Indische Zeit

Heute habe ich zum ersten Mal den Unterschied zwischen deutscher und indischer Zeit erfahren.
Wir waren 14 Uhr zu einer Tanzaufführung eingeladen worden, die im Kulturhaus von Sangola stattfinden sollte. Da wir die Sonntagsmittagshitze ruhig und entspannt im klimatisierten Bollywood-Filmkino verbringen wollten, sagte Thomas erst für 15 Uhr zu. „Das reicht für indische Zeitverhältnisse auch noch aus!“, meinte er.
Da das Kino leider gar nicht geöffnet hatte, bummelten wir über einen phantastischen Lebensmittelmarkt in der Stadt. Dort besorgten wir etwas Gemüse für die nächsten Tage, da wir schließlich weiterhin so lecker bekocht werden möchten!
Nach etlichem Hin und Her und einigen Telefonaten mit dem Veranstalter, wo wir uns mit ihm treffen sollten, kamen wir gegen 15:15 Uhr in dem Kulturhaus an. Baba, der uns zur Tanzaufführung begleiten wollte, um netterweise darauf zu achten, dass wir nicht von einer Zeremonie zur nächsten weitergereicht werden, kam zeitgleich mit uns an. Das Kulturhaus kann man für richtig große Veranstaltungen ab 200 Personen (z. B. Indische Hochzeiten) buchen. Einige Besucher waren bereits da. Moderne indische Musik dröhnte aus riesigen Lautsprechern, ein Moderator war noch beim Soundcheck und Kinder tobten die Gänge entlang. Es war ein ohrenbetäubender Lärm. Alle Besucher waren festlich gekleidet und wir wurden gleich in die erste Reihe des riesigen Saales platziert. Dort standen dunkelrote, mit Goldmuster versehene Metallbänke, die jedoch noch mit der Einkaufsschutzfolie bespannt waren. Nach wenigen Sekunden war ich durchgeschwitzt und ich befürchtete nasse Schweissflecken beim Aufstehen.
Der Veranstalter kam und erklärte uns, das Tanzevent würde in 10 Minuten beginnen und vorher könnten wir uns ja noch traditionelle „Rangoli“ anschauen, die heute während eines Wettbewerbs entstanden seien. Außerdem sollten wir am Ende der Veranstaltung gegen 18:00 Uhr den 3 besten Tanzperformances die Preise übergeben. Ich bekam schlechte Laune aber nun ging es ja erstmal zu den „ Rangoli“.

Das sind auf den Fußboden aufgebrachte Sandgemälde. Mit feinstem, farbigen Sand werden wundervolle Muster gestaltet. Diese entstehen häufig bei öffentlichen Zeremonien vor einem Tempeln. Leider sind die „Rangoli“ nicht von langer Schönheit, da sie ganz schnell vom Wind und dem üblichen Strassenstaub zerstört werden.
Bei unserem Rundgang und der Besichtigung der Sandgemälde tauchte plötzlich die lokale Presse auf und wir mussten wieder mal ein kleines Video-Interview geben. Ich war pappe satt. Niemals wird im Voraus gesagt, was man zu erwarten hat, geschweige denn wird gefragt, ob man das alles machen will. Es werden einfach Tatsachen geschaffen. Ich war stinkig!
Wir kehrten in die Halle zurück, unterdessen war es 16:20 Uhr und die Show hatte noch immer nicht begonnen. Dafür hatte sich der Saal weiter gefüllt. Jeder zweite Besucher wollte ein Foto mit uns. Meine Laune verschlechterte sich weiter. Thomas frage erneut nach, wann es denn nun endlich starten würde und bekam „… in 10 Minuten geht es los.“ zur Antwort.
Baba war mit seinen 72 Jahren auch ersichtlich erschöpft und von der zeitlichen Verzögerung und der Lautstärke im Saal angenervt. Er schlug vor, einen Tee trinken zu gehen. Wir suchten also einen kleinen Straßenstand, gleich vor dem Kulturzentrum auf und ich wurden mit frisch zubereitetem Tee wieder positiver gestimmt.
16:45 Uhr zurück im Kulturhaus und noch immer war von einem baldigen Beginn der Tanzveranstaltung nichts zu spüren. Statt dessen wurden nun erst einmal drei VIP-Chairs vor die Bühne gestellt, auf denen drei Herren (vermutlich die Jury) Platz nahmen.
Thomas war unterdessen auch frustriert und suchte zum dritten Mal den Veranstalter auf, um ihm mitzuteilen, dass wir 17 Uhr den Saal verlassen würden, sofern bis dahin die Veranstaltung noch nicht begonnen hätte. Unterdessen warteten wir 1,5 Stunden und eigentlich waren wir ursprünglich ja bereits zu 14 Uhr eingeladen worden. Ich konnte es nicht fassen. Das war mehr als indische Zeit!  Etwas enttäuscht wegen der langen und vergeblichen Wartezeit, da wir ja von der versprochenen tollen Tanzveranstaltung nichts mitbekamen, fuhren wir tatsächlich 17 Uhr mit dem Motorrad zurück zum Dorf. Alle sollten mal die „deutsche Pünktlichkeit“ oder zumindest die Konsequenzen wahrnehmen! Doch grundsätzlich wird sich natürlich nichts an der indischen Zeitvorstellung ändern. Ich muss lernen, geduldig zu sein und das Warten sinnvoll zu füllen. Sicherlich hatten wir trotz allem tolle Begegnungen und unterhaltsame Kommunikation. Dies alles anders wahrzunehmen, fällt mir schwer. Ich hänge doch sehr an zeitlichen Strukturen. Hier ist also meine Lernaufgabe in den nächsten Monaten, wie bereits erwartet.

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