M&O (Mobilität und Orientierung)

Meine Partnerorganisation hat neben der GIZ zahlreiche andere nationale und internationale Kooperationspartner, die mit unterschiedlichen finanziellen Mitteln, Aktivitäten finanzieren, die meine Kolleg*innen planen und local aber auch national implementieren müssen. Dabei geht es zum Einen darum, blinden und sehbeeinträchtigten Menschen bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen, aber zum Anderen auch darum, die Ruandische Gesellschaft auf die Menschenrechte dieser Gruppe aufmerksam zu machen.

Wer mich kennt weiss, dass ich weniger gern administrative und Managementaufgaben übernehme, obwohl ich diese fast mein ganzes Berufsleben ausgeführt habe. Was für eine Ironie! Viel lieber arbeite ich jedoch „hands on“ mit Menschen und begleite meine Kolleg*innen auf so genannten „field visits“ in entlegene Dörfer oder kleine Orte , in jedem Fall außerhalb der Hauptstadt Kigali.

Daher freue ich mich stets wenn ich Workshops vorbereiten, bei Trainingseinheiten assistieren und dafür Konzepte, Materialien oder Präsentationen entwickeln kann. Ein kürzlich abgehaltenes „Mobilitäts- und Orientierungstraining“ fand in einer Augenklinik in Muhanga, ca. 2 Stunden von Kigali entfernt, statt. Das Personal, welches täglich mit blinden und sehbeeinträchtigten Menschen in engem Kontakt steht, sollte einen persönlichen Eindruck davon bekommen, wie wichtig der Sehsinn für uns Menschen ist und wie man Personen bei Verlust dieses Sinnes entsprechend assistieren kann.

Nach einer zweistündigen Autofahrt teilweise im Schritttempo hinter schrottreifen LKW’s und qualmenden Zweitaktern kamen wir in Muhanga an. Die Augenklinik, ein modernes katholisches Krankenhaus, finanziert und gegründet vom CBM (Christoffel Blindenmission) arbeitet mit zahlreichen internationalen Ärzten zusammen. Die Fachlichkeit des nationalen Personals wird durch internationalen Austausch gesichert.

Eine kurze Kaffeepause vorab in einem kleinen Straßenkaffe, wobei diese Bezeichnung ein wenig übertrieben ist, war möglich. Schließlich erhalten meine Kollegen für solche Dienstreisen (2 h Anreise, 2 h Training und 2h Rückreise) eine Pauschale von ca. 30.000 RwF je nach Profession. Zum Vergleich: unsere Security Guards für’s Haus haben monatlich mit einer 6- Tage-Woche und je 10 Stunden pro Tag knapp 50.000 RwF ausgezahlt bekommen. Willkommen in der Privatwirtschaft! In der Internationalen Entwicklungszusammenarbeit werden jedoch diese Tagespauschalen refinanziert und in den Projekt-Budgets eingeplant und verhandelt. Diese „Allowances“ (Zuschläge) sind ein Teil des monatlichen Einkommens, mit dem die nationalen Kolleg*innen rechnen. Daher finden Workshops und Trainings auch immer außerhalb von Kigali statt, um sicherzustellen, dass diese Zusatzeinnahmen auch tatsächlich fliessen. Damit wird außerdem sichergestellt, dass die Teilnehmenden den Workshop nicht vorzeitig verlassen können, um zu Hause Familienangelegenheiten oder im Büro anderweitige Arbeitsthemen zu klären.

Das Training wurde von zwei Kollegen meiner Partnerorganisation durchgeführt, wovon ein Kollege ebenfalls vor einigen Jahren erblindet ist. Der andere Kollege assistierte und ich war als Fahrer*in und weibliche Teamergänzung dabei. Die Gender-Perspektive wird in Ruanda in bestimmten Bereichen sehr ernst genommen. Das ist jedoch noch einmal ein ganz anderes Thema, worüber man kontroverse diskutieren kann.

Das Training ist als Selbsterfahrungsworkshop konzipiert. Jeder Teilnehmende bekommt mit einer gepolsterten Augenbinde die Augen verbunden und muss sich mit einem weissen Blindenstock den Weg zu einem bestimmten Ort in der näheren Umgebung bahnen. Einerseits ist das natürlich ein Riesenspass für die Teilnehmenden aber auch für die Öffentlichkeit, die natürlich Zeuge des Spektakels wird. Andererseits reflektieren die Teilnehmenden im Anschluss stets ihre Erfahrungen und wissen nun, wie sie sich adäquater gegenüber blinden und sehbeeinträchtigten Patient*innen verhalten können. „Schau mal dort!“ oder „Hier befindet sich…!“ sind Aussagen, die ein blinder Mensch nicht nachvollziehen kann. Detaillierte Beschreibungen des Umfeldes und Angaben der Richtung mit hinter dir, vor dir, rechts oder links von dir…sind unbedingt notwendig und ermöglichen blinde Personen die Orientierung in ihrem sozialen Umfeld.

Dadurch dauern Aktivitäten, die von blinden Menschen durchgeführt werden verständlicherweise länger. Es müssen nicht nur umfangreichere Erklärungen sondern auch mehr Pausen zur Entspannung eingeplant werden. Die Aufmerksamkeitsspanne ist geringer, da das Gedächtnis intensiver arbeiten und die verbliebenen vier Sinne das fehlende oder eingeschränkte Sehen kompensieren müssen. In Ruanda gibt es leider keine bzw. nur sehr vereinzelt taktile, auditive oder technische Hilfsmittel, die das Lernen oder Orientieren erleichtern könnten. Demzufolge sind Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen viel stärker auf Beschreibungen und Hilfe von Dritten angewiesen, wodurch diesen Trainingseinheiten in Orientierung und Mobilität eine ganz entscheidende Bedeutung zukommt.

Für zukünftige Workshops möchte ich gern stärker an der Entwicklung auditiver Trainingsmaterialen arbeiten. Dazu werde ich bald Gelegenheit haben, da ein dreitägiger Workshop zum Thema „sexualisierte geschlechtsspezifische Gewalterfahrung“ geplant ist. Die Zusammenarbeit mit „Rwanda Bookmobile“, von der ich schon berichtet habe, wird mir dabei helfen denn mit dieser lokalen NGO habe ich bereits auditives Material zusammengestellt und bin auf dessen Einsatz im Workshop sehr gespannt.

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