„Orbit Reader 20“

Seit September 2020 organisieren Beth von „Seeing Hands Rwanda“ und ich intensiv das geplante IT-Training für 18 blinde junge Menschen zur Vorbereitung auf einen Job. Dafür haben wir von der Amerikanischen Botschaft in Kigali 17.000 $ US zur Verfügung gestellt bekommen. Sollte alles kein Problem sein, dachten wir. Doch es ist ganz unglaublich, welchen Herausforderungen wir uns stellen mussten.

Das Wichtigste war die technische Ausstattung. Ohne „Orbit Reader 20“ ginge einfach gar nichts. Unter dieser Bezeichnung versteht man ein technisches Hilfsmittel, mit dessen Unterstützung Blinde am PC, am Laptop aber auch mit einem Smartphone verbunden, arbeiten können. Beth wollte für ihre NGO 5 Orbit Reader, 5 Laptops, 5 Smartphones, 5 Head-Sets und etliche Speicherkarten für das Training erwerben, um auch nach dessen Beendigung weitere Schulungs- und Übungseinheiten anbieten zu können. Während des Trainings würden sich zwei Teilnehmende ein Gerät teilen und abwechselnd üben müssen. Sofern ein Trainee irgendwann eine Anstellung erhalten würde, könnte der Arbeitgeber bei „Seeing Hands Rwanda“ die Ausstattung gegen eine Leihgebühr erwerben und im Arbeitsalltag einsetzen. Doch bis dahin war bzw. ist es noch ein ganz weiter Weg.

Leider ist das Ausleihen spezifischer technischer Hilfsmittel z. B. von staatlichen Organisationen wie dem NCPD (National Council for People with Disability) nicht möglich. Daher mussten wir die Geräte bestellen. Kosten: 699 $ US für ein Gerät aus Tansania. Das war natürlich mit unserem Budget auf keinen Fall vereinbar. Über einen Online-Anbieter in den USA, wo diese Geräte originär hergestellt werden, betrugen die Kosten „nur“ 399 $ US pro Gerät. Wir würden uns also nur 4 „Orbit Reader 20“ leisten können. Eine Bestellung außerhalb Amerikas war online allerdings gar nicht möglich, daher fragte ich einen Freund in Florida an, ob ich in seinem Namen bestellen und die Lieferung zu ihm schicken lassen könnte. Er würde später das Paket an die DHL-Zentrale in Kigali weiterleiten. Gesagt, getan, geschickt, gewartet!

191 EUR kostete der DHL- Versand von Florida nach Kigali inklusive einer „Verlustversicherung“. Das Paket wog 3 kg und hatte einen Wert von 1.600 $ US. Es folgten weitere 118 EUR Zollgebühren und 20 EUR für die erforderliche Lagerung der Geräte am Flughafen aufgrund der noch zu klärenden Steuerzahlung. Diese betrugen später dann weitere 112 EUR. Dies war jedoch schon der reduzierte Steuerbetrag, da wir technische Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung ins Land einführten.

Eine Steuerbefreiung als NGO mussten wir jedoch erst beim Ministerium für Gesundheit beantragen. Wenig später stellte sich allerdings heraus, dass das IT-Ministerium angeblich dafür zuständig sein sollte. Vorher benötigten wir erst noch eine Bestätigung vom NCPD, dass „Seeing Hands Rwanda“ tatsächlich für Menschen mit Behinderung tätig ist, sonst würde es gar keine Steuerermäßigung geben. Außerdem musste eine schriftliche Steuerschätzung von der Steuerbehörde vorliegen. Doch diesbezüglich gingen die Informationen auch auseinander. Einmal sollte die Schätzung bereits vor der Einfuhr der Geräte ins Land vorliegen, ein anderes Mal sollte die Technik schon in Rwanda eingetroffen sein, um dann eine Steuerschätzung abgeben zu können.

Das IT Ministerium müsste auch im Vorfeld bestätigen, dass die von uns gewählten technischen Geräte als Hilfsmittel für blinde Menschen geeignet und daher steuerreduziert zugelassen sind. Doch selbstverständlich wollte und konnte dieses Ministerium die geforderte fachliche Aussage nicht treffen. Daher sollte erneut das NCPD diese Bestätigung vornehmen. Doch auch diese Behörde sah sich nicht in der Verantwortung und verwies uns zu einer anderen NGO „Rwanda Union of the Blind“.

So verging die Zeit! Von der Bestellung am 19.11.20 bis zur tatsächlichen Abholung am 06.01.2021 drehten wir uns mit den Behörden Tag täglich im Kreis. Man schickte uns von A nach B und von B wieder zu A. Es war zum Verzweifeln!

Schließlich war das DHL Paket aus Florida am Flughafen in Kigali angekommen und wir hatten immer noch keine Steuerbefreiung, nur unterschiedliche Anträge bei verschiedenen Institutionen gestellt. Nun wurde es ernst und wir hatten richtig Sorgen, dass uns die (Steuer)Kosten und damit das bewilligte Budget von der Amerikanischen Botschaft explodieren würden. Doch dafür war es nun ohnehin zu spät.

Wir suchten unverzüglich die Steuerbehörde auf, zahlten weitere 55 EUR für das Ausfüllen eines Formulars, was wir bei einer anderen Behörde am Vortag für 2 EUR erst erwerben mussten. Die Sachbearbeiterin war dann total hilfsbereit, als sie unsere verzweifelten und genervten Gesichert sah und gab in das Formular ganz einfach einen standardisierten „IT- Steuer- Code“ ein, unter den die „Orbit Reader 20“ der Beschreibung nach fallen könnten. Errechnet wurden nun die bereits erwähnten 112 EUR. Wir waren erleichtert. Es war zwar immer noch viel Geld für unser kleines IT-Budget aber wir waren zufrieden über den unerwartet schnellen und unkomplizierten Ausgang der beantragten Steuerbefreiung.

Beth holte die Geräte vom Flughafen ab. Eine wichtige Sache war damit erledigt, nun würden weitere organisatorische Herausforderungen zu meistern sein: Schulungsräume müssten gefunden, Teilnehmende ausgewählt, ein Catering für das Mittagessen organisiert und ein zuverlässiger IT-Trainer gefunden werden.

Jetzt nur keine weitere Zeit verlieren, auf ein Neues!

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