Schmuckstück

Den letzten Tag für Unternehmungen wollten wir nicht nur gemeinsam mit Shriya sondern auch mit Manju, der Schwester Ravis verbringen. Sie war seit ein paar Tagen schon ganz traurig und „beschwerte“ sich bei Shriya, weshalb sie nicht auch mit uns etwas unternehmen könne. Somit boten wir an, die beiden Mütter mit ihren Babys nach Sangola auf einen Mango-Mastani einzuladen und anschließend alle Aktivitäten zu unterstützen, die sie gern noch in der Stadt machen wollten.
Gegen Mittag könnten wir wohl aufbrechen, meinte Shriya, da dann das Kochen für das schwiegerelterliche Mittagessen abgeschlossen sei. Bis dahin wollten Thomas und ich noch einmal die Lehrer in der Schule besuchen. 12 Uhr sollte uns dann unser Mietwagenfahrer mit den beiden Frauen und den Babys von dort abholen. Wir hatten jedoch vergessen, dass die beiden als angeheiratete Frauen das Dorf und damit die Schule nicht betreten dürfen. So wurden wir separat von unserem Fahrer abgeholt und erst einmal zur Farm zurück gebracht. Von dort ging es dann erneut mit allen im Auto zurück ins Dorf und weiter nach Sangola.

Der Arbeits-Sari war gegen den Ausgeh-Sari eingetauscht, die Haare glänzten in der Sonne und waren geflochten sowie mit Spangen zusammengesteckt. Shriya und Manju waren geschminkt, goldgeschmückt und hielten ihre ebenso ausgehfertig gekleideten Babys im Arm. Beide waren fast nicht wiederzuerkennen! Dagegen sahen nun Thomas und ich etwas unpassend gekleidet aus. Wir hatten unsere goldbestickte Ausgehgarderobe zu Hause gelassen. Allerdings hatte ich ein im letzten Jahr gekauftes indisches Kleid an und passe somit doch ganz gut zu der kleinen Frauenrunde.

Bevor es jedoch zum Eisessen in die Stadt gehen würde, stand ein kleines Ritual für das Neugeborene auf dem Plan: der Kauf von goldenen Ohrringen sowie das Stechen der Ohrlöcher für die 4-wochen-alte Sahi. Wir erfuhren, dass jeder Säugling- unabhängig davon ob Junge oder Mädchen- traditionell nach der Geburt goldene Ohrringe bekommt. Diesen sind meist religiöse Motive hinterlegt und selbst kleinste Ringe für Babies schauen aus wie winzige Imitate historischer Schmuckstücke. Dazu kommen dann noch die Fußschellen oder -ringe, ebenfalls mit traditionellen Motiven bestückt. Das leichte Klingeln und Klirren des Fußschmuckes soll die Aufmerksamkeit der Gottheiten wecken und böse Geister verscheuchen.

Während ich den schlafenden Ohm auf den Armen hielt, suchten Shriya und Manju die Ohrringe aus. Wir brauchten nur zwei Läden, bis die passende Größe und Form gefunden und die Ohrlöcher gestochen waren. Erstaunlicherweise kam kein einziger Laut von der kleinen Sahi. Dabei hatte ich mich schon auf ein ohrenbe-täubendes Geschrei eingestellt. Aus eigener Erfahrung war mir das Ohrlochstechen nicht in so guter Erinnerung aber „…wer schön sein will, muss leiden!“ . Manju war aufgeregter und erschrockener als ihre kleine Tochter und so managte Shriya den Ablauf.

Anschließend war dann zur Belohnung für alle „Mango-Mastani-Zeit“. Gestärkt ging es weiter zum Shoppen. Shriya wollte für sich einen neuen Festtags-Sari, den sie gleich zur Hochzeit von Shripad (Sohn des Bruders ihres Schwiegervaters) im Dezember tragen würde. Die Suche dauerte etwas länger und so kam ich mit den Shop-Besitzern ein wenig ins Gespräch. Wieso ich überhaupt hier wäre, weshalb ich ein indisches Kind auf dem Arm hätte, wo meine Familie sei und noch viele tausend andere Fragen wurden mir gestellt. Um mich herum scharte sich eine kleine Gruppe und hörte gespannt auf meine Antworten. Zum Abschied wurde ein gemeinsames Fotos gemacht.

Da zeigte sich ein großer Unterschied zwischen den Kulturen. In Indien wird man als Fremde sofort freundlich angesprochen, angelächelt, neugierig ausgefragt und bekommt sehr oft sogar noch einen Tee angeboten. Das ist uns allerdings manchmal auch ein wenig zu viel des Guten, so vereinnahmt zu werden. In Rwanda begegnet einem dagegen überwiegend strenge manchmal auch freundliche Skepsis und vornehme Zurückgezogenheit. So sehen sich die Einheimischen übrigens auch selbst und bezeichnen sich sogar als „untypische Afrikaner“. Von einer überschwänglichen Offenheit ist keine Spur.

Ich möchte nicht generalisieren denn immerhin hatten wir schon einzelne sehr, sehr nette Begegnungen. Z. B. erinnere ich mich gern an die unerwarteten Familienfeier bei Solange anlässlich ihrer Überraschungsgeburtstagsfeier oder auch an den Besuch im „514“ mit Musik und Tanz sowie dem Live-Auftritt von Lotti. Beides unvergesslich! Es gibt also Ausnahmen! Man muss sie nur (auf)suchen und teilweise selbst mit initiieren.

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