufügen.

Alpha, Beta, Gamma, Delta

Am 22.05. sind wir mit Türkisch Airlines über Istanbul nach Deutschland gereist. Am Flughafen hatten wir unsere insgesamt 92kg Gepäck unter der Aufsicht geduldiger Beamter hin und her packen müssen, um das Gewicht vorschriftsmäßig auf alle möglichen Gepäckstücke zu verteilen.

Jeder von uns durfte 40 kg und 10 kg Handgepäck ausschöpfen, was uns ohne große Probleme gelang. Nach 30 Minuten war alles perfekt verstaut und eingecheckt. Erste Hürde genommen! Erleichterung, denn eine Waage zur Überprüfung zu Hause gibt es leider nicht. Das Wiegen von Waren und Personen wird in Kigali häufig nur in der Öffentlichkeit gegen ein kleines Entgelt vorgenommen. Oft an Marktplätzen oder in Straßen mit zahlreichen Läden.

Mit einem Taxiunternehmen und dessen Sondererlaubnis zur Fahrt außerhalb der Ausgangssperre ab 22 Uhr erreichten wir pünktlich den Flughafen. Dort trafen wir dann auch noch einmal Jacob, der zu einer Geschäftsreise auf eine mir unbekannte afrikanische Insel flog und dort 2 Wochen Schulungen in einem speziellen IT-Programm geben würde. Also verabschiedeten wir uns noch einmal und jeder begab sich zu seinem Gate.

In Ruanda ist das Tragen von Gesichtsmasken überall in der Öffentlichkeit seit dem ersten Corona- Ausbruch dauerhaft Vorschrift. Es sind jedoch nur die üblichen OP-Masken oder bunte und oft selbst genähte Stoffmasken erhältlich. Die FFP2 sind nirgends verpflichtend und eine Maske kostet, falls man sie überhaupt bekommt, 6 EUR. Also unerschwinglich für die Normalbevölkerung!

In Istanbul hatten wir 4 Stunden Aufenthalt. Da der Flughafen wirklich sehr schön und weitläufig ist, kann man die Zeit ganz wunderbar verbringen. Es gibt unzählige erstklassige Einkaufsmöglichkeiten und internationale Speisenangebote. So verging die Zeit sehr angenehm und wir waren in großer Vorfreude auf Berlin, unser kleines Häuschen, die Familie und Freunde. Alle würden wir besuchen und sogar Freunde aus Kigali waren unterdessen erneut für eine begrenzte Zeit wieder in Berlin. Die gemeldeten Corona Neuinfektionen sanken in Deutschland täglich und wir hofften auf eine entspannte, kulturell abwechslungsreiche Zeit in der Heimat. Doch es sollte alles ganz anders kommen.

Mit einem gigantischen Käse-Buffet zum Abendessen wurden wir von meiner Freundin Jensine und Lotti überrascht. Welcome back! Das war gelungen. Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Zug nach Hoyerswerda und besuchte meine Eltern, blieb eine Nacht und reise dann am nächsten Tag gleich weiter nach Frankfurt, um mich dort mit Thomas bei seiner Mutter zu treffen. Er war unterdessen in Berlin geblieben und hatte sich mit Leo und Lotti zum gemeinsamen Kochen getroffen.

Am vierten Tag nach unserer Ankunft in Berlin wurden wir früh morgens 8:00 Uhr in Frankfurt durch den Freund von Thomas in dessen Hausarztpraxis mit BioNTech/Pfizer geimpft und schon ging es zurück nach Berlin. Am Nachmittag schnell noch zur Zahnprophylaxe. Erledigt!

Noch am selben Abend bekam ich Kopfschmerzen sowie leichtes Fieber. Waren das Impfnebenwirkungen? Ein Schnelltest an einem der zahlreichen Testzentren gleich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft am nächsten Morgen 8:15 Uhr brachte Gewissheit. Positiv! Ich hatte mir auf den letzten Metern doch noch Corona eingefangen und wie sich später herausstellte auch gleich noch die „Delta-Variante“. Verdammter Mist! Und dabei hatte ich mich zum Schnelltest nur angemeldet, um auf der Bölschestraße entspannt bummeln gehen und einen Kaffe trinken zu können. Das wird dann wohl nix!

Statt dessen begann nun nervöses Wirbeln: Als erstes fuhr ich nach Köpenick, um über einen PCR-Test die vorläufige „Diagnose“ des Schnelltestes abzusichern. Am Abend war das Ergebnis da. Tatsächlich positiv! Nun aber schnell den verpflichtenden Anruf beim zuständigen Gesundheitsamt, Information an meine Eltern und an Thomas Mutter, die Corona-WarnApp mit den notwendigen Informationen bestücken, die Zahnarztpraxis informieren und alle Termine der nächsten 14 Tage absagen. Thomas Bruder, Alex und seine Frau Maja würden uns während unserer 14-tägigen Quarantäne versorgen. Damit hatten wir ja wieder Glück.

Unser Berlinaufenthalt mit all unseren zahlreichen Vorhaben und Unternehmungen hatte sich schlagartig gewendet. An kulturelle Vielfalt war für die nächste Zeit erst einmal nicht zu denken. Dafür gab es nun abwechselnd Fieber und Schüttelfrost, elende Kopf- und Gliederschmerzen sowie bellenden, trockenen Husten bis das Zwerchfell schmerzt.

Funkstille bis auf weiteres!

Startschuss

„Launching“ ist ein sehr wichtiges Wort in Ruanda. Alles wird hier ge-launched. Heisst nix anderes als etwas beginnen oder starten. Ursprünglich wurde in der Wirtschaft die Einführung neuer Produktlinien auf dem Markt ge-launched. Doch in Ruanda hat das Wort scheinbar eine ganz andere Bedeutung. Jedes noch so kleine Projekt wird offiziell ge-launched, wobei noch gar nix tatsächlich Neues auf dem afrikanischen Markt eingeführt wird. Vielmehr sollte man wohl, wie für IT-Projekte üblich, von so genannten formalen „Kick offs“ sprechen. Da werden Projektinhalte, -phasen und Verantwortlichkeiten noch einmal für alle Beteiligten vorgestellt, obwohl man in der Vorbereitung des Projektes ja oft ohnehin schon mehrfach intensiv miteinander im Austausch stand. Egal! Eine „Kick off“ Veranstaltung muss sein! Dadurch kann sich später keiner der Beteiligten herausreden, man hätte dieses oder jenes anders verstanden, in der Intension nicht so beabsichtigt oder angestrebt. Alle haben die gleiche Ausgangsbasis und den gleichen Kenntnisstand. Das macht also definitiv Sinn und verringert Missverständnisse von Anfang an. Leider erleichtert es das gemeinsame, multiprofessionelle und interkulturelle Arbeiten trotzdem nicht unbedingt. Denn oft hat weiterhin jeder seine eigene (unausgesprochene) andere Vorstellung vom Projekt und verfolgt damit einhergehend häufig auch eigene Ziele. Jedenfalls würde aus meiner Wahrnehmung eher eine Kick off-Veranstaltung zum Erfolg Rwandischer Projekte beitragen, als ein vorgezogenes „Launching“.

Jedenfalls war klar, wir würden unser IT-Trainingsprojekt für Blinde ebenfalls offiziell „launchen“ müssen. Dazu werden stets hochrangige Persönlichkeiten, Unterstützer, die Presse aber selbstverständlich auch die eigentlichen Akteure eingeladen. Das ist in Zeiten beschränkter Gästezahlen und eingeschränkt funktionierender Businesses aufgrund umfassender Corona-Schutzmaßnahmen eine Herausforderung. Aber das würden Beth und ich schon irgendwie meistern.

Zuerst erfolgte die Terminabstimmung mit der Amerikanischen Botschaft, die die Gelder zur Finanzierung des Projektes bereitgestellt hatten. Der Schriftverkehr ging mehrfach hin und her bis dann der 21.05. feststand. Doch wir sollten noch einen detaillierten Ablaufplan schicken, bevor eine konkrete Zusage zur Teilnahme von der Botschaft gegeben und die tatsächliche Teilnehmerzahl festgelegt werden würde. Auch die offiziellen staatlichen Einrichtungen der Behindertenhilfe (NCPD und NUDOR) und der Bezirke mussten mit einer persönlichen Einladung bedacht werden. Selbstverständlich durfte auch ein Vertreter von RISA als dem vertretenden staatlichen Organ des ICT-Ministeriums nicht fehlen. Doch unterdessen habe ich vereinzelt persönliche Kontakte und so konnten wir gezielt Personen einladen.

Selbstverständlich stehen die Studenten und Studentinnen im Vordergrund unserer Bemühungen, daher sollten sie vordergründig die Möglichkeit bekommen, sich zu präsentieren und erlernte Fähigkeiten zu zeigen. Speziell den Einsatz technischer Geräte wie z. B. Orbit Reader wollten wir gleich mal in der Praxis präsentieren. Dadurch würde offensichtlich werden, wie wichtig Technik für blinde Menschen ist und wie stark sich deren Alltag damit positiv verändern kann.

Daher wurde als erstes der konkrete Zeitplan entsprechend der verschickten Einladungen mit allen potentiellen Gästen und Rednern auf die Orbit Reader hochgeladen. Der MC (Master of Ceremony) also der Moderator der Veranstaltung würde somit den gesamten Tagesablauf auf dem Gerät lesen und daher die einzelnen Punkte gut anmoderieren können.

Die Aussicht auf ein „Launching Event“ schien alle zu beflügeln. Wir hatten zwei Wochen, um eine aussagekräftige Präsentation von „Seeing Hands“ im Rahmen dieses Events vorzubereiten. Beth liess noch ein aktuelles Werbeplakat drucken und wir bestellten eine „Thank You!“ Torte, die gemeinsam mit den Vertretern der Amerikanischen Botschaft angeschnitten werden sollte.

Eine Powerpoint Präsentation mit den Highlights an Aktivitäten von „Seeing Hands“ aus dem zurückliegenden Jahr war vorbereitet. Den Videoprojektor hatte ich rechtzeitig bei der GIZ ausgeliehen. Zusätzlich waren zwei Optionen vorbereitet für den Fall eines technischen oder eines Stromausfalls. Letzteres kommt im Kicukiro regelmäßig vor und kann daher in der Vorbereitung leicht mit berücksichtigt werden. Es sollte also an unserem großen Tag nix schief gehen!

Am 20.06. war Generalprobe. Schließlich sollten sich alle Studenten sicher im Objekt bewegen können und sich und ihr Anliegen selbstbewusst vertreten. Daher begannen wir im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Probedurchlauf. Der würde den Student*innen zur besseren Orientierung im Raum dienen. Mit 4 blinden Männern und 3 Frauen übte ich unter Verwendung des Langstockes ihren persönlichen „Bühnenauftritt“. Es war wirklich wie im Theater. Wer würde wo sitzen, wo befand sich der Videoprojektor, wo sassen die Gäste zu denen man sich ausrichten würde und wo waren angrenzende Räume wie z. B. Terrasse, Treppenaufgang und Toilette?

Der Gesamte Ablauf wurde mehrfach „durchlaufen“ und durchgesprochen, inklusive der jeweiligen persönlichen Redebeiträge der Einzelnen. Ich imitierte erst einmal die Gastredner und wurde von Pacifique, dem MC, in mehrfachen Rollen angekündigt. Die Einhaltung des Zeitplans war wichtig, da die Gäste mit Sicherheit nicht alle bis zum Abschluss bleiben würden. Daher sollte sich in nur wenigen Minuten jeder Student mit seinem persönlichen beruflichen Background vorstellen und für sich werben. Keine einfache Angelegenheit, obwohl alle Teilnehmenden Universitätsabsolventen mit Bachelor-Abschlüssen in Psychology, Kommunikation, Bildung oder Technik waren. Mit jedem Durchlauf wurden die Studenten sicherer und offener für Improvisationen. Allgemeinaussagen wurden vermieden und statt dessen individuelle Erfahrungen, Wünsche und Herausforderungen dargestellt. „Zeichnet ein Bild von euch selbst, welches die sehende Welt als Erinnerung an die Präsentation mitnehmen kann“, war die Aufforderung an alle und diese Vorstellung schien zu funktionieren.

Am 21.05. kamen wie erwartet nur wenige, jedoch die für uns wesentlichen Gäste. Statt 10:00 Uhr konnten wir auch erst 11.00 Uhr beginnen. Doch auch diese Zeitverschiebung hatte wir bereits eingeplant und dementsprechend das Programm angepasst. Es lief alles entspannt und reibungslos. Alle Anwesenden waren in bester Verfassung, die Stimmung familiär und gelöst. Den Eindruck, den „Seeing Hands“ mit der Einführung des IT Trainingsprogrammen hinterliess, wurde als professionell durch die Anwesenden bestätigt und das war unser Hauptanliegen. Eine kleine aber sehr gelungene Veranstaltung hatten wir gemeinsam organisiert!

Thomas kam mich am Nachmittag 14:00 Uhr abholen und hatte so noch die Gelegenheit, einige der Studenten und Cletus, einen Geschäftsmann und Freund von Beth aus Kamerun sowie unseren Vermieter Fidense von „Park & Pick“ kennenzulernen. Auch für ihn und sein Unternehmen war es gut, sich inhaltlich vorstellen zu können und die besondere Form der Zusammenarbeit mit „Seeing Hands Rwanda“ darzustellen. Schließlich besteht weiterhin der Plan darin, technisch trainierte Studenten an „Park & Pick“ zu vermitteln.

Am Spätnachmittags würden Thomas und ich endlich unsere Koffer packen und gegen 23 Uhr zum Flughafen aufbrechen. Heimaturlaub in Berlin vom 22.05. bis 28.06. war geplant in Verbindung mit dem 80. Geburtstag von Thomas Mutter und unserer persönlichen Corona-Impfstrategie.

Schreck am Morgen

Gestern bin ich gegen 7:00 Uhr aufgestanden. Beim Aufziehen der Vorhänge zeigte sich ein wolkenverhangener trüber Himmel, es würde also im Tagesverlauf regnen. Wir befinden uns ja auch noch mitten in der „großen Regenzeit“ (April bis Juni)! Also alles normal und durchaus üblich. Ich ging die Treppen runter und wollte in der Küche Kaffeewasser aufsetzen, als es an der Hintertür klopfte. Alex, unser Tagesguard versuchte mir auf englisch irgendetwas zu sagen. Ich verstand jedoch kein Wort. Auch das war normal und so nickte ich nur, schloss die Tür und setzte Kaffeewasser auf. Als ich dann jedoch die Gardinen im Wohnzimmer zur Seite zog, schauten mich vier weitere Security-Männer an. Aber nur einen davon kannte ich, unsere Nachtwache- Donatien. DAS war jetzt unüblich!

Schnell zerrte ich meinen Mund-Nasenschutz aus einer Tasche hervor und ging zu den bereits heftig diskutierenden Männern in den Garten. Auf meine Nachfrage, was das hier alles zu bedeuten habe, wurde mir erklärt, dass in der Nacht Einbrecher auf unserem Grundstück gewesen waren und daher der Sicherheitschef persönlich gekommen war und ein Ermittler gerufen wurden.

Donatien’s Hände zitterten noch als er berichtete, dass er zwei Diebe gegen 3.00 Uhr morgens auf frischer Tat auf unserem Grundstück ertappt hatte. Sie wollten gerade über den Zaun flüchten. Ihre Fußspuren (barfüssig) waren auch am Morgen auf der regennassen Erde noch genau zu sehen und die Einmauerung des Zaunes war beim ersten Versuch darüber zu flüchten ausgebrochen. Donatien hatte versucht, die Diebe aufzuhalten und es war zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung gekommen, bei der sogar ein Klappmesser gezückt wurde. Eine leichte Schnittwunde an seinem Unterarm war sichtbar. Oh Gott! Davon hatten wir, tief schlafend, gar nix mitbekommen! Aber wieso hatte Donatien denn nicht laut um Hilfe gerufen oder sich irgendwie bemerkbar gemacht? Gott sei Dank war ihm nix Schlimmeres passiert aber der Schock stand ihm noch ganz deutlich ins Gesicht geschrieben.

Außer drei Paar Schuhen von Thomas und einer Standluftpumpe fehlte uns nix. Das leere Schuhregal stand wie zum Spott in der Ecke auf unserer Terrasse und schien uns sagen zu wollen: „Wer so dumm ist, Sachen auf der Terrasse stehen zu lassen, muss dafür bestraft werden.“

Der Vorfall wurde an RIB (Rwanda Investigation Bureau) übergeben aber große Ermittlungen werden selbstverständlich nicht stattfinden. Solche kleinen Einbrüche und Diebstähle sind leider üblich.

Für uns ist das alles andere als eine Bagatelle. Wir sind etwas beunruhigt. Es ist aus unserer Wahrnehmung vermutlich vielmehr ein Zeichen dafür, dass die Bevölkerung durch die langanhaltenden Corona-Schutzmaßnahmen, die Ausgangssperren und die zwei Lockdowns tatsächlich in Not ist und selbst einfache Sachen wie Schuhe und Lebensmittel dringend benötigt. Den Motorradhelm und unsere Fahrräder (auch alles auf der Terrasse abgestellt) haben die Diebe schließlich nicht im Visier gehabt. Teure „Muzungu-Dinge“ verkaufen zu wollen, stand also nicht auf ihrem Plan.

Bei einer Kollegin von Thomas wurde vor wenigen Tagen auch das Grundstück „besucht“ und die Diebe haben Kartoffeln mitgenommen. Ja, Kartoffeln! Das ist irgendwie beängstigend und traurig. Wir fühlen uns hilflos.

Unsere „Umudugudu Chefin“ haben wir auf jeden Fall über die Vorkommnisse der Nacht informiert und sie hat daraufhin die gesamte Nachbarschaft in Kenntnis gesetzt. Außerdem haben wir gebeten, über Hilfen für die Dorfbevölkerung nachzudenken. Aber das geht alles nur den hierarchischen Weg. Schließlich wollen und müssen wir uns hier einordnen und die Regeln befolgen. Das ist manchmal schwer aber es macht auf alle Fälle Sinn. Eigenmächtige Entscheidungen und Handlungen bringen nix sondern bewirken hier manchmal nur das genaue Gegenteil.