Schreck am Morgen

Gestern bin ich gegen 7:00 Uhr aufgestanden. Beim Aufziehen der Vorhänge zeigte sich ein wolkenverhangener trüber Himmel, es würde also im Tagesverlauf regnen. Wir befinden uns ja auch noch mitten in der „großen Regenzeit“ (April bis Juni)! Also alles normal und durchaus üblich. Ich ging die Treppen runter und wollte in der Küche Kaffeewasser aufsetzen, als es an der Hintertür klopfte. Alex, unser Tagesguard versuchte mir auf englisch irgendetwas zu sagen. Ich verstand jedoch kein Wort. Auch das war normal und so nickte ich nur, schloss die Tür und setzte Kaffeewasser auf. Als ich dann jedoch die Gardinen im Wohnzimmer zur Seite zog, schauten mich vier weitere Security-Männer an. Aber nur einen davon kannte ich, unsere Nachtwache- Donatien. DAS war jetzt unüblich!

Schnell zerrte ich meinen Mund-Nasenschutz aus einer Tasche hervor und ging zu den bereits heftig diskutierenden Männern in den Garten. Auf meine Nachfrage, was das hier alles zu bedeuten habe, wurde mir erklärt, dass in der Nacht Einbrecher auf unserem Grundstück gewesen waren und daher der Sicherheitschef persönlich gekommen war und ein Ermittler gerufen wurden.

Donatien’s Hände zitterten noch als er berichtete, dass er zwei Diebe gegen 3.00 Uhr morgens auf frischer Tat auf unserem Grundstück ertappt hatte. Sie wollten gerade über den Zaun flüchten. Ihre Fußspuren (barfüssig) waren auch am Morgen auf der regennassen Erde noch genau zu sehen und die Einmauerung des Zaunes war beim ersten Versuch darüber zu flüchten ausgebrochen. Donatien hatte versucht, die Diebe aufzuhalten und es war zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung gekommen, bei der sogar ein Klappmesser gezückt wurde. Eine leichte Schnittwunde an seinem Unterarm war sichtbar. Oh Gott! Davon hatten wir, tief schlafend, gar nix mitbekommen! Aber wieso hatte Donatien denn nicht laut um Hilfe gerufen oder sich irgendwie bemerkbar gemacht? Gott sei Dank war ihm nix Schlimmeres passiert aber der Schock stand ihm noch ganz deutlich ins Gesicht geschrieben.

Außer drei Paar Schuhen von Thomas und einer Standluftpumpe fehlte uns nix. Das leere Schuhregal stand wie zum Spott in der Ecke auf unserer Terrasse und schien uns sagen zu wollen: „Wer so dumm ist, Sachen auf der Terrasse stehen zu lassen, muss dafür bestraft werden.“

Der Vorfall wurde an RIB (Rwanda Investigation Bureau) übergeben aber große Ermittlungen werden selbstverständlich nicht stattfinden. Solche kleinen Einbrüche und Diebstähle sind leider üblich.

Für uns ist das alles andere als eine Bagatelle. Wir sind etwas beunruhigt. Es ist aus unserer Wahrnehmung vermutlich vielmehr ein Zeichen dafür, dass die Bevölkerung durch die langanhaltenden Corona-Schutzmaßnahmen, die Ausgangssperren und die zwei Lockdowns tatsächlich in Not ist und selbst einfache Sachen wie Schuhe und Lebensmittel dringend benötigt. Den Motorradhelm und unsere Fahrräder (auch alles auf der Terrasse abgestellt) haben die Diebe schließlich nicht im Visier gehabt. Teure „Muzungu-Dinge“ verkaufen zu wollen, stand also nicht auf ihrem Plan.

Bei einer Kollegin von Thomas wurde vor wenigen Tagen auch das Grundstück „besucht“ und die Diebe haben Kartoffeln mitgenommen. Ja, Kartoffeln! Das ist irgendwie beängstigend und traurig. Wir fühlen uns hilflos.

Unsere „Umudugudu Chefin“ haben wir auf jeden Fall über die Vorkommnisse der Nacht informiert und sie hat daraufhin die gesamte Nachbarschaft in Kenntnis gesetzt. Außerdem haben wir gebeten, über Hilfen für die Dorfbevölkerung nachzudenken. Aber das geht alles nur den hierarchischen Weg. Schließlich wollen und müssen wir uns hier einordnen und die Regeln befolgen. Das ist manchmal schwer aber es macht auf alle Fälle Sinn. Eigenmächtige Entscheidungen und Handlungen bringen nix sondern bewirken hier manchmal nur das genaue Gegenteil.

Corona Impfstrategie

Die Wochen und Monate vergehen. Corona bleibt! Gott sei Dank sind die Zahlen an Neuinfektionen weiter gesunken und die Schutzmaßnahmen wurden daher gelockert. Seit mehr als einem Jahr hat die ruandische Regierung eine Ausgangssperre verhängt, die in den letzten Wochen in Abhängigkeit der Entwicklung der Coronaneuinfektionen zwischen 19:00 Uhr und 21:00 Uhr hin- und herpendelte. Jetzt wurde sie erstmalig um eine weitere Stunde nach hinten, auf 22.00 Uhr verschoben. Auch die Fitnessstudios dürfen wieder öffnen. Diese Erleichterungen gelten vorerst nur bis 30.05. und wurden am 05.05. bekanntgegeben.

Diese positive Entwicklung ist aus meiner Wahrnehmung nach wie vor nur mit den sehr strengen Regelungen, den vielfältigen und dauerhaften Kontrollen sowie den im März begonnenen ersten ca. 350.000 Impfungen zu erklären. Diese wurden durch das WHO COVAX-Spendenprogramm (Covid-19-Vaccines Global Access) an Ruanda ausgeliefert.

Anders als in Deutschland gibt es keine „Impfstrategie“. D. h. ein System, nach dem geimpft werden soll, ist nicht bekannt und in der Umsetzung auch nicht ersichtlich. Zum einen wurden vereinzelt Menschen mit speziellen Bedürfnissen geimpft, sofern sie durch Vertreter von Hilfsorganisationen zu den Impfstellen begleitet wurden. Auch medizinisches Personal wurde punktuell berücksichtigt. Zum anderen kamen zahlreiche Regierungsmitarbeitende in den Ministerien aber auch in deren ausgelagerten lokalen Organisationen wie z. B. RISA an die Reihe. Sie sind die einzige Personengruppe, die digital erfasst und daher vollständig greifbar ist. Begründete Kategorien, die die Impfstoffvergabe eindeutig nachvollziehbar machen, gibt es bisher nicht. Wer zuerst kommt, nachdrücklich fordert oder jemanden kennt und dann auch noch Glück hat, bekommt eine der wenigen Impfungen. Zu diesen Personen zähl z. B. auch Beth. Sie hatte einige ihrer blinden Klienten begleitet und auf eine Impfung bestanden.

Obwohl Thomas auf ausdrücklichen Wunsch seines ruandischen Arbeitgebers kurzfristig und über Nacht an einem Dashboard zur Darstellung des Impfverlaufes und Impfstatus gearbeitet hatte, war er jedoch nicht Teil der „Impfstrategie“. Alle seine Kollegen wurden für einen Tag von der Arbeit freigestellt und geimpft. Er war als einziger im Büro und arbeitete weiter.

Da war sie dann plötzlich, die erste persönliche Erfahrung von Diskriminierung. Thomas fühlte sich benachteiligt, ausgenutzt und im unmittelbaren Vergleich mit seinen Kollegen diskriminiert. Auf Nachfrage von ihm aber auch von einigen seiner Kollegen beim Vorgesetzten, weshalb er nicht ebenfalls geimpft werde, war die Antwort: „Nur ruandische Staatsbürger werden geimpft.“

Generell ist diese Einstellung natürlich nachvollziehbar und verständlich. Die wenigen Impfdosen sollen nicht für die im Land arbeitenden ausländischen Entwicklungshelfer, Consultants oder integrierten Fachkräfte ausgegeben werden. Sie haben mit Sicherheit alle Zugang zu anderen Impfmöglichkeiten in ihren Heimatländern. Trotzdem liess sich das Gefühl, diskriminiert zu werden, nicht verdrängen.

Leider bekommt die GIZ keine Impfdosen nach Rwanda geliefert, um ihre Mitarbeiter hier vor Ort versorgen zu können. Alle Angestellten müssen auf eigene Kosten in ihre Heimatländer fliegen, um dort ihren Anspruch entsprechend der Landesregelungen geltend zu machen. Daher reisen nun Schritt für Schritt die GIZ-Mitarbeitenden aus, sind wochenlang abwesend bzw. arbeiten nur remote. Schließlich muss jeder für einen vollständigen Schutz auf die zweite Impfung nach 4 bis 6 Wochen warten. Der Aufwand ist enorm. Jedoch auch wir werden die Chance ergreifen und Ende Mai nach Deutschland reisen.

Auf Familie, Freunde und Bekannte freuen wir uns schon riesig. Hoffentlich legen uns mögliche Nebenwirkungen der Impfung nicht lahm, so dass wir alle Besuche nach 9 Monaten der Abstinenz einfach nur genießen können.

Berlin, wir kommen!!

Aller Anfang ist schwer?

Unser IT Trainingsprogramm hat nun begonnen und nimmt richtig Fahrt auf. Zweimal wöchentlich treffen sich zwei Gruppen mit je 9 Teilnehmern von 8:00 bis 16:00 Uhr in den von uns angemieteten Räumen in Kicukiro. Internet ist unterdessen auch eingerichtet, die technischen Geräte funktionieren und auch das tägliche Registrieren mit Fingerabdruck in den vorbereiteten Listen geht unterdessen reibungslos. Läuft also!

Täglich haben wir Anfragen, ob wir unser Programm nicht erweitern können. Das Interesse ist unerwartet groß. Daher haben wir bereits in der Fortgeschrittenengruppe von Anfang an einen Platz zusätzlich geschaffen. Die Räume sind jedoch klein und wir müssen schließlich die Corona-Schutzmaßnahmen einhalten. Also ist eine Kapazitätserweiterung nur sehr begrenzt möglich. Auch unser Budget ist nicht üppig bemessen, so dass wir mit den Zahlungen für das Mittagessen und für die Fahrtkosten für exakt 18 Personen plus Lehrer und Assistenz kalkulieren müssen.

Daher besteht unser langfristiger Plan nun darin, zwei unentschlossene und häufig unpünktliche Teilnehmerinnen aus der Gruppe der Beginner zu verabschieden und somit diese Gruppe auf 7 Teilnehmende zu reduzieren. Dafür werden wir die Kapazität in der Fortgeschrittenengruppe um einen weiteren Platz auf dann 11 Personen erhöhen.

Ich hätte nicht erwartet, dass tatsächlich so viele Teilnehmende (fast) pünktlich 8:00 Uhr vor der Tür stehen und auch regelmäßig bis zum Ende der Veranstaltung bleiben. Die Aussicht, vielleicht einen der begehrten Jobs zu bekommen, den Fidence für sein Business „Park & Pick“ in Aussicht gestellt hat, scheint die Motivation extrem zu steigern. Das freut mich sehr! Unser Anspruch bzw. unser Konzept ist schließlich auch darauf ausgerichtet, die Fähigkeiten der Einzelnen für einen Job zu trainieren und Praktika oder „Mini-Jobs“ zu vermitteln. Aus diesem Grund hatten wir auch sehr gern mit Fidence und seinen Businesspartnern kooperiert. Mal sehen in welchem Umfang uns das mit anderen Unternehmen noch gelingt.

Drei blinde junge Männer aus der Fortgeschrittenen-Gruppe haben wir bereits in ein Programm der GIZ vermittelt. Dort arbeiten sie mit an einem Chat-Bot in Kinyarwanda rund um das Thema „Corona-Virus“. Die drei reviewen Spracheingaben. Dafür erhalten sie ein monatliches Gehalt von 200 EUR über vorerst 6 Monate. Sofern das Projekt erfolgreich ist, besteht für sie die Aussicht auf Verlängerung und der Chat-Bot wird um die Sprache Suaheli erweitert. Danach haben die drei auf jeden Fall mehr berufliche Erfahrungen und fühlen sich sicherer, ihr Wissen und Können ggf. sogar in der Selbständigkeit anzubieten.

Es ist richtig schön zu beobachten, wie die Mitglieder innerhalb der Gruppe interagieren, sich gegenseitig helfen und interessiert Fragen stellen. Die Stimmung ist gut und unsere Organisation mit der Finanzierung des Mittagessens und der Fahrtkosten kommt sehr gut an.

Am Freitag findet regelmäßig ein Review-Meeting mit den Lehrern, der Assistentin, Beth und mir statt. Ein reger Austausch über Erfolge und Verbesserungen ist möglich und wird dankbar angenommen. Bisher bin ich sehr zufrieden. Von wegen, aller Anfang ist schwer! Diesmal habe ich für die praktische Umsetzung des Projektes jedenfalls nicht das Gefühl.

Ich hoffe allerdings sehr, dass die Bereitschaft zur Mitarbeit und zum Lernen anhält und nicht nur ein anfängliches Strohfeuer ist. Schließlich haben wir noch weitere 5 Monate vor uns.

Mit diesem Gruppenfoto wird Beth für „Seeing Hands Rwanda“ und speziell für die Fähigkeiten blinder junger Menschen Werbung in den Sozialen Medien machen. Dadurch hoffen wir, sowohl Sponsoren, als auch interessierte Arbeitgeber zu finden.

Daumendrücken ist also angesagt!

Sonnenschutzdach

Eine geeignete Sitzmöglichkeit während des 12-Stunden Dienstes für unsere Guards hatten wir bereits vor einigen Monaten geschaffen. Der Tisch- und Stuhlkauf waren seinerzeit ein nervenaufreibendes Abenteuer. Zu unserem großen Erstaunen wurde beides jedoch von allen Guards nicht so gern und regelmäßig genutzt, wie wir es erwartet hatten. Auf Nachfrage erklärten sie uns, der Stuhl sei unbequem und der Standort schlecht, da es kein Sonnenschutzdach gäbe. Hmmm! Letzteres konnte ich gut verstehen aber über die fehlende Bequemlichkeit des Stuhls war ich doch etwas verärgert. Schließlich hatte uns ein Guard beim Einkauf begleitet und mehrfach „Probe gesessen“. Eigentlich sollten die Guards ja auch im Gelände umherlaufen, am Tor Präsenz zeigen, lärmende Schülergruppen verscheuchen, bettelnde Passanten abwimmeln und nur ab und an bequem mit verschränkten Beinen im Schatten sitzen. Aber da trafen wohl wieder einmal unsere unterschiedlichen Vorstellungen aufeinander. Gesprochen hatten wir über dieses Thema schon einige Male.

Nun gut! Ein Sonnenschutz musste her, das war ganz klar und gleichzeitig ein Schutz vor Wind und leichtem Regen wäre auch nicht verkehrt. Also bräuchten wir doch nicht nur einen Sonnenschirm sondern eine nachhaltige aber einfache Konstruktion aus leichten Materialien.

Der Kostenvoranschlag von unserem Tischler des Vertrauens betrug 700 EUR! Äh? Wie war das? Hatte er sich in seiner WhatsApp Nachricht an uns vertippt? Ok, er korrigierte das Angebot tatsächlich noch einmal. Auf 520 EUR! Und ohne Fußbodenpodest könnten wir es auch für 450 EUR bekommen aber das sei nun sein letztes Angebot! Ja Wahnsinn! Wir bräuchten nur eine dicke Holzleiste und eine Metallstange als Ständerwerk. Der Rest der Konstruktion würde auf dem bereits vorhanden Zaun und einer seitlichen Wandabtrennung aufliegen. Dann noch ein paar Dachträger aus schmalen Holzleisten und ein darauf genageltes Wellblechdach…das alles sollte diesen Preis rechtfertigen? Das war doch wohl die Frechheit!

Wir fragten Florant, unseren Gärtner, ob er eine Idee für unser Problem habe. Klar, hatte er, und er war mega froh über die Aussicht, sich etwas dazuverdienen zu können. In seiner Nachtschicht als Guard setzte er sich sofort hin und zeichnete seine Idee auf ein Stück Papier. Am nächsten Morgen präsentierte er Thomas stolz sein Modell. Einfach und funktional. Gemeinsam planten die Männer nun das benötigte Material: etliche Holzbretter, ein dickerer Holzbalken, eine Metallstange, die im Boden einbetoniert werden sollte, Wellblechbahnen, Schrauben, Nägel und grüne Farbe für einen frischen Anstrich. Am nächsten Tag würden beide in den „Baumarkt“ fahren, um einzukaufen. Mit dem Maßnehmen haperte es ein wenig, so dass Thomas mehrfach korrigierend eingreifen musste aber die Freude am Werkeln war Florant anzusehen.

Bevor es jedoch richtig los gehen würde, brauchten wir noch die „Baugenehmigung“ von einer lokal zuständigen Administration. Darauf hatte uns unser Nachbar Etienne hingewiesen, und er wollte sich auch gleich darum kümmern. Ein Anruf genügte und er gab uns grünes Licht für eine „Leichtbauweise ohne gebrannte Ziegel“.

Am nächsten Tag sägte, hämmerte und schraubte Florant. Der diensthabende Tages-Guard half ebenfalls mit. Auch er war sichtlich erfreut darüber, mal etwas Abwechslung im Wachschutz-Arbeitsalltag zu haben. Manchmal sprang Thomas jedoch erschrocken von seinem Schreibtisch auf und rannte nach draußen, zückte die Wasserwaage und half, alles ins Lot zu bringen und auf das eine oder andere „Bauhindernis“ aufmerksam zu machen. Doch alles in allem lief es richtig gut und wir waren sehr zufrieden. Auch Thomas schien erfreut darüber, in kurzer Zeit mal ein sichtbares Ergebnis mit relativ geringem Aufwand hervorgebracht zu haben. Kosten: 194 EUR!

Nun sind alle Guards zufrieden. Sie sitzen bei Sonne im Schatten und bei Regen im Trockenen aber immer an der frischen Luft. Das kleine Räumchen hinter unserem Haus nutzen sie nur noch zum Umziehen. Ab und an bekommen sie von mir auch noch einen Tee mit Milch und Keksen gereicht und fühlen sich dadurch bei uns schon sehr wohl. So soll es sein!

Da Florant so hoch motiviert war, haben wir auch gleich noch drei Hochbeete hinter dem Haus für unsere Kräuter und die Tomaten sowie einen Blumentopf von ihm gezimmert bekommen.

Wir hoffen doch sehr, dass sich unser Vermieter und auch unsere potentiellen zukünftigen Nachmieter (das dauert aber noch ein wenig) auch darüber freuen und die „Einbauten“ übernehmen werden.

Auftakt

Wir hatten im Namen von „Seeing Hands Rwanda“ 19 Institutionen wegen Räumlichkeiten für das geplante IT-Training für blinde junge Männer und Frauen angefragt und alle hatten uns bisher abgesagt. Sehr diskret teilte man uns stets mit, man sei auf diese Zielgruppe nicht eingerichtet. Was das heissen sollte, wussten wir nur zu genau.

Daher waren wir sehr froh, dass durch persönliche Beziehungen im Freundes- und Bekanntenkreis von Beth der Kontakt zu Fidence und seinem Unternehmen „Park & Pick“ zustande kam. Nach zähen Mietvertragsverhandlungen, in denen sich die Bedingungen immer mal wieder änderten (Internet, Anzahl der Räume, Mietzahlungen im Fall weiterer Lockdowns), waren wir uns einig geworden und mieteten ab April halbwegs geeignete Räume an. Endlich war es soweit!

Aufgrund der Gedenkwoche anlässlich des 27. Jahrestages des Genozids gegen die Tutsi (07.04.1994) und durch die Osterfeiertage konnten wir jedoch erst ab 16.04. tatsächlich die Räume beziehen und nutzen. Die Auftaktveranstaltung mit allen potentiell interessierten Teilnehmenden sollte am 15.04. stattfinden. Am 14.04. wurden diesbezüglich alle telefonisch von Beth darüber informiert und am 16.4. wollten wir offiziell mit dem Training beginnen.

Längerfristige Planungen sind im jetzigen Umfeld, in dem Umfang und mit der Qualität wie ich es aus meiner bisherigen beruflichen Tätigkeit kenne, nicht möglich. Daher ist die gesamt Organisation des Trainings nicht nur finanziell eine große Herausforderung für mich sondern ganz besonders die Detailplanung. Meine Anpassungsfähigkeit, Spontanität und Improvisationsfreude werden immer wieder aufs Neue auf eine harte Probe gestellt.

Unerwarteter Weise erschienen zur Auftakt- und Informationsveranstaltung 25 blinde Männer und Frauen. Innerhalb eines nicht kommunizierten Zeitfensters von 2 Stunden waren auch alle irgendwie pünktlich. Es hatte sich offensichtlich herumgesprochen, dass es die Möglichkeit eines finanzierten IT-Trainings geben würde. Die Aussicht auf ein regelmäßiges warmes Mittagessen sowie die Erstattung der Fahrtkosten waren wohl ebenfalls ein Pluspunkt und weckten das Interesse relativ Vieler.

Selbstverständlich hatten wir uns zu Corona-Schutzmassnahmen Gedanken gemacht, obwohl wir wesentlich weniger Interessenten erwartet hatten. Die Abstände der Stühle waren von uns entsprechend berücksichtigt worden. Doch mit blinden Menschen ist das Einhalten von Abständen fast aussichtslos, außer man stellt jedem einen Assistenten zur Seite. Da die Umwelt von ihnen taktil erfahren wird, ist auch ein „Verbot“, Dinge oder Personen in persönlichem Kontakt zu berühren, ausgeschlossen. Das anschließende regelmäßige Händewaschen wird fast zur Unmöglichkeit und nimmt enorm viel Zeit in Anspruch. Wir gaben jedoch unser Bestes. Mit Händedesinfektionsspray versuchten wir, so gut wie möglich die Hygienevorschriften annähernd einzuhalten. Das Leichteste war für uns, die Fester dauerhaft offen zu halten und intensiv zu lüften. Die Außentemperaturen lassen das uneingeschränkt zu. Auch das erstmalige Betreten der Räume nacheinander war einfach umzusetzen, da eine extra eingestellte Assistentin jeden Einzelnen zu seinem Platz führte. In den Pausen brach jedoch „Chaos“ aus, denn dann steht und geht jeder der Teilnehmenden, wo er halt geht und steht. Wir versuchten zu intervenieren, sobald es zu engen Gruppenbildungen kam. Eine enorme Herausforderung!

Wir freuten uns trotzdem über das unerwartet große Interesse an einem halbjährigen IT Training, würden uns jedoch für 18 Teilnehmende entscheiden müssen, davon 9 IT-Anfänger und 9 IT-Fortgeschrittene. Wie diese Eingruppierung entschieden würde, war mir völlig schleierhaft. Callixte, der Trainer kannte zwar etliche der Interessenten persönlich aus der „Blinden-Community“ aber die tatsächlichen IT-Fähigkeiten der Einzelnen konnte er nicht wirklich einschätzen. Mein Vorschlag, einen minimalen Aufnahmetest durchzuführen, wurde abgewählt. Zu aufwendig! Dann würde es anders gehen müssen. Auch über Evaluations- und Monitoring Maßnahmen hatten wir bisher nicht umfänglich gesprochen. Kurzberichte an die Amerikanische Botschaft zum allgemeinen Verlauf würden reichen müssen und waren üblich. Auch gut! Allerdings hatte ich über LinkedIn Kontakt mit einer Amerikanerin bekommen, die sich anbot, uns kostenlos mit Fragebögen zur Evaluation zu unterstützen. Mal sehen, was sich daraus entwickeln würde.

Die persönliche Registrierung jedes einzelnen Teilnehmenden mit Fingerabdruck als Ersatz für die Unterschrift dauerte zwei Stunden. Dazu musste erst einmal eine Anwesenheitsliste für die Anfänger- und eine für die Fortgeschrittenen-Klasse erstellt und diese ausgedruckt werden. Ich war mehrfach versucht, einzugreifen, um den Prozess zu beschleunigen und die erforderlichen 9 Namen einfach ganz schnell einzutragen. Doch ich hielt mich zurück. Mit dem Laptop vor sich auf einem Stuhl und mit Hilfestellung von Jeanette, der Assistentin, gab Callixte sein Bestes, die erforderlichen Listen möglichst schnell zu erstellen. Er musste zusätzlich der enormen Geräuschkulisse der sich lautstark unterhaltenden 25 Teilnehmer trotzen. Was für eine mega Leistung. Mir schwirrte dagegen schon lange der Kopf.

Auch in den nächsten Tagen würden wir weiterhin viel improvisieren müssen. Noch war nicht die komplette Ausstattung der Räume mit Tischen und Stühlen vorhanden. Auch Steckdosen gab es nur zwei. Wir würden jedoch mindestens 10 verschiedene technische Geräte anschließen müssen, also mussten noch Verlängerungskabel besorgt werden. Hoffentlich würde die Stromversorgung generell mitspielen.

In der Toilette gab es gerade kein Wasser, die Pumpe war spontan ausgefallen. Dafür existierte im Bad eine Stolperstufe, die jedesmal angesagt bzw. an die die Teilnehmenden erinnert werden mussten. Auch einen stabilen Internetzugang würde ich noch besorgen müssen. Das „Angebot“ von Canalbox in Form eines Werbeflyers für monatlich 40 EUR mit 50 Mbps lag mir bereits vor. Der Router würde nochmals 40 EUR kosten und es würde 7 Tage dauern, bis alles installiert wäre. In der Zwischenzeit…? Keine Ahnung! Vermutlich unser privater mobiler Router. Aber die 80.000 RWF mussten wir schon in Voraus bezahlen. Wann dann der tatsächliche Anschluss zu erwarten war…??? Überraschung!

Trotz aller noch zu behebenden „Mängel“ war es eine sehr gelungene Auftaktveranstaltung. Die Informationen zum Trainingsablauf waren sehr professionell zum Einen in englisch und zum Anderen in Kinyarwanda von Callixte vorgetragen worden. Außerdem hatte ich auch das Gefühl, dass sich alle ungemein darüber freuten, sich nun mal wieder regelmäßig zu treffen. Ein reger Austausch untereinander, herzliches Lachen und sogar gemeinsames Singen zeigten mir deutlich, dass es ganz wunderbar lief und sich alle wohlfühlen.

Ich wünsche mir sehr, dass auch das eigentliche Training so positiv verläuft und wir gute Schulungsergebnisse erzielen. Das Projekt werde ich nun weitere 6 Monate begleiten.