Wir sind umgezogen

Am 15.05.22 sind Thomas und ich innerhalb der Hauptstadt Kigali von Kicukiro nach Kiyovu umgezogen. Freunde von uns haben dort bereits drei Jahre in einem tollen Appartement gewohnt und ziehen nun leider nach Namibia, um die Entwicklungszusammenarbeit der GIZ zu unterstützen.

Daher kamen wir in den Genuss, einige der Möbel von ihnen abzukaufen und gleichzeitig einen Teil unserer Möbel im Haus an unseren Vermieter und an zwei Kolleginnen von Thomas zu veräußern. So minimierten sich der Transportaufwand und die -kosten für beide Seiten. Eine umkomplizierte Wohnungsübernahme war für uns möglich.

Es war ein „afrikanischer Umzug“, den wir absolvierten. In Ermangelung von Umzugskisten, war auch ein vorbereitendes Packen nur begrenzt möglich. Zwei Pappkartons hatte ich von einer unserer letzten Weinlieferungen aus Deutschland aufgehoben. Doch das waren auch die einzigen beiden, die ich bereits im Vorfeld gepackt hatte und ein kleines Küchenregal hatte ich noch abgeschraubt. So ganz ohne Vorbereitung geht es halt dann doch nicht.

Am Vorabend unseres Umzuges kam gegen 18:00 Uhr Elisabeth vorbei und stellte uns eine Truppe junger Männer vor, die am nächsten Tagen den Umzug mit uns machen würden. Sie schauten kurz in die Runde: ein Sofa, ein Couchtisch, ein Schreibtisch, Stühle, zwei Fahrräder… macht 25 EUR fürs Be- und Entladen. Gut! Wir verabredeten uns für Samstag 8:00 Uhr (unser wohl kalkulierter Puffer war bis 9:00 Uhr einberechnet) und schon waren sie wieder weg.

Weitere Freunde kamen gegen 19:00 Uhr vorbei, um ihre von uns erworbenen Möbel abzuholen. Sie blieben dann jedoch entspannt für drei Stunden und so plauderten wir über Gott und die Welt und diskutierten aufgeregt über den Ukraine Krieg bis 22:00 Uhr.

Nun wurde es aber wirklich Zeit. Sämtliche Taschen, Mülltüten, Körbe, Reisekoffer und Lebensmittelboxen wurden in Windeseile gefüllt und die Schränke leer geräumt. 24:00 Uhr waren wir erschöpft und der Umzug vorbereitet.

Am nächsten Morgen hatten Thomas und ich pünktlich bis 8:00 Uhr unsere beiden Autos beladen und waren startklar. Selbstverständlich war von den Umzugshelfern bis 9:00 Uhr keiner zu sehen, doch da die Schlüsselübergabe erst 10:00 Uhr in der neuen Wohnung stattfinden würde, waren wir immer noch im Zeitplan.

9:15 Uhr ging es dann aber los. In nur wenigen Minuten waren die schweren Massivholzmöbel und auch die Fahrräder aufgeladen. Alles wurde sogar verschnürt und regensicher mit einer Plane abgedeckt. Damit hatten wir nu gar nicht gerechnet.

12:15 Uhr war der ganze Umzugsspuk vorbei: Möbel und Kisten hochgetragen, überwiegend auch schon ausgepackt und wichtige Dinge verstaut sowie Schränke und Regale ausgewischt. Unglaublich! So konnten wir mit Solange, die uns bei allem sehr geholfen hatte, bereit ins „Khana Kazana“ zum Mittagessen gehen. Das indische Restaurant liegt auf der benachbarten Straßenseite, unserer Wohnung genau gegenüber. Phantastisch!

Wir wohnen nun in der 2. Etage eines Appartement-Hauses mit einer gut gepflegten Außenanlage und einer großen Terrasse. Auf dieser ist sogar Platz für ein paar Hochbeete, die bereits von unseren Freunden angelegt wurden. So werden wir auch hier unsere eigene Kräutermischung und kleine Strauchtomaten anpflanzen können. Sogar einen Swimmingpool gibt es, den wir mit den anderen drei Mietparteien im Haus gemeinsam nutzen können.

Das Appartement besteht aus einer großen Wohn-Küche mit riesigen Fenstern und grandiosem Blick auf die Stadt. Die Küche ist mit hellen IKEA Möbeln eingerichtet und hat sogar einen Geschirrspüler. Daher bräuchten wir unseren Haushaltshelfer nun erst recht nicht mehr aber das ist eine andere Geschichte.

Gäste können uns auch hier jederzeit sehr gern besuchen, da wir ein großzügiges Gästezimmer mit eigenem Duschbad anbieten können. Na, wie wär’s?

Ansonsten gibt es noch den „Masterbedroom“ mit angrenzendem Duschbad und großen, weissen eingebauten Wäscheschränken. Den Schreibtisch von Thomas haben wir ebenfalls in diesem Zimmer aufgestellt, da der Blick von hier über die Terrasse auf die Innenstadt einfach sehr schön ist. Ob er da jedoch zum Arbeiten kommen wird oder die Gedanken in die Ferne schweifen…?

Wir freuen uns riesig, dass wir nach drei Jahren und zahlreichen Diskussionen nun doch noch einmal diesen Schritt getan haben. Jetzt sind wir komplett in der „Expat- Blase“ angekommen und haben anstatt des im Tal gelegenen Dorfes den Rwandischen Präsidenten in unmittelbarer Nachbarschaft. Man kann nicht alles im Leben haben. Doch wir haben wahnsinnig viel und sind sehr privilegiert.

Dieser krasse Unterschied in den Lebensverhältnissen ist für uns oft nur sehr schwer zu ertragen. Daher versuchen wir weiterhin ab und an auf die eine oder andere Art und Weise Einheimische zu unterstützen und ihren Lebensweg wenigstens für eine kurze Zeit etwas leichter zu gestalten. Daher bleibt Emmanuel, unser Haushaltshelfer, auch weiterhin bei uns angestellt, obwohl wir die wenigen Handgriffe im Haushalt durchaus selbst erledigen könnten. Dadurch sichern wir jedoch die Versorgung der gesamten Familie: seiner blinden Frau und seines 10 Monate alter Säuglings.

Auch das Gastronomie- Hotellerie- Studium eines unserer ehemaligen Security Guards an der Universität in Kigali finanzieren wir im dritten Jahr weiter. Er schickt uns regelmäßig die Ergebnisse seiner Prüfungen und freut sich, wenn wir uns freuen, dass er erneut bestanden hat. Als Dankeschön hat er auf unseren Wunsch hin Emmanuel in den letzten zwei Wochen im Kochen angeleitet. Wir wollen das Aufgabenspektrum von ihm ein wenig erweitern, da wie gesagt so viele Reinigungsarbeiten in unserem neuen zu Hause nicht mehr anstehen und auch kein Garten mehr zu pflegen ist.

So schließt sich der Kreis und jeder von uns hat einen kleinen Vorteil von der Entwicklung des jeweils anderen. Diese Form der nachhaltigen Unterstützung sind wir sehr gern bereit zu geben und sie wird auch dankbar und mit viel Engagement angenommen.

Esskultur

Essen ist in jeder Kultur, so auch in Rwanda, ein sehr zentrales Thema. Es gib traditionelle Gerichte und Getränke aber auch Einflüsse, die von verschiedenen Nationalitäten in eine Kultur eingebracht wurden.

In Kigali hat sich seit vielen Jahren ein Supermarkt, die „German Butchery“ durchgesetzt. Ein mittelgroßer Shop mit einer integrierten Fleischerei, die deutsche Spezialitäten selbst herstellt aber auch importiert. Es gibt Sauerkraut, Eisbein, Sülze, Rouladenfleisch aber auch verpackte Kartoffelklösse, Gemüsebrühe im Glas und Soßenbinder. Im angrenzenden Restaurant kann man sogar Schnitzel mit Bratkartoffeln für 7.900 RwF (aktuell 7,70 EUR) bestellen, was Thomas und ich selten aber dann sehr gern wahrnehmen.

Nicht nur beim Einkauf von Lebensmitteln zeigt sich die Esskultur eines Landes, sondern auch im Verzehr der Lebensmittel. Typisch sind hier die lokalen Mittagsbuffets. Für nur 1.500 bis 2.500 RwF (1,39 bis 2,31 EUR) bekommt man eine Suppe zur Vorspeise. Den gemischten Salat aus Tomaten, geraspelten Karotten, gehacktem Weißkohl, ausreichend Avocado, Zwiebeln und Gurken kann man sich selbst nach Lust und Laune zusammenstellen. Ein Ei und Dressing noch oben drauf. Wunderbar! Im Hauptgang wählt man dann zwischen Reis, selbst gemachten Pommes Frites, gedünstetem Mischgemüse, Isombe (eine Art Spinat mit Fleischstücken ), gekochten Bananen, Kidneybohnen in Tomatensauce und gekochten Maniok- oder Süßkartoffelstücken.

Während wir gewohnt sind, wenig auf unseren Tellern zu platzieren und ggf. mehrfach das Buffet aufsuchen, häufen die Rwandaer ALLE angebotenen Speisen einmal auf einem großen Essteller auf. Das Motto scheint eher „im Magen kommt eh alles zusammen!“ zu sein, als das uns bekannte Motto „Das Auge isst auch mit!“

Selten sind die Speisen stark gewürzt. Einige Rwandaer nutzen “ Pilli Pilli“, ein häufig selbst hergestelltes sehr scharfes Gemisch aus Zwiebeln, Chilli- Schoten, Öl und Gewürzen. Eine Kostprobe davon habe ich in einem Glas von meinen Kolleginnen als Erinnerungsgeschenk vor unserer Reise nach Deutschland bekommen. Da ich beim gemeinsamen Mittagessen immer mit Salz nachwürze, dachten sie vermutlich, das würde ich mögen. Ich mag es auch! Doch leider ist dieses Gemisch so furchtbar scharf, dass man nur mikroskopisch kleine Mengen verwenden kann und die bekommt man schwer portioniert. Daher verwende ich den „Scharfmacher“ nur bei größeren Mengen an zubereiteten Speisen. Dann ist es jedoch richtig gut!

Am ersten Mai, der auch hier Feiertag ist, wollten Thomas und ich mal wieder ausgiebig frühstücken. Mit Rührei und frischen selbst gebackenen Brötchen. Thomas ist unterdessen Profi, was das Backen angeht und so standen wunderbar duftende Brötchen auf unserem Frühstückstisch, lecker!

Doch allein wollten wir diese auch nicht verspeisen, wissend, dass unser Tages-Guard und auch unser Haushaltshelfer, nur wenig abwechslungsreiches Essen bekommen. Daher bereiteten wir zur Feier des Tages auch für sie ein Frühstück vor und spendierten sogar von dem für uns kostbaren Käse, den Thomas als Mitglieder einer „Käse-WhatsApp-Gruppe“ hier in Kigali ab und an bestellen kann.

Doch der Käse, der für uns Lebensqualität bedeutet, war für sie so ganz und gar nicht von Bedeutung. Mit einem Fingerzeig darauf wurde ich informiert „…das muss weggeschmissen werden, ist nicht mehr gut!“ Ich musste lachen und erklärte, dass das für uns etwas ganz Vorzügliches ist und wir Käse sehr lieben. Erstaunte Blicke und Unverständnis. Dafür war die selbstgemachte Marmelade meiner Schwiegermutter von viel größerem Interesse. Das Glas war danach nur noch halb voll.

Allerdings waren die Brötchen generell so lecker, dass sie sogar teilweise blank gegessen wurden und nix übrig blieb. Dabei wollten wir noch ein oder zwei Stück einfrieren. Egal! Es freute uns sehr, das wenigstens unser „deutsches Brot“ gut angekommen war. Das kann Thomas gern jeder Zeit wieder machen, war die eindeutige Rückmeldung und die kam nicht nur von mir.

Abschied und Willkommen

Bei meiner Rückkehr aus Deutschland nach 5 Wochen war das Willkommen durch meine Kolleg*innen von RUB ebenso herzlich, wie die segensreiche Verabschiedung vor meiner Ausreise.

Abschiedstanz von meinen Kolleg*innen

Noch bevor ich kleine Geschenke wie Süßigkeiten, Lippenstifte, Nagellack und Bodyspray überreichen und von meinem Aufenthalt berichten konnte, wurde mein Wiederkommen partymäßig gefeiert. Ich war so gerührt und brachte kein Wort heraus. Damit hatte ich nicht gerechnet. Gemeinsam mit meiner Chefin durfte ich die Torte anschneiden und wurde von ihr offiziell willkommen geheissen. Was für ein Empfang!

Während meiner Abwesenheit wurden die Zahlungen für das von meiner Partnerorganisation beantragte GIZ Projekt bewilligt. Nun sollten umgehend ein Projektplan erstellt werden und erste Maßnahmen zur Umsetzungen erfolgen. Außerdem muss darauf geachtet werden, dass geeignet Instrumente zur Evaluation zum Einsatz kommen. Diesbezüglich hatte ich bereits vor meiner Abreise nach Deutschland gemeinsam mit meinen Kolleg*innen einen Fragebogen zu Kommunikationsgewohnheiten innerhalb der NGO erstellt. Das GIZ Projekt zielt darauf ab, durch die Bereitstellung mobiler Telefone und die Implementierung einer „Toll- free- Hotline“ die landesweite Kommunikation sowohl zwischen dem RUB- Hauptbüro und den einzelnen Niederlassungen der NGO, als auch mit den Klient*innen zu verbessern. Diese Herausforderung ist besonders in der Pandemie-Zeit und während der verschiedenen Lockdowns zum Vorschein gekommen. Viele Familien mit blinden Angehörigen aber auch RUB-Mitglieder und Mitarbeitende waren von einer Kommunikation abgeschnitten, da persönliche Treffen im Hauptbüro in Kigali nicht mehr stattfinden konnten. Deutlich stärker davon betroffen waren natürlich die Menschen in den ländlichen Gebieten Rwandas.

Damit eine Umsetzung des Projektes auch nach den GIZ Richtlinien des „Rights Based Programs“ (RBP) erfolgt, findet als erstes ein dreitägiger Workshop zum Thema „Menschenrechte“ statt. Teilnehmen werden alle Mitarbeitenden von RUB (Rwanda Union of the Blind) und der unter ihrem Dach neu gegründeten ROPDB (Rwanda Organization for People with Deaf- and Blindness).

Ich freue mich sehr auf diesen inhaltlichen Input durch einen meiner lokalen Kollegen des RBP und bin gespannt, wie Theorie und Praxis verbunden werden können. Davon kann ich später bestimmt Interessantes berichten.

5 Wochen Europa

Vom 19.03.22 bis 25.04.22 waren Thomas und ich in Europa. Die ersten zwei Wochen nahm ich an einem Sicherheitstraining der GIZ in Bonn teil und hatte anschließend eine Weiterbildung zum Thema „Beratung im internationalen Kontext“. Dadurch habe ich viele interessante Kolleg*innen der GIZ aus der ganzen Welt kennengelernt mit teilweise herausragenden Biographien und speziellen Einsatzorte. Es ist einfach unglaublich, was inhaltlich alles von der GIZ unterstützt wird.

Anschließend waren Thomas und ich zwei Wochen zum Wandern auf Zypern. Wir hatten nach zwei Jahren mal wieder einen Urlaub nur mit und für uns. Keine „Muzungu!“ rufenden Kinder am Wegesrand und Fragen nach „Amafaranga!“ (Geld) und auch keine Aktivität in einer Gruppe. Nur Thomas und ich in einer landschaftlichen Vielfalt bestehend aus Stränden und Steilhängen am östlichen Mittelmeer, dem Troodos- Gebirge mit den berühmten Scheunendachkirchen aus dem 13. Jhd. und der Halbinsel Akamas (Naturschutzgebiet) sowie vielen historischen Sehenswürdigkeiten in und um die Stadt Paphos. Diese haben wir ganz besonders genossen und in uns aufgenommen. Auch die geteilte (griechisch-türkisch) Hauptstadt Nikosia (Levkosia) haben wir auf beiden Seiten besucht. Es war ein wunderbarer und abwechslungsreicher Urlaub mit Übernachtungen im Zelt aber auch in kleinen Hotels und Privatpensionen, mit anstrengenden Schluchtenwanderungen aber auch Tagestouren im Mietauto. Das Land ist in der Vor- und Nachsaison (März/April und September/Oktober) unbedingt zu empfehlen.

Hier einige Eindrücke:

Besonders haben wir uns über die Gastfreundschaft der Einheimischen gefreut. Schnell sind wir ins Gespräch gekommen und wurden auf einen Kaffee eingeladen. Dabei waren nur wir als Personen von Interesse und nicht als potentielle „Geldgeber“. Das tat gut!

kleine Kirche in den Weinbergen

Nach diesen zwei Wochen waren wir richtig braun gebrannt durch die tagelange Sonne beim Wandern in den Bergen und gut erholt durch die viele Bewegung sowie durch die Anregungen aus Kunst und Kultur in den Städten. Eine gelungene Auszeit!

Evaluation

Im Rahmen eines Projektes war meine Partnerorganisation angehalten, einen 2-tägigen Evaluationsworkshop abzuhalten. Dieser sollte unter Teilnahme der Kolleg*innen der Verwaltung im Head Office und mit einigen Vorstandsmitgliedern stattfinden. Ziel war es, den „Strategieplan 2018-2022“ und den „Sustainability plan“ (Plan zur Projektnachhaltigkeit) auszuwerten, um danach neue Projektphasen beginnen zu können.

Dieses Vorhaben stand schon seit einigen Monaten im Raum und wurde im wöchentlichen Management Meeting von meinen Kolleg*innen immer mal wieder angesprochen, doch eine konkret Planung begann nicht. Ich wies dezent darauf hin, dass ich im März und April länger in Europa sein würde und daher in dieser Zeit nicht aktiv unterstützen könnte. Anderthalb Wochen vor meiner Dienst- und Urlaubsreise nach Deutschland konkretisierte sich die Zeitplanung für den Workshop. Selbstverständlich sollte ich dabei und in die Vorbereitung aktiv eingebunden sein. Na dann mal los!

Eilig wurde ein 4-köpfiges Vorbereitungsteam einberufen, um nun die Detailplanung für ca. 25 Teilnehmende anzugehen. Aufgrund bereits geplanter Termine mit externen Partnern und daher bestehender Verpflichtungen zur Teilnahme an externen Veranstaltungen, grenzte sich das Zeitfenster für die Durchführung des Evaluationsworkshops immer weiter ein. Schlussendlich sollte er dann mit nur ZWEI TAGEN Vorbereitung umgehend und noch vor meiner Ausreise nach Deutschland stattfinden.

In Anbetracht der sehr kurzen Vorbereitungszeit kam bei mir Ratlosigkeit auf, denn ich dachte an die zahlreichen Dinge, die noch organisiert werden müssten. Doch das Arbeiten ging Hand in Hand und jede*r schien genau zu wissen, was und wie alles am besten zu organisieren war. Eilig wurde erst einmal telefonisch der Termin mit den potentiellen Teilnehmern abgestimmt und danach umgehend die erforderliche offizielle Einladungen per e-Mail verschicken. Es begann die Recherche nach Tagungshotels außerhalb von Kigali. Das würde die Bereitschaft zur Teilnahme immense steigern, wurde mir erklärt. Nach mehreren Kostenangeboten und telefonischen Verhandlungen wurden die Hotelübernachtung und die Mahlzeiten gebucht. Außerdem sollte ein Kleinbus gemietet werden, um die PÜNKTLICHE Anreise aller Teilnehmenden sicherzustellen. Und alles selbstverständlich im Rahmen eines vorgegebenen Budgets aus den Projekten, die evaluiert werden sollten. Ich war beeindruckt, wie innerhalb so kurzer Zeit alle relevanten organisatorischen Themen nicht nur bearbeitet, sondern auch gut gelöst wurden. Spätestens bei der dritten Absage von einem Tagungshotel hätte ich Panik bekommen aber meine Kollegin telefonierte stoisch weiter sämtliche Optionen durch und …Volltreffer! Wir bekamen für einen erschwinglichen Preis ein traumhaftes Hotel mit einmaligem Blick.

Die inhaltliche Vorbereitung des Workshops lag ausschließlich in meinen Händen und das bereitete mir aufgrund der verbleibenden Zeit ebenfalls ein wenig Sorge. Eine zusätzliche Herausforderung bestand darin, dass die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmenden blind oder sehr stark sehbeeinträchtigt war. Dementsprechend musste das Arbeitsmaterial auch in Brailleschrift erstellt werden. Das wurde vom RUB Rehabilitationscentrum in Masaka (MRCB) übernommen.

Meine Vorbereitung bestand nun darin, die wichtigsten Dokumente und Konzepte (Strategiepapier, Planungsunterlagen) schnell durchzuarbeiten. Dabei bekam ich Unterstützung von meiner lokalten Sparringspartnerin, Racheal. Sie beantwortete mir alle Fragen und erklärte die notwendigen Zusammenhänge. Als Workshop-Methoden wollte ich zum Einen das bekannte „World-Cafe“ nutzen und in rotierenden Gruppen die gewünschten Inhalte erarbeiten lassen. Entsprechende Leitfragen stimmte ich mit den Kolleg*innen ab. Die Methode würde ich zu Beginn des Workshops intensiver vorstellen und erklären müssen, da Erfahrungen diesbezüglich nur bei wenigenTeilnehmenden vorhanden waren. Zum Anderen würde auch einfache Gruppenarbeit gut geeignet sein, um die vier Schwerpunkte des Strategieplanes auswerten und im Plenum präsentieren zu können. Innerhalb von nur zwei Tagen war mir eine inhaltlich und methodisch vielfältigere Vorbereitung des Workshops auch nicht möglich. Außerdem hatte ich gar keine Erfahrung und Vorstellung davon, wie bereitwillig, offen und intensiv die Kolleg*innen mitarbeiten würden. Daher verzichtete ich auf „auflockernde“ Übungen und „kreative Aktivitäten“ sondern beschränkte mich auf das inhaltliche Erarbeiten.

Gesundheitlich ging es mir zu dieser Zeit auch gar nicht gut. Ich hatte ständige recht heftige Kopfschmerzen und leichte Fieberschübe. Doch ich war in mehrfachen Tests, Corona-negativ, was ohnehin die Voraussetzung für eine Teilnahme am Workshop für alle war. Trotz meines Krankheitsgefühle wollte ich auf keinen Fall das Team enttäuschen und meine Teilnahme so kurz vor meiner geplanten längeren Abwesenheit absagen.

Der Evaluationsworkshop war außerdem die Voraussetzung für ein Treffen meiner Kolleg*innen in der darauf folgenden Woche mit den Projektsponsoren aus Dänemark. Es bestand also keine Möglichkeit, ihn nicht durchzuführen denn die Gäste aus Europa waren bereits eingeladen und die Anreise stand kurz bevor. So organisierte ich mit Hilfe von Racheal in letzter Minute den für die NGO so wichtigen Zweitagesworkshop und war gespannt auf die Ergebnisse.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde aller Teilnehmenden begannen wir auch umgehend mit der Gruppenarbeit. Das vorbereitete Arbeitsmaterial wurde ausgeteilt und jeder Gruppe eine sehende Kolleg*in zugeteilt. Die Präsentation der Inhalte sollte gruppenweise ebenfalls mit einer dafür vorbereiteten Vorlage erfolgen. So wollte ich das lästige Protokollieren ersetzen und Zeit für die Nachbereitung sparen. Außerdem konnten dadurch auch blinde Teilnehmende die formatierte Vorlage befüllen und sich diese über die Sprachausgabe-Funktion an ihrem Laptop vorlesen lassen.

Alle waren motiviert, die Stimmung entspannt und die Versorgung durch das Hotel freundlich und sehr gut. Das Personal versuchten den ungewohnten Umgang mit blinden und sehbeeinträchtigten Gästen so gut wie möglich zu gestalten, Hindernisse zu beseitigen und auf besondere Wünsche nach Begleitung einzugehen.

Am ersten Tag arbeiteten wir von 8:00 bis 17:00 Uhr mit einer kleinen Kaffee-Pause und einer einstündigen Mittagspause. Das war ein sehr ambitionierter Zeitplan für Menschen, die sich aufgrund des fehlenden Sehsinnes enorm auf ihr Umfeld konzentrieren müssen und dadurch schneller ermüden. Am Abend waren dann auch alle platt, ich inklusive!

Tagsüber hatte ich bei mir immer mal wieder „Fieberschübe“ bemerkt. Die heimliche Temperaturmessung mit dem „Corona Thermometer“ des Hotels ergab lediglich 37,6 °C, also nur erhöhte Temperatur. Doch ich fühlte mich schlecht und meine Wangen glühten, so dass mich sogar Kolleg*innen darauf ansprachen. Wird schon! War meine Antwort, was sollte ich auch machen?

Der erste Tag war aus meiner Wahrnehmung erfolgreich. Die Auswertung des mehrere Jahre gültigen Strategieplanes hatte konkret messbare Ergebnisse gebracht aber auch die Offenlegung von Versäumnissen bewirkt. Ich war zufrieden! Daran müsste das Team allerdings im Nachgang weiter arbeiten und Konsequenzen für den zukünftigen Projektablauf ziehen. Eine diesbezügliche Initiierung war bestimmt durch mich erforderlich aber erst nach meinem Deutschlandaufenthalt.

Auch der zweite Tag mit den Themenschwerpunkt „nachhaltiges Arbeiten“ verlief ganz gut. Jedoch hatte ich Schwierigkeiten die „World Café“ Methode verständlich zu machen. Der Ablauf war mit drei „Thementischen“ (Hauptbüro, landesweite Niederlassungen und Rehabilitationnscentrum) sowie den dazu passenden Leitfragen geplant. An jedem Tisch würde ein Gruppen- Facilitator die Moderation übernehmen und jede Gruppe würde jedes Thema einmal diskutieren und Inhalte ergänzen. Die Bearbeitung versprach durch die drei wechselnden Teams umfassender und vielfältiger zu werden. Doch das war den Teilnehmenden nicht so einfach zu vermitteln. Es brauchte eine ganze Zeit bis jeder seinen Platz gefunden hatte und im Arbeitsmodus war. Die Ergebnisse der einzelnen Gruppen wurden erneut in einem vorbereiteten Dokument festgehalten und im Plenum vorgestellt.

Dabei musste ich jedoch feststellen, das der Begriff „Sustainability“ (Nachhaltigkeit) sehr unterschiedlich verstanden und interpretiert wurde. Daher wäre eine Klärung für alle im Vorfeld sehr sinnvoll gewesen. So variierten die erarbeiteten Inhalte und die Ideen sehr stark. Trotzdem war es im Nachgang möglich, Schwerpunkte zum nachhaltigen Arbeiten zu clustern (externe Finanzen, Weiterbildung des Personals und Konzepte), mit denen man weiter arbeiten könnte.

Abschließend wollte ich den Fokus meiner Kolleg*innen bezüglich der anzustrebenden Nachhaltigkeit von dem überbordenden Wunsch nach mehr Finanzen und externen Geldgebern ein wenig relativieren. Daher stellte ich die Fragen: „Welchen persönlichen Beitrag wird jeder Workshopteilnehmer leisten, wenn es KEINE externen Gelder mehr gibt?“

Schweigen im Raum! Einige Minuten Bedenkzeit zum Überlegen. Nacheinander musste jeder Einzelne seinen Beitrag formulieren. Was soll ich sagen? Mir kamen fast die Tränen denn es war ein so anrührender und einmaliger Moment. Jetzt zeigte sich tatsächlich, wie stark emotional verbunden alle Anwesenden vom Vorstand über die ehrenamtliche Mitarbeiterin bis zum Chauffeur mit der NGO sind. Es kamen ganz phantastische und kreative Angebote. Aus meiner Sicht war es für die Direktorin der NGO ganz wunderbar zu hören, wie bereitwillig und tatkräftig sich ihre Kolleg*innen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen würden. Mehr musste man nicht sagen! Ein gelungener Abschluss, der alle zum Nachdenken angeregt und für weitere Diskussionen gesorgt hat.

Was doch alles mit nur ZWEI TAGEN Vorbereitung möglich ist!

Meine „Fieberschübe“ hatten in den zwei Tagen nicht nachgelassen. Daher hatte ich mit Thomas verabredet, dass er mich auf halbem Weg mit dem Auto abholen kommt und wir gemeinsam in ein Krankenhaus fahren würden. Einen Malaria UND einen erneuten Corona-Test wollte ich machen lassen.

Es dauerte mehrere Stunden bis das Ergebnis vorlag. Beide Tests waren negativ. Ich war total erleichtert denn eine Freundin war mit genau diesen Symptomen auf beides positiv getestet worden. Ich hatte also mal wieder das Glück auf meiner Seite!